Schritt Richtung Europa

BOCHUM ▪ Nein, der ebenso verdiente wie deutliche Erfolg reichte nicht. Ein wenig Spott hatten die vielen Anhänger von Borussia Dortmund in der Westkurve des ausverkauften „rewirpower-Stadions“ auch noch übrig für den kleinen Nachbarn im Westen. Von Frank Heidenreich

„Die graue Maus geht jetzt nach Haus“ skandierten sie, als der 4:1 (2:0)-Auswärtserfolg im Derby beim VfL Bochum feststand und sich zahlreiche Fans der Gastgeber bereits frustriert auf den Heimweg gemacht hatten. Denn die zweite deutliche Niederlage in Serie hatte den VfL wieder mitten in den Abstiegskampf befördert, während der nun viertplatzierte BVB einen weiteren Schritt in Richtung Europa machte. „Wir fangen nicht an zu rechnen“, sagte der erneut bärenstarke Kapitän Sebastian Kehl. „Aber wir haben alle Möglichkeiten, dass wir mit einem tollen Saisonabschluss dastehen könnten.“

Erst recht, wenn die Schwarz-Gelben auch in den kommenden Partien so souverän auftreten wie in der ersten halben Stunde in Bochum. Die Gäste standen sehr kompakt, arbeiteten aggressiv gegen den Ball und blitzschnell in der mit Kehl und Nuri Sahin besetzten „Umschaltzentrale“, zeigten eine reife Spielanlage – in der Summe zu viel für anfangs völlig überforderte und verunsicherte Gastgeber. Die beiden Treffer von Marcel Maltritz (Eigentor, 19.) nach bösem Patzer von VfL-Keeper Philipp Heerwagen und Mohamed Zidan (27.) nach schöner Vorarbeit von Jakub Blaszczykowski gossen das Kräfteverhältnis angesichts weiterer Großchancen in ein passendes Zwischenergebnis. Und so waren auch die BVB-Verantwortlichen sichtlich angetan von den Darbietungen ihrer elf Akteure. „Sehr stark“, „super lebendig“ fand Trainer Jürgen Klopp den Auftritt, „exzellent“ gar Sportdirektor Michael Zorc. Und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sprach vom „optimalen Auswärtsspiel“. Wohlgemerkt: im ersten Drittel des Derbys. Ihre Souveränität fanden die Borussen erst im Laufe der zweiten Hälfte wieder. Ein Doppelpack von Lucas Barrios (74., 77.), der jeweils aus kurzer Distanz abstaubte und seine vier Spiele währende Torflaute beendete („Ich bin froh, wieder getroffen zu haben.“), sorgte für das letztlich deutliche Resultat. Davor aber lag ein Aufbäumen des VfL, ausgerechnet ausgelöst durch die Rote Karte, die Milos Maric nach einer Tätlichkeit gegen Blaszczykowski gesehen hatte (33.). „Da ist Milos über das Ziel hinausgeschossen“, schimpfte VfL-Sportvorstand Thomas Ernst.

Der BVB gönnte sich angesichts spielerischer und numerischer Überlegenheit eine kleine Ruhepause – und den Gastgebern den Zugang zur Partie. „Unser ganz kurzes Durchatmen hat Bochum genutzt“, meinte Klopp, dessen Team das Zwischentief aber nur mit einem Gegentreffer durch den guten Lewis Holtby bezahlte (53.). „Wir haben uns total unnötig das Leben selbst schwer gemacht“, befand Dortmunds Innenverteidiger Neven Subotic, der mit seinen Teamkollegen allerdings noch einmal die Schlagzahl erhöhte. Das 1:3, dem ein katastrophaler Fehlpass Anthar Yahias vorausging, entschied das Nachbarschaftsduell vorzeitig. „Das war der Genickbruch für uns“, meinte Bochums Trainer Heiko Herrlich. Dass er seiner Mannschaft „eine tolle Moral“ bescheinigte, war ein schwacher Trost – zu bescheiden war das VfL-„Gesamtpaket“ im Derby, zu gravierend waren die tabellarischen Konsequenzen angesichts der punktenden Konkurrenz im Tabellenkeller. „Das 1:4 tut richtig weh“, meinte der frühere BVB-Profi. „Aber ich habe mich nie von der Euphorie anstecken lassen. Ich habe immer gesagt, dass 27 Punkte nicht reichen werden.“ Für den Klassenerhalt. Ebenso wenig wie 45 Zähler für die Qualifikation zur Europa League. Doch dieses Konto wollen die sichtlich selbstbewussten Dortmunder aufstocken, und zwar deutlich. Beginnend in der kommenden Woche im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. „Da“, so Sebastian Kehl, „können wir einen Riesen-Bigpoint machen.“

Quelle: wa.de

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