Skisprung-Olympiasieger im Interview

Wellinger: "Ich will wieder ganz vorne angreifen"

Skispringen: Andreas Wellinger meldet sich nach langer Leidenszeit zurück.
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Skispringen: Andreas Wellinger meldet sich nach langer Leidenszeit zurück.

Nach langer Leidenszeit ist Andreas Wellinger zurück. Der zweifache Olympiasieger im Skispringen spricht im Interview über seine Verletzungen, Corona und seine Ziele.

Weißbach - Andreas Wellinger hat eine ereignisreiche Zeit hinter sich. Fast ein Jahr war der Weißbacher, der für den SC Ruhpolding startet, außer Gefecht gesetzt. Im Juni 2019 zog er sich eine schwere Knieverletzung zu, verpasste so die komplette Saison.

Im Interview mit chiemgau24.de spricht Wellinger über den wohl schwersten Tag seiner Karriere, seine intensive Reha-Zeit, turbulente Tage in Australien, sein Comeback nach 11,5 Monaten Pause und seine grenzenlose Vorfreude auf die neue Saison.

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Herr Wellinger, die Corona-Zeit hat für Sie turbulent begonnen. Sie waren in Australien und haben sich an der Schulter verletzt. Was genau ist passiert?

Andreas Wellinger (24): Ich bin kurz vor der Corona-Welle in Richtung Australien aufgebrochen, um meine Schwester dort zu besuchen. Als ich meinen Urlaub antrat, war noch alles normal. Abflug und Einreise waren kein Problem. Wir konnten uns zunächst vor Ort frei bewegen. Wir sind dann surfen gegangen, dabei hat sich mein Bord im Sand verhakt und ich bin mit der Schulter voraus im Flachwasser auf den Sand gestürzt. Mein Schlüsselbein hat nachgegeben und ich habe schnell gemerkt, dass das eine schwerwiegendere Verletzung ist.

Wie ging es dann weiter?

Wellinger: Einen Tag nach meinem Unfall kam seitens der australischen Behörden die Empfehlung, zuhause zu bleiben. Da ich mich kaum bewegen konnte, war das zunächst auch keine Einschränkung. Aber es stand natürlich die Frage im Raum, wann, wie und wo ich meine Verletzung behandeln lasse.

Wie haben Sie diese komplexe Situation gelöst?

Wellinger: In Absprache mit dem Ärzteteam des Deutschen Skiverbandes haben wir beschlossen, dass ich noch vor Ort in Brisbane operiert werde. Schon einen Tag nach der OP habe ich die Rückreise nach Deutschland angetreten und war sehr erleichtert, als ich gut zuhause ankam. Die Gesamtsituation war durchaus turbulent, aber letztlich ist alles gutgegangen.

In der Zwischenzeit hatte sich die Corona-Lage auch in Deutschland verschärft. Wie ging es für Sie nach ihrer Ankunft weiter?

Wellinger: Ich bin bei meinem Vater untergekommen und habe mich dort, trotz der Ausgangsbeschränkungen, gut erholt. Als die Ausgangsbeschränkungen gelockert wurden, konnte ich mit der Physiotherapie beginnen, ich wurde medizinisch bestens versorgt und konnte dank der Natur und der Umgebung auch mental gut abschalten.

Und dann kam der 14. Mai 2020. Nach fast einem Jahr standen Sie wieder auf der Schanze. Wie war dieses Gefühl?

Wellinger: Die Vorfreude auf diesen Tag war riesig. Fast ein Jahr den Sport, den ich so liebe und in den ich sehr viel investiere, nicht ausüben zu können, war nicht einfach für mich. Ich war entsprechend angespannt vor dem ersten Sprung. Dann aber umso erleichterter, als alles gut ging und ich gemerkt habe, dass ich körperlich wieder in der Lage bin, von der Schanze zu springen.

"Klar jagt man nicht gleich den Schanzenrekord"

Mussten Sie die Abläufe eines Sprungs wieder neu lernen?

Wellinger: Skispringen ist ein Automatismus, den man auch innerhalb eines Jahres nicht verlernt. Klar jagt man nach einer so langen Pause nicht gleich den Schanzenrekord, sondern geht zunächst defensiver an die ganze Sache ran. Aber das Gefühl für die Schanze kommt sehr schnell zurück, entsprechend konnte ich regulär trainieren.

Wie gestalten sich die Trainingsbedingungen für Sie und ihre Teamkollegen in Zeiten von Corona?

Wellinger: Wir trainieren in kleineren Gruppen und halten uns an die Abstandsregeln. Als Freiluftsportart ist das für uns gut umsetzbar und auf der Schanze gibt es mit dem Abstand ohnehin keine Probleme. Zweikämpfe auf der Schanze gibt es im Skispringen ja eher weniger (lacht).

Werfen wir einen Blick zurück. Vor knapp einem Jahr haben Sie sich beim Training in Hinzenbach schwer am Knie verletzt. Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?

Wellinger: Es hat sich angefühlt wie ein Hammer, der einem auf den Kopf fällt. Die Diagnose war sehr deprimierend, in meinem Knie war fast alles kaputt, was kaputtgehen kann. Drei Tage nach dem Unfall wurde ich operiert und habe die Situation dann aber recht schnell angenommen und den Blick nach vorne gerichtet.

Wie schwierig ist der Weg zurück nach einer so schweren Verletzung?

Wellinger: Die ersten Schritte gehen relativ schnell. Ich konnte das Bein schon recht früh wieder belasten und auch die Beugung war recht schnell zurück. Dann aber beginnt ein langwieriger Prozess, der viel Geduld und Feinarbeit beansprucht.

Was meinen Sie damit genau?

Wellinger: Man muss sich beispielsweise damit beschäftigen, wieder ergonomisch korrekt laufen zu können. Das dauert länger als man denkt, fördert aber auch ein neues und bewussteres Körpergefühl. Man lernt seinen Körper ganz neu kennen.

In den "richtigen Momenten" gibts einen Tritt in den Hintern

Wie haben sie die schwere Zeit aus mentaler Sicht bewältigt?

Wellinger: Meine Familie und Freunde haben dabei eine zentrale Rolle gespielt und mir unheimlich viel Kraft gegeben. Auch das Reha-Umfeld war extrem wichtig. Die Trainer und Betreuer haben mich gefordert, motiviert und mir in den richtigen Momenten aber auch den nötigen Tritt in den Hintern verpasst. (lacht)

Sie waren gezwungen die Saison 2019/20 vor dem Fernseher oder als Zuschauer an der Schanze zu verfolgen. Wie sieht sich Andreas Wellinger ein Skispringen an, an dem er nicht teilnimmt?

Wellinger: Es war eine neue Erfahrung für mich, die Wettbewerbe von zuhause oder an der Schanze zu verfolgen. Klar habe ich mit meinen Teamkollegen mitgefiebert, aber die Perspektive ist doch eine ganz andere. Wenn ich mit meiner Familie die Springen auf der Couch verfolgt habe, kam das geschulte Auge durch. Ich konnte meistens direkt nach dem Absprung sagen, ob ein Sprung gut wird oder nicht.

Bei der Vierschanzentournee waren Sie für die ARD auch als Co-Kommentator im Einsatz. Hat Ihnen diese Aufgabe Spaß gemacht?

Wellinger: Auch das war eine neue und spannende Erfahrung, die mir großen Spaß gemacht hat. Ich habe meinen Sport so noch einmal aus einem anderen Blickwinkel kennengelernt.

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Werfen wir einen Blick nach vorne: Was haben Sie sich für die kommenden Wochen und Monate vorgenommen?

Wellinger: Perspektivisch will ich wieder ganz vorne angreifen, das wird aber ein langer und schwieriger Weg. Jetzt liegt der Fokus zunächst auf den Trainingslehrgängen. Über diese will ich mir die Sicherheit zurückholen und mich dann, sofern sie stattfinden, auch in den Sommer-Grands-Prix beweisen. Im Hinblick auf den Winter muss ich mich dann zunächst teamintern durchsetzen, das wird schwer genug.

Was auf die hohe Qualität innerhalb der deutschen Mannschaft zurückzuführen ist …

Wellinger: Absolut. Man muss sich nur die Ergebnisse der letzten Jahre anschauen. Qualität und Quantität sind enorm hoch, die Erfolge von Markus Eisenbichler, Karl Geiger, Stephan Leyhe, Constantin Schmid und auch von mir sprechen für sich. Nicht von ungefähr sind wir amtierende Weltmeister, Vize-Olympiasieger und Nationencupgewinner im Team.

Auf was ist diese sehr positive Entwicklung zurückzuführen?

Wellinger: Auf harte Arbeit, hungrige und talentierte Sportler und ein hervorragendes Umfeld, bestehend aus Trainern, Technikern, Betreuern und Trainingsmöglichkeiten. Das war schon unter Werner Schuster so und ging nach dem Wechsel auf Stefan Horngacher nahtlos weiter. Durch das hohe Leistungsniveau pushen wir uns im Training gegenseitig und schaffen so einen gesunden, fairen und produktiven Konkurrenzkampf. Dabei arbeiten wir als echte Einheit zusammen und gönnen uns gegenseitig auch die Erfolge.

"Das wird eine richtig geile Saison"

Skiflug-WM, Vierschanzentournee, Nordische Ski-WM in Oberstdorf … Die Saison 2020/21 kommt mit zahlreichen Highlights daher. Wie schätzen Sie das als Sportler ein?

Wellinger: Das wird eine richtig geile Saison. Großereignisse sind für uns Athleten immer etwas ganz Besonderes, die Vorfreude ist riesig. Außerdem finden mit der Tournee und der WM zwei Großereignisse in Deutschland statt. Der Terminkalender ist straff, entsprechend gut muss man sich die Kräfte einteilen. Neben den Großereignissen geht es für uns ja auch noch zu den Springen nach Japan und zur Generalprobe für Olympia 2022 in Peking. Und nach der WM in Oberstdorf beginnt auch schon die RAW AIR Tour in Norwegen. Da kommen die Skisprung-Fans voll auf ihre Kosten.

Kann man seine Leistungsfähigkeit so steuern, dass man zu einem spezifischen Ereignis auf seinem Formhöhepunkt ist?

Wellinger: Das ist im Skispringen nicht möglich. Dafür ist unsere Sportart zu sensibel und feinfühlig. Oft sind es Nuancen, die über einen guten oder schlechten Sprung entscheiden. Auch Komponenten wie Form oder Selbstvertrauen kann man nicht trainieren. Die hat man, oder eben nicht.

Wären Wettkämpfe ohne Zuschauer für Sie denkbar?

Wellinger: Gerade weil so viele Highlights anstehen, wäre das ein großer Verlust für unsere Sportart. Man denke nur an die Events bei der Tournee. Es ist für uns Athleten ein großartiges Gefühl, wenn über 20.000 Zuschauer für eine überragende Stimmung sorgen. Aber Gesundheit und Sicherheit für alle Beteiligten gehen vor. Wenn es die Umstände nicht zulassen, müssten wir das so hinnehmen. Wie sich das dann auf den Sport und die Leistungen auswirken würde, ist in der Theorie schwer zu prognostizieren.

Quelle: chiemgau24.de

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