Vize-Kapitän im Interview

Oczipka spricht vor Knaller-Auftakt Klartext: Das sind nicht Schalkes Ansprüche

Schalkes Bastian Oczipka (31) spricht im WA-Interview vor dem Liga-Auftakt beim FC Bayern über die Vorbereitung, Kritik an Trainer David Wagner und was ihm Mut macht.

Hamm - Alles schlecht oder chaotisch in der Vorbereitung auf Schalke? Bastian Oczipka (31) widerspricht im Interview mit dem WA vehement.

Der Vize-Kapitän der Königsblauen erklärt im Gespräch mit Marcel Guboff, warum ihm vieles zu negativ dargestellt wurde, spricht über Kritik von außen und über den Liga-Auftakt am Freitagabend (20.30 Uhr/im Live-Ticker auf WA.de sowie live im Free-TV und Stream) beim FC Bayern.

Herr Oczipka, Sie gehen in Ihr viertes Jahr auf Schalke. War diese Vorbereitung spezieller als andere?
Bastian Oczipka: Da würde ich nicht mitgehen, weil von außen mehr daraus gemacht wurde. Wenn man ehrlich ist, ist eigentlich nichts Besonderes vorgefallen. Die einzige Ausnahme bildet der eine Corona-Fall. Einige Spieler mussten deswegen herausgenommen werden, aber der Großteil konnte normal weiter trainieren. Dann haben wir zwei Spiele gegen unterklassige Gegner verloren, aber da waren wir noch am Anfang der Vorbereitung und hatten einen athletischen Schwerpunkt in den Einheiten. Diese Resultate darf man nicht als Maßstab nehmen. Wichtig ist, voll da zu sein zum Bundesliga- oder gegebenenfalls zum DFB-Pokal-Auftakt, den wir jetzt nicht hatten.
Haben Sie so eine kuriose Absage schon einmal erlebt?
Bastian Oczipka: Natürlich nicht. Durch die Corona-Pandemie kamen schon mehrere Sachen dazu, die man im Fußball noch nicht erlebt hat. Wir haben uns tierisch auf das Spiel gefreut, sind von der Spannung her hochgefahren. Daher hat uns die Absetzung nicht sonderlich begeistert.
Sie bleiben bei Ihrem Fazit, dass die Vorbereitung ganz gut gelaufen ist?
Oczipka: Es kommt natürlich immer auf die Resultate an, die man in den ersten drei, vier Spielen erzielt. Wichtig ist, dass man sich im Nachhinein nichts vorzuwerfen hat, weil man in dem einen oder anderen Bereich zu wenig gearbeitet hat. Es ist insofern gut gelaufen, dass wir alles dabei hatten: Wir haben im athletischen Bereich viel gearbeitet, haben die taktischen Aspekte defensiv wie offensiv durchgesprochen. Die Wahrheit liegt dann im Endeffekt auf dem Platz.
Die drei Euro für diese Phrase zahlen Sie dann sicher direkt in die Mannschaftskasse.
Oczipka: Sehr gerne (lacht). Aber so ist es nun mal. Du kannst noch so eine gute Vorbereitung haben – wenn die Ergebnisse dann in den Pflichtspielen nicht stimmen, hilft dir das auch nicht.
Kurz nach Ihrem Wechsel zu Schalke haben Sie im November 2017 gesagt, Schalke gehöre in die Top drei der Bundesliga. Was ist in der Entwicklung schiefgelaufen?
Oczipka: Als ich gekommen bin, hat es ja noch gestimmt – und wir sind Vize-Meister geworden. Da lag ich mit meiner Einschätzung ja noch richtig (grinst). Danach ist natürlich viel passiert. Das würde zu lange dauern, um das alles zu erläutern. Wenn man sich die letzten beiden Platzierungen anschaut, entspricht das natürlich nicht den Ansprüchen von Schalke 04. Mit den Top drei der Bundesliga haben wir aktuell auch nichts zu tun - so ehrlich muss man sein. Aber in die Kategorie „Platz 14“ gehören wir auch nicht.

Schalkes Oczipka freut sich über die Rückkehr der Fans ins Stadion

Was trauen Sie Ihrer Mannschaft denn zu?
Oczipka: Das ist ganz schwierig zu sagen. Die Bundesliga ist sehr ausgeglichen. Wir haben uns als Ziel ausgegeben, dass wir wieder ein anderes Gesicht zeigen. Natürlich kann man mal ein Spiel verlieren. Aber so, wie über weite Strecken in der Rückrunde, dürfen wir uns nicht mehr präsentieren.
Die Fans müssen auch dauerhaft keinen passiven Schalker Fußball mit teilweise weniger als 20 Prozent Ballbesitz befürchten?
Oczipka: Keiner sollte erwarten, dass wir am Freitag gegen die Bayern 60 Prozent Ballbesitz haben. Wir hatten viele Verletzte, was natürlich nicht die alleinige Ausrede dafür ist, warum gefühlt alles schief gegangen ist. Aber jetzt sind wieder alle dabei – wir haben viel Qualität in der Mannschaft. Die müssen wir nun auf den Platz bekommen.
Hat es in diese wenig anschaulichen Spielen in der Rückrunde vielleicht sogar geholfen, dass keine Zuschauer im Stadion waren?
Oczipka: Ich bin ganz klar der Meinung, dass es mit Fans viel mehr Spaß macht. Wir leben von den Emotionen – positiv wie negativ. Das gehört zum Fußball einfach dazu.
Auch Schalke darf sich nun auf deutlich mehr Fans im Stadion freuen, als noch vor ein paar Tagen erwartet. Eine gute Nachricht für Klub und Mannschaft?
Oczipka: Auf jeden Fall. Wir freuen uns total, dass zumindest ein Teil unserer Fans wieder in die Arena kommen kann. Diese Unterstützung wird uns guttun. Es ist außerdem ein weiterer Schritt hin zur Normalität, die nach den letzten, harten Monaten vielen Menschen eine Freude machen wird.

Schalkes Oczipka nimmt Kritik gelassen

Nach den teils dürftigen Auftritten in der Vorbereitung gab es wieder Kritik an Trainer David Wagner. Für Sie nachvollziehbar?
Oczipka: Wenn man weiß, dass man zu Schalke 04 wechselt – egal ob als Spieler oder als Trainer –, muss man damit rechnen, dass es in beide Richtungen sehr, sehr schnell gehen kann. Wichtig ist, dass man vom Kopf her klar bleibt, auf seine Stärken vertraut und eine gewisse Balance findet. Wenn es gut läuft, darf man nicht abheben – andersherum darf man im negativen Fall nicht direkt den Kopf in den Sand stecken, sondern muss gegen Widerstände ankämpfen.
Weil ein gestandener Rechtsverteidiger im Kader fehlt, muss Sebastian Rudy dort jetzt ran. Es gibt Kritiker, die sagen: Jetzt hat Schalke auf beiden Außenbahnen – mit Ihnen und Rudy – kaum noch Tempo. Wie kontern Sie?
Oczipka: Wenn ich immer auf alles reagieren würde, wäre das auch nicht hilfreich. Wir werden unsere Antwort auf dem Platz geben. Es bringt auch nichts, auf die Zahl seiner Bundesliga-Spiele oder andere Fakten zu verweisen. Kritiker wird es sowieso immer geben. So lange diese sportlich ist, ist es okay. Damit kann ich umgehen. Aber wenn es ins Persönliche geht, ist es immer etwas schwieriger.
Im vergangenen Jahr schickten Sie Ihrem Ex-Kollegen Leon Goretzka vor der Partie eine Whatsapp, kündigten ihm darin ein „schönes Tackling“ an. Hatten Sie diesmal auch Kontakt?
Oczipka: Ich habe ihn diesmal in Ruhe gelassen, er hat in den vergangenen Wochen viel um die Ohren gehabt. Es war sicher eine turbulente Zeit für ihn. Er sollte sich da einfach mal regenerieren.
Bastian Oczipka ist nun Vize-Kapitän von Schalke 04.

Schalkes Oczipka: Deshalb überrascht mich die Entwicklung von Goretzka beim FC Bayer nicht

Sie haben Goretzka den Durchbruch bei Bayern von Anfang an zugetraut, im Sommer war er Stammkraft beim Triple. Wie sehen Sie seine Entwicklung?
Oczipka: Sensationell natürlich. Ich war mir deshalb so sicher, weil nicht immer nur Talent dazugehört, um sich bei Bayern München durchsetzen zu können. Bei Leon war mir klar, dass er einer ist, der es bei den Bayern schafft, weil er klar im Kopf ist. Er ist sehr clever, er kann sich selbst gut einschätzen, arbeitet viel an sich. Obwohl er auf Schalke die größte Nummer war, hat er trotzdem immer noch viel gemacht, um besser zu werden. Von seiner Mentalität, von seinem inneren Antrieb her ist er jemand, der immer mehr will. Er hat sich das verdient – und es war meiner Meinung nach abzusehen.
Sie treffen am Freitag auch Alexander Nübel wieder. Was trauen Sie ihm in München zu?
Oczipka: An Manuel Neuer gibt es nichts zu meckern. In München Spielpraxis zu bekommen, wird schwer werden für Alex. Er hat den besten Torwart der Welt vor sich. Nichtsdestotrotz ist Alex ein super Torhüter mit viel Qualität. Egal wo: Er wird seinen Weg gehen.
Es ist drei Jahre her, dass Schalke zuletzt einen Punkt in München geholt hat. Ein Sieg liegt sogar neun Jahre zurück. Was macht Sie zuversichtlich, dass es dieses Jahr mit etwas Zählbarem klappt?
Oczipka: Wir haben in der Vorbereitung alles gemacht, um perfekt eingestellt zu sein. Wir wollen ein anderes Gesicht zeigen. Anfang des Jahres haben wir es in München sehr schlecht gemacht, als wir 0:5 verloren haben. Im Pokal-Viertelfinale haben wir nur 0:1 verloren und es wesentlich besser gespielt. Natürlich wollen wir in München zeigen, dass wir es deutlich besser können als im Januar.

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