Auch nach 2:0 gegen Bayern noch keine heile Welt auf Schalke

Freudentanz: Schalkes Benedikt Höwedes (links) und Atsuta Uchida. ▪

GELSENKIRCHEN ▪ Das „Anno 1904“, ansonsten ein recht heiteres Etablissement, trug am Samstag Mittag Trauer. Die Fan-Gaststätte an der Kurt-Schumacher-Straße war mit einem schwarzen Tuch verhüllt worden, auf dem ein Sarg, zwei Kreuze und die Aufschrift „Mythos Schalke 2004-2011?“ gedruckt waren.

Von Jens Greinke

Es war der Protest von Magath-Zweiflern innerhalb der Schalker Anhängerschaft, die nach dem 0:5-Debakel in Kaiserslautern eine Woche zuvor regen Zulauf erhalten hatten. Doch abends, gegen kurz vor Acht, wirkte die Aktion etwas deplatziert und schlecht getimed – als in der nicht weit entfernten Arena eine ausgelassene Stimmung herrschte, wie man sie im „Anno 1904“ nur bei der Fassleerung (alle Schnäpse 1 Euro/Pils, bis es nichts mehr gibt) kennt.

Felix Magath macht es den Schalker Fans weiterhin nicht leicht, der Mann ist nicht zu greifen. Jedes Mal, wenn der 57-Jährige sportlich angeschlagen erscheint und sich massiver Widerstand gegen seinen totalitären Führungsstil formiert, erfolgt ein Befreiungsschlag auf dem Fußball-Feld. Dieses Mal war es der 2:0 (0:0)-Erfolg über den FC Bayern München, der das hocherhitzte Schalker Gemüt erst einmal wieder etwas herunterkühlte. „So. Jetzt lachen wir wieder alle und haben gute Laune“, sagte Magath.

Es fällt mittlerweile allerdings immer schwerer, die Schalker Probleme unter der Regentschaft von Magath zu übersehen. Da ist eine Mannschaft, die angesichts ihrer Leistungsschwankungen ein großes Mysterium darstellt. Auch gegen die Bayern wurden vor allem im ersten Durchgang ihre großen Schwächen deutlich. Und wären die Münchner nicht so verschwenderisch mit ihren Torchancen umgegangen, hätte diese Partie niemals mit einem Schalker Sieg geendet. „Ich finde diese Niederlage unglaublich“, sagte FCB-Coach Louis van Gaal: „Wir haben in der ersten Halbzeit fünf, sechs einhundertprozentige Chance kreiert, sie aber nicht verwertet.“ Das lag einerseits an der Fahrlässigkeit von Spielern wie Mario Gomez oder Toni Kroos, andererseits an der erneut überragenden Leistung von Schalke-Keeper Manuel Neuer (siehe nebenstehenden Text). „Er hat uns heute im Spiel gehalten“, gab Magath zu, während Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer neidisch bemerkte: „Neuer hält auch die Unmöglichen.“ Dass der 24-Jährige mit einem unfassbar exakten 60-Meter-Abschlag auf Raul auch noch das 1:0 durch José Manuel Jurado (58.) einleitete, nahm der „Kaiser“ nur noch mit Gleichmut zur Kenntnis. Danach waren die Bayern, die das Spiel im ersten Durchgang weitgehend kontrolliert hatten, eingegangen wie eine Primel und hatten in der 67. Minute das 2:0 durch den starken Benedikt Höwedes kassiert. Und waren somit wohl auch aus dem Meisterschaftsrennen ausgeschieden. „Wenn wir realistisch sind, müssen wir jetzt auf den zweiten oder dritten Platz gehen“, sagte Louis van Gaal angesichts des Abstandes auf Tabellenführer Borussia Dortmund. Trotz dieses Sieges bleibt Magath die große Reizfigur, an dem der Vorwurf der Fans, er sei zu emotionslos, abperlt wie Eisregen am Gefieder eines Königs-Pinguins. „Ich bin eben kein Trainer zum Knuddeln“, so Magath, „der Manuel und der Raul, die sind was zum liebhaben.“ Wo sich die Anhängerschaft die große Romanze wünscht, gewährt Magath allenfalls eine Vernunftehe. Ein fragiles Konstrukt, das bei Enttäuschungen immer wieder arg ins Wanken gerät. Nach dem Sieg über die Bayern herrscht zunächst einmal etwas mehr Ruhe. Doch die ist äußerst trügerisch.

Immerhin meldete sich am Samstag in der Pressekonferenz noch ein älterer Herr zu Wort, der sich zunächst selbst vorstellte („Ich bin Rudi Gutendorf und war mal Trainer von Schalke“) und danach ein flammendes Plädoyer für Felix Magath hielt: „Ich habe seine Handschrift heute erkannt, viele tun das nicht“, meinte die 84-jährige, weit gereiste Trainerlegende (Spitzname „Riegel-Rudi“), der zum Abschluss in den Raum rief: „Ihr müsst Vertrauen haben!“

Quelle: wa.de

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