Der BVB mausert sich zu einer Spitzenmannschaft

DORTMUND ▪ Jürgen Klopp schlug die Hand vor den Mund und verdrehte die Augen. Für einen Moment hatte der Trainer von Borussia Dortmund sein strahlendes Lächeln verloren. Kein Zweifel: Die Frage hatte dem 43-Jährigen überhaupt nicht gefallen. Spitzenmannschaft? Der BVB? „So eine Kategorisierung interessiert uns nicht“, sagte Klopp mit säuerlicher Miene.

Mag sein. Doch dieses Prädikat wird die Borussia von nun an begleiten, ob sie will oder nicht. Die eindrucksvolle 5:0-Demontage des Aufsteigers 1. FC Kaiserslautern gepaart mit dem souveränen Derby-Erfolg wenige Tage zuvor auf Schalke hat die Dortmunder auf den zweiten Tabellenplatz gespült, hat ihr wie in der Meistersaison 2001/02 zwölf Punkte aus den ersten fünf Spielen beschert – und eine enorme Begeisterung ausgelöst. „Wir waren in der Beweispflicht, dass wir in der Spur bleiben können trotz der um uns herrschenden Euphorie“, erklärte Klopp, der Mühe haben wird, die fast schon ekstatische Stimmung rund um das Team einzudämmen. Schließlich heizen die Spieler diese weiter an. Durch die mitreißenden Auftritte, die geprägt sind von einer für das extrem junge Team erstaunlichen Reife, von Spaß, von einer beeindruckenden Dominanz. Weil die Borussia ihren Kontrahenten derzeit kämpferisch und mannschaftstaktisch, vor allem aber auch spielerisch überlegen ist. „Wir haben einen richtigen Lauf“, jubelte Sportdirektor Michael Zorc. „Dass wir so einen guten Fußball gespielt haben, da muss man schon weit zurückdenken.“

Das Schwungrad in der bestens geölten BVB-Maschine ist Nuri Sahin. Der 22-Jährige befindet sich, sichtlich angepiekst durch die Ausbootung durch den türkischen Nationaltrainer Guus Hiddink bei den jüngsten Länderspielen, in einer geradezu unglaublich guten Verfassung. Drei Treffer gegen Kaiserslautern bereitete er vor, viel wichtiger aber ist momentan seine enorme Präsenz. Sahin ist überall zu finden, stellt derzeit den Inbegriff des modernen „Sechsers“ dar, ist zweikampfstark und treibt mit viel Kreativität aus dem defensiven Mittelfeld das Spiel an. „Mehr als ordentlich“ nannte Klopp in einem Anflug leichter Untertreibung die Darbietung seines Schützlings und wollte sein Lob angesichts des hohen Tempos, das seine Spaßfraktion gegen Lautern bis zur letzten Minute anschlug, nicht auf einen Akteur beschränken: „Der Charakter ist das herausragende Merkmal dieser Mannschaft“, befand Klopp. Innenverteidiger Neven Subotic ergänzte: „Es waren wieder alle füreinander da, das zeichnet uns aus.“

Doch die Schwarz-Gelben treiben die Euphorie nicht nur durch ihre spektakulären Vorführungen trotz äußerst kräftezehrender Wochen an. Sondern auch durch Worte. Sahin schickte nach dem Kantersieg gegen die Pfälzer, den Lucas Barrios (31., 88.), Kevin Großkreutz (38.), Mats Hummels (65.) und Robert Lewandowski (75.) sicherstellten, eine Grußadresse an die Konkurrenz. „Wir sind noch nicht am Limit“, befand er. „Wir können uns noch entwickeln.“ Zumal die Dortmunder inzwischen über prächtige Alternativen, eine „überragende Bank“ verfügen.

Also ist der BVB doch eine Spitzenmannschaft? Nein, befand Sahin. „Wir zählen nicht zum Favoritenkreis“, sagte er. Worte, die sein Trainer gerne hören dürfte. Die aber angesichts der jüngsten Auftritte nicht gerade der Realität entsprechen.

FRANK HEIDENREICH

Quelle: wa.de

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