Die nächste Reifeprüfung

DORTMUND ▪ Jürgen Klopp lässt erst überhaupt keine Missverständnisse aufkommen. Auch wenn da heute „nur“ der Tabellensiebte der Primera División im Signal Iduna Park gastiert, auch wenn der FC Sevilla noch nicht richtig in Fahrt ist und das erste Gruppenspiel in der Europa League gegen Paris St. Germain mit 0:1 verloren hat – für den Trainer von Borussia Dortmund ist vor dem Kräftemessen (19 Uhr/Sat.1) mit dem spanischen Schwergewicht klar: „Da kommt das absolute Monster dieser Gruppe.“

Ein ziemlich wildes noch dazu. Zu Beginn der Woche wurde Antonio Álavarez Opfer der „Bestie“, der Trainer musste nach gerade einmal fünf Ligaspielen und der im Duell mit Sporting Braga verpassten Qualifikation für die Champions League seinen Stuhl räumen. Indizien dafür, wie hoch die Ansprüche bei den Andalusiern sind. „Die haben richtig Druck auf dem Kessel“, sagt Klopp und fügt grinsend hinzu: „Die haben auf Platz sieben den Trainer entlassen. Würde das in Dortmund auch so gemacht, wäre ich schon lange nicht mehr da.“

So aber ist der 43-Jährige der Baumeister eines sportlichen Erfolgsgebildes geworden, das den besten Saisonstart der Vereinsgeschichte hingelegt hat, das vor Esprit, Leidenschaft und Selbstvertrauen strotzt. Und das sich deshalb nicht vor Monstern fürchtet, selbst wenn sie ziemlich unberechenbar sind. Denn nach dem Trainerwechsel kommt die Vorbereitung auf die zweite Partie in der Gruppe J gegen Sevilla, das von 38 Fans begleitet wird, einem Stochern im Nebel gleich. Klopp hat nur wenige Hinweise auf die Spielphilosophie seines Kollegen Gregorio Manzano, weiß allerdings aus dessen Zeit beim RCD Mallorca, dass er bevorzugt zwei Stürmer aufbietet, nachdem Sevilla zuletzt eher mit einem Angreifer agiert hatte. Doch auch schon eine Spitze würde Schwerstarbeit bedeuten für die BVB-Abwehr angesichts von Hochkarätern im Sturm wie Frédéric Kanouté, Luis Fabiano oder Álvaro Negredo. „Klassische Schwächen“, sagt Klopp, seien bei Sevilla nicht zu entdecken. Und genau das macht die Partie für sein Team zur nächsten Reifeprüfung: „Wir haben die Möglichkeit, durch unser Spiel Schwächen aufzudecken, von denen der Gegner bislang selbst noch nichts weiß. Ich freue mich, dass sich unsere Jungs damit auseinandersetzen müssen.“ Denn die seien in einer „richtig guten Verfassung. Und sie machen den Eindruck, dass sie sich auf die Herausforderung freuen.“

Stimmt, sagt Roman Weidenfeller. „Wir freuen uns ganz besonders auf das Spiel gegen einen Gegner, den man die meiste Zeit in der Champions League antrifft“, erklärt der Torwart. Er zählt mit seinen 30 Jahren zu den wenigen Routiniers bei den Schwarz-Gelben und geht in den ganzen Lobeshymnen auf die vielen jungen Akteure des BVB, auf die nach dem Match gegen Sevilla am Sonntag gegen Bayern gleich die nächste Bewährungsprobe wartet, fast ein wenig unter. Dabei attestiert Klopp seinem Kapitän „super Entwicklungssprünge“ und sagt mit Verweis darauf, dass der BVB gemeinsam mit Mainz die beste Liga-Abwehr stellt: „Wir sind superfroh, dass wir Roman hinten drin haben.“ Denn der „Oldie“ ist mehr als ein sportlicher Rückhalt. Er ist auch Ratgeber, auf und neben dem Platz. „Das funktioniert eigentlich ganz gut“, sagt der Torwart, der heute wieder dabei helfen will, dass sein Team in der Erfolgsspur bleibt: „Wir werden versuchen, zu gewinnen und unseren Weg in der Gruppenphase weiterzugehen.“

Das würde bedeuten: sechs Punkte, maximale Ausbeute für die Dortmunder, null für Sevilla. Und die Gruppe J hätte ein neues Monster.

FRANK HEIDENREICH

Quelle: wa.de

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