„Musste lernen, mich zu quälen“ – Interview mit dem Dülmener Boxer Marcel Hesker

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Ein Superschwergewicht in Aktion: Marcel Heskers Training besteht aus Konditionsübungen, Krafttraining, Dehen und Pratzentraining wie Schattenboxen und Sandsack-Training.

Dülmen. Wenn er vor einem steht, kann es schnell mal dunkel werden – wäre da nicht das freundliche Gesicht mit dem sympathischen Lächeln, das einem entgegenstrahlt. Mit 117 Kilogramm und einer Körpergröße von 1,97 Metern gehört der Dülmener Marcel Hesker zu den Superschwergewichten (Boxer mit einem Gewicht ab 96 Kilogramm). Der Mann, der so breit wirkt, wie er groß ist, verrät im Streiflichter-Interview mit Tim Nieswandt, wie er zum Boxen gekommen ist, wie facettenreich der Sport ist und wie er es geschafft hat, Spaß daran zu finden, sich selbst immer wieder zu quälen.

Sie hatten im November Ihren letzten offiziellen Kampf und sind jetzt quasi in Boxerrente. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, die Handschuhe an den Nagel zu hängen?

Marcel Hesker: Mit meinen 37 Jahren musste ich so langsam die Bremse ziehen. Zum einen sind das gesundheitliche Gründe, aber der entscheidende Faktor ist die Familie. Nach der Geburt meiner Tochter war meine Frau verständlicherweise nicht so begeistert, dass ich nochmal in den Ring steigen wollte. Aber da ich den letzten Kampf verloren habe, konnte ich sie überreden, einen letzten Versuch zu starten.

Und ist Ihnen dieser Versuch geglückt?

Hesker: Ja, das ist er. Schon in der ersten Runde habe ich den Kampf durch einen technischen K.o. für mich entschieden. Das bedeutet, dass mein Gegner aus der Sicht des Richters körperlich kampfunfähig war. Ich hätte eigentlich gerne noch länger geboxt, aber im Grunde kann ich auch froh sein, dass der Kampf so schnell vorbei war, da ich mir zuvor im Training den Ellenbogen gebrochen hatte. Gemerkt habe ich das durch das Adrenalin nicht wirklich, da war eine Rippenprellung deutlich unangenehmer.

Wie hart war die Vorbereitung auf den Kampf, wenn Sie selbst unter diesen Umständen unbedingt in den Ring steigen wollten?

Hesker: Im Boxen ist die Kondition das A und O. Zwei Monate habe ich also richtig Gas gegeben und mein Krafttraining auf Ausdauer umgestellt. In der Zeit habe ich zehn Einheiten pro Woche absolviert, die bis zu zwei Stunden lang waren. Eine Diät musste ich auf Grund meiner Gewichtsklasse nicht machen. Da ich schon zu der schwersten Gewichtsklasse gehöre, konnte ich so viel essen, wie ich wollte. Natürlich ist man mit 117 Kilogramm in der Bewegung etwas träger, dafür sind die Schläge umso härter. Das Zauberwort hierbei lautet Schnellkraft. Ausdauer bedeutet beim Boxen auch etwas ganz anderes als beispielsweise beim Fußball. Beim Boxen hat man dreimal für zwei Minuten einen unfassbaren Aufwand und einen Puls von 200, während man beim Fußball über 90 Minuten einen deutlich längeren, aber weniger intensiven Aufwand betreibt.

Apropos Fußball. Sie waren ja selber einige Jahre Co-Trainer bei den Fußballdamen von Adler Buldern. Wie sind Sie als Kampfsportler dazu gekommen, etwas im fußballerischen Bereich zu machen?

Hesker: Mein Schwiegervater trainierte 2012 die Damen und fragte mich, ob ich nicht mal mit zum Training kommen könnte, um die Mädels richtig fit zu machen. Da ich in der Jugend selbst Fußball gespielt habe und zu der Zeit auch viel mit meiner Frau laufen war, sagte ich zu. Mein Konditionstraining wurde von den Damen so gut angenommen, dass ich kurzerhand als Fitnesstrainer das Trainerteam erweiterte. Das sprach sich bald im Verein rum, sodass mich die erste und zweite Mannschaft fragten, ob ich im Rahmen der Vorbereitung ebenfalls Konditionseinheiten durchführen könnte. Das Ganze hat sich soweit rumgesprochen, dass ich mittlerweile immer wieder Anfragen von Vereinen bekomme. Von Rödder über Merfeld bis Seppenrade war ich überall schon im Einsatz.

Wie sieht so ein Konditionstraining aus und inwiefern ähnelt das Ihrem eigenen Training?

Hesker: Das Training mit den Fußballmannschaften ähnelt meinem Schlussprogramm beim Boxtraining. Es ist ein Mix aus Konditionsübungen, bei denen man zwischen Kraft und Ausdauer wechselt. Bauchtraining ist ebenfalls ein großer Bestandteil der Übungen. Ich selbst mache das immer 20 bis 30 Minuten. Mein eigenes Training startet üblicherweise mit einem 20-minütigen Aufwärmprogramm mit klassischem Seilspringen und Dehnübungen. Der Hauptteil besteht aus 40 bis 50 Minuten Pratzentraining. Hier werden die Techniken einstudiert – dabei gibt es unzählige Kombinationen. Das können Sandsack-Training, Schattenboxen, Reaktionsübungen und vieles mehr sein. Das ist sehr abwechslungsreich.

Das klingt ziemlich anstrengend. Wie schaffen Sie es, sich immer wieder dafür zu motivieren?

Hesker: Zunächst einmal war ich von Anfang an von diesem Sport begeistert und wollte unbedingt Kampfsport machen. Da auf dem Land aber nur Judo angeboten wurde, musste ich mich erstmal mit einem Fitness-Boxkurs im Fitnessstudio zufrieden geben. Das reichte aber aus, um in diesen Sport hineinzuschnuppern, sodass ich zunächst in Haltern und später dann in Dorsten in der Workers Hall mit dem Boxen anfing. Anfangs musste ich erst mal lernen, mich selbst zu quälen. Beim Training geht man regelmäßig an seine Grenzen und darüber hinaus. Das fördert die Mentalität, die man im Ring braucht. Es ist dieser Wille, immer besser zu werden, der mich motiviert – auch heute noch.

Jetzt wo Sie nicht mehr aktiv im Ring stehen – gibt es aktuell etwas anderes, wofür Sie trainieren?

Hesker: Ja, irgendetwas brauche ich immer als Ansporn. Aktuell trainiere ich für den Strong-Viking-Hindernislauf über 19 Kilometer. Das soll einer der schwersten Läufe sein, die es gibt. Darum versuche ich meine Kondition weiter zu verbessern. Wichtig wird auch die Griffkraft sein, weswegen ich viele Klimmzüge und Bauchübungen an der Stange mache. Das Wichtigste ist aber die gemeinsame Zeit mit meiner Frau und meiner Tochter. Nicht umsonst habe ich die Boxhandschuhe an den Nagel gehängt.

Zur Person:

Marcel Hesker ist 37 Jahre alt und arbeitet im Chemiepark in Marl als Kraftwerksmeister. Er lebt zusammen mit seiner Frau Lisa und seiner zweijährigen Tochter in Dülmen. Zudem besitzt der 1,97-MeterMann drei Hunde. Wenn er mal nicht im Fitnessstudio zu finden ist, genießt er die Zeit mit der Familie. Am liebsten auf Texel, wo er zwei bis drei Mal im Jahr hinfährt. Seine Boxkarriere beendete Hesker im November 2018 mit einem Sieg. Insgesamt gewann der Superschwergewichtsboxer zwölf seiner 16 Kämpfe.

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