Schalker sorgen in Mailand für eine magische Nacht

MAILAND ▪ Hans Sarpei stand im engen Kabinengang des Guiseppe-Meazza-Stadions und machte ein ernstes Gesicht. „Ich nachhinein bin ich etwas enttäuscht“, sagte der Ghanaer mit getragener Stimme: „Wir hätten heute sechs Tore machen können.“ Und fügte mit schelmischen Grinsen an: „Aber mit den fünf kann ich auch leben. So gerade eben.“

Während draußen auf dem großen Busparkplatz die 4 000 mitgereisten Schalker Fans ein Riesenparty starteten und den fliegenden Händlern sämtliche Restbestände der Spieltag-Schals zu Spottpreisen abkauften, genossen die meisten der Schalker Spieler einen der größten Abende ihrer Karriere. Sogar Raul, den nach seiner langen und ereignisreichen Laufbahn eigentlich nichts mehr imponieren dürfte, meinte mit glänzenden Augen: „Wir haben heute Geschichte geschrieben.“ Der sagenhafte 5:2 (2:2)-Erfolg der Königsblauen im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales bei Inter Mailand war der zweite wundersame Abend des Klubs in der Hauptstadt der Lombardei. Nachdem die damaligen Eurofighter 1997 in San Siro den Uefa-Cup gegen die Neroazzurri gewonnen hatten, demütigten sie den Titelverteidiger am Dienstagabend vor dessen eigenen Fans in fast schon brutaler Weise. „Ich muss mich bei der Mannschaft bedanken, dass so ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Das ist für mich immer noch unbegreiflich“, zeigte sich Mannschaftskapitän Manuel Neuer geradezu ergriffen. Schalkes Keeper hatte ebenfalls großen Anteil an diesem Triumph, der 25-Jährige hatte erneut seine herausragende Klasse bewiesen. Neuer ärgerte sich mit einem Schmunzeln im Gesicht lediglich über seine Kopfball-Schwäche. Sein Rettungsversuch per Kopf nach 25 Sekunden hatte den frühen 0:1-Rückstand durch Dejan Stankovic eingeleitet. „Es ist schade, dass ich keine 40 Meter weit köpfen kann. 30 Meter waren jedenfalls nicht weit genug.“

Der wortgewandte Ralf Rangnick zeigte sich nach den Ereignissen in San Siro vermeintlich sprachlos. „Was soll man zu einem solchen Spiel noch sagen?“, fragte der neue Schalker Coach, um dann doch die gewohnt dezidierte Analyse zu liefern. „Es hat sich ausgezahlt, dass wir von Anfang an eine offensive Aufstellung gewählt haben“, sagte der 52-jährige zu seinem Schachzug, gleich fünf Spieler in die Startelf zu stellen, die für ihre Angriffslust bekannt sind: Raul, Edu, Jefferson Farfan, Alexander Baumjohann und Jose Manuel Jurado. Letztere agierte zwar vornehmlich als Sechser vor der Abwehr, schaltete sich aber immer wieder gefährlich in die Offensive ein. Gemeinsam mit Baumjohann, der vor wenigen Woche noch auf Geheiß von Ex-Trainer Felix Magath gemeinsam mit Hans Sarpei in die Schalker Amateur-Mannschaft verbannt worden war, führte der Spanier Regie in dieser spektakulären Aufführung. „Beide sind wunderbare Fußballer“, lobte Rangnick.

Neben der Spielkunst der Mannschaft, die immerhin auf drei Spieler hatte verzichten müssen, beeindruckte vor allem das Selbstbewusstsein der Schalker. Wie schon nach dem 0:1 steckten die Spieler auch den erneuten 1:2-Rückstand durch Diego Milito (34.) weg. „Die Psyche spielt schon eine große Rolle“, meinte Rangnick und zog als Beispiel Edu heran. Den Brasilianer hatte der Schalker Coach vor eineinhalb Wochen beim Schalker Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen „fast schon bemitleidet“. In San Siro zeigte der 29-Jährige wohl das Spiel seines Lebens – nicht nur wegen seiner beiden Treffer (40./75.).

Neben dem Eigentor von Andrea Ranocchia (57.) war Raul der fünfte Schalker Treffer (53.) gelungen. Es war das 72. Europapokal-Tor des Spaniers, der in seiner Heimat immer stärker verehrt wird. Die spanische Sportzeitung „As“ beschrieb in als ein „höheres Wesen", das „im Alter von Jesus Christus“ die höchste Laufstrecke aller Spieler auf dem Platz absolviert hatte, nämlich elf Kilometer. Die Schalker Fans sahen in dem 33-Jährigen nach der Partie lediglich einen famosen Fußballer. Und weil Raul wegen eines langen TV-Interviews die gemeinsame La Ola der Mannschaft mit den Fans auf dem Oberrang verpasst hatte, ging er noch einmal alleine in die Kurve, um mit den Anhänger zu feiern. Aus 4 000 Kehlen hallte ein lang gezogenes „Rauuul“ durch die Betonschüssel in San Siro. Ein letzter Gänsehaut-Moment in dieser magischen Nacht.

Jens Greinke

Quelle: wa.de

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