Kommentar: Magath ist nicht mehr zu halten

Wüsste er nicht, dass er sich im Jahre 2011 befindet, könnte der Beobachter des Schalker Chaos‘ auf den Gedanken kommen, per Zeitmaschine in die Ära von Günter „Oscar“ Siebert oder des Sonnenkönigs Günter Eichberg zurück katapultiert worden zu sein.

Zwar hat sich bislang noch kein Angestellter des Vereins frustriert in die Emscher geworfen, doch sind aktuell Vorgänge zu konstatieren, die Schlimmes befürchten lassen. Ein autokratischer Trainer, der sich trotz aller sichtbaren Probleme als Erfolgs-Coach hinstellt, sowie ein wankender und wankelmütiger Aufsichtsrats-Chef, der alles andere als der starke Mann im Verein zu sein scheint, sind die beiden Hauptdarsteller dieser Groteske: Felix Magath und Clemens Tönnies.

Vorab: Magath ist im Verein nicht mehr zu halten, selbst wenn die Unterstützung innerhalb des Anhangs in den nächsten Tagen ansteigen sollte. Das Verhältnis zwischen den Angestellten des Vereins und zu den meisten der Spieler ist derart nachhaltig gestört, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Dies ist der einzig relevante Punkt, wenn über eine Weiterbeschäftigung Magaths nachgedacht wird – und nicht der Erfolg in den Pokal-Wettbewerben, so schön dieser für die Fans auch sein mag.

Tönnies weiß, dass Magath ihn ebenfalls in den Abgrund ziehen kann. Weshalb die längst überfällige Trennung vom Trainer und seinem Stab noch nicht über die Bühne gegangen ist. Dass in der vergangenen Woche in der Poststelle des Vereins hektisch noch einmal Briefe herausgefischt wurden, mit denen die Aufsichtsratsmitglieder über den Tagesordnungspunkt „Freistellung Magath“ informiert werden sollten, war fast schon Realsatire. Zumindest war es ein Rückfall in die Zeiten des „alten Schalke“, die längst vorüber schienen.

Deutlich ist in den vergangenen Tagen auch geworden, das Tönnies keinen Plan B in der Schublade liegen hat.

Doch sollte dies kein Hindernis für Magaths Freistellung sein. Zum einen, weil man keinen schlechten Plan weiterverfolgen sollte, nur, weil man auf Anhieb keinen besseren hat. Zum anderen, weil die Saison für die Schalker sportlich entschieden ist. Das Schlimmste, was dem Verein noch passieren könnte, ist, dass die Mannschaft das DFB-Pokal-Finale im Mai gegen den MSV Duisburg verliert. Die Bundesliga ist hingegen gelaufen, die Abstiegsgefahr dürfte seit dem Sieg am Samstag gebannt sein. Und auch das Viertelfinale der Champions League hat für den Verein keinen existentiellen Charakter mehr. Deshalb steht genügend Zeit zur Verfügung, in den nächsten Wochen einen vernünftigen Alternativ-Plan auszuarbeiten.

Sowohl Magath als auch Tönnies gehen arg beschädigt aus dieser Geschichte. Die Mär vom König Midas ist für den Trainer vorerst beendet, sein Ruf hat arg gelitten. Eine ähnlich mächtige Position wie auf Schalke dürfte er bei einem seriösen Klub in Zukunft nicht mehr bekommen. Und Tönnies wird sich dafür rechtfertigen müssen, warum er Magath mit soviel Macht ausgestattet hat. Und ihm und seinen Vertrauten Verträge unterbreitet hat, die in ihrer einseitigen Vorteilhaftigkeit jeder Beschreibung spotten sollen.

Statt zur erhofften Meisterschaft hat das Experiment Magath zu einem schlimmen Rückfall in längst vergessen geglaubte Zeiten geführt. Der Blick in die Zukunft fällt schwer. Aber er darf nicht verloren gehen. ▪ JENS GREINKE

Quelle: wa.de

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