Carina Niemeyer und Michaela Stutz sind Judo-Weltmeisterinnen im Behindertensport

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Rund zwanzig G-Judokas aus der Behindertensportabteilung der DJK Dülmen trainieren jeden Montagabend in der Turnhalle des Anna-Katharinenstifts in Karthaus.

Dülmen. Weltmeister im Sport sind oftmals umjubelt. Nicht selten sind sie reich und berühmt und vor der Kamera schwenken sie Fahnen, beißen auf Goldmedaillen oder recken Trophäen in die Höhe. Etwas bescheidener, aber nicht minder erfolgreich ist da die „Judo-Welt“ von Michaela Stutz und Carina Niemeyer.

„Hajime“, tönt Bernard Freitags Stimme durch die Turnhalle des Anna-Katharinenstift Karthaus. Es ist ein Montagabend um 17 Uhr, draußen ist es bereits dunkel. „Hajime“ ist das japanische Wort für „Beginnen“ und gilt in diesem Fall einem fast blinden Mädchen. Auf der acht mal acht Meter großen ausgelegten Judomatte greift sie erstaunlich forsch an die Jacke ihrer Gegnerin. „Hab ich gewonnen?“, fragt sie am Ende des Kampfs.

Seit 1998 betreut Bernard Freitag gemeinsam mit sieben weiteren speziell ausgebildeten Trainern die G-Judokas der DJK Dülmen. Derzeit sind das rund 20 Sportler. G-Judo, das steht für Behindertensport. Der Begriff stammt aus der niederländischen Sprache und bedeutet frei übersetzt „gehandicapt Judo“, also Judo für Menschen mit geistiger Behinderung. Das besondere an der Kampfsportgruppe in Dülmen: Zwei Weltmeisterinnen starten für die DJK.

Eine von ihnen ist Michaela Stutz. Sie ist klein und zierlich und wirkt auf den ersten Blick nicht so als könne sie ihre Gegner schnell zu Fall bringen. Dennoch startet mit dem nächsten „Hajime“ ihr Trainingskampf. Patrick Müglitz ist fast einen Kopf größer als die Sportlerin. Dennoch schafft Stutz es scheinbar ohne große Anstrengung ihren Gegner zu schultern. „Sie ist eben ein kleines Kraftpaket“, schmunzelt Freitag. Die 31-Jährige Dülmenerin arbeitet – so wie viele ihrer Trainingskollegen – im Anna-Katharinenstift Karthaus. Sie ist dort die „heimliche Chefin“ der Druckerei. In ihrer Freizeit folgt sie einem eben so straffen wie selbst gewählten Programm: Keyboard spielen, sich mit Freunden treffen, schwimmen und natürlich Judo. „Mir macht alles Spaß, aber Judo am meisten“, so Stutz, die die japanische Kampfkunst seit 21 Jahren betreibt.

Im Oktober gewann sie in der Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm die erste G-Judo-Weltmeisterschaft in Köln, ausgerichtet von der Internationalen Judo-Föderation (IJF) und dem Internationalen Verband für Sport mit geistig Behinderten (INAS).

Ähnlich erfolgreich ist nur die Dülmenerin Carina Niemeyer. Sie ist Weltmeisterin in der Klasse bis 78 Kilogramm und ebenso wie Stutz Deutsche Meisterin. Sowohl Stutz als auch Niemeyer erkämpften in der zurückliegenden Saison 2017 jeweils sechs Mal Gold.

Warum Niemeyer den Sport betreibt, das weiß sie ganz genau: „Zum Judo gehört Mut und sich selbst wehren zu können“, erklärt die Judoka, die in der Gärtnerei im Anna-Katharinenstift tätig ist. „Auch Selbstbehauptung brauche ich“, ergänzt sie nach kurzer Überlegung.

„Für das Selbstbewusstsein unserer Sportler ist Judo ein großer Schritt“, so Freitag. „Zum Beispiel bei Anna: Sie ist sehr unruhig, lässt sich nur ungern anfassen. Seitdem sie einmal in der Woche zu uns in die Turnhalle kommt ist das deutlich besser geworden“, weiß Freitag, der selbst den schwarzen Judo-Gürtel trägt. „Carina und Michaela sind allerdings schon Ausnahmetalente“, ergänzt Übungsleiter Klaus Witt: „Mit einigen Sportlern fangen wir mit jeder Trainingsstunde wieder bei Null an.“

Es bleibt die Frage, warum Stutz und Niemeyer so erfolgreich sind. Zumindest wenn es nach Carina Niemeyer geht, dann liegt das an einem ganz einfachen Erfolgsrezept. „Vor dem Kampf trinke ich immer sehr viel Kaffee“, erklärt sie ihr festes Ritual. Fit hält sie sich außerdem mit Hanteltraining und Inline-skaten. Aufgeregt seien beide Judokas vor Wettkämpfen trotzdem immer.

Michaela Stutz trainiert neben den immer montags stattfindenden Dülmener Übungsstunden außerdem einmal pro Monat in Leverkusen. Dort nimmt sie am Kadertraining der deutschen Nationalmannschaft im G-Judo teil. „Michaela ist die einzige G-Judoka in Deutschland, die ihre Prüfung für den schwarzen Gürtel unter den herkömmlichen Bedingungen ablegte“, erklärt Bernard Freitag nicht ohne Stolz. Bei „Gürtelprüfungen“ für geistig behinderte Sportler sind im Normalfall Würge- und Haltegriffe nicht in der Prüfungsordnung vorgesehen. „Bei Turnieren variiert auch die Größe der ausgelegeten Judomatten bis zu sieben mal sieben Meter“, erläutert Witt. In der G-Judoabteilung der DJK dürfen alle Interessierten trainieren. „Oft denken die Leute, dass sich unser Einzugsgebiet ausschließlich auf Bewohner und Mitarbeiter des Anna-Katharinenstifts konzentriert, dem ist aber nicht so“, erklärt Freitag.

Zur Weihnachstfeier mit dem Kader der Nationalmannschaft kündigte sich in Leverkusen übrigens ein prominenter Weltmeister-Judoka an. „Kann ich gegen ihn kämpfen?“, fragte Carina Niemeyer lachend als sie von der Einladung erfuhr.

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