Mats Hummels vom BVB  im Interview

„Ich will keine großen Reden schwingen.“

STEGERSBACH ▪ Die Enttäuschung über die Nichtnominierung für die Fußball-WM in Südafrika ist längst verflogen. Mats Hummels, Abwehrspieler des BV Borussia Dortmund, schwitzt derzeit im Trainingslager in Österreich und fiebert dem Saisonstart in der Fußball-Bundesliga entgegen. In einem Gespräch mit Peter Schwennecker äußerte sich der 21-Jährige in Stegersbach über seine persönliche Situation und über die Ziele mit dem BVB.

Wie erlebt man als Jung-Nationalspieler eine WM, wenn man selbst nicht dabei ist? Fiebert man da mit, oder ist die Distanz dann doch zu groß?

Hummels: Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass man der ganzen Sache schon etwas neutraler gegenübersteht. Es war anders als 2006. Da bin ich zum Public Viewing gegangen, habe das Achtelfinale sogar live erlebt. Das hat sich jetzt gelegt. Ich habe mir die Spiele natürlich angeguckt und mich auch über jedes deutsche Tor gefreut. Doch ich habe nicht so mitgefiebert wie vor vier Jahren. Weil man auch weiß, dass man eigentlich selbst die Chance gehabt hat, dort mitzuspielen.

Sie haben kurz vor dem Turnier in Südafrika Ihr Länderspieldebüt gegeben. Gab es während der WM-Zeit noch Kontakte zu den anderen Nationalmannschaftskollegen?

Hummels: Nein, ich habe einfach nur meinen Urlaub genossen, viel Zeit mit Freunden verbracht und eigentlich keinen Gedanken an die Nationalmannschaft verschwendet.

Es waren bei der WM vier Spieler dabei, mit denen Sie U21-Europameister geworden sind. Wie schwer ist es gefallen, bei aller Enttäuschung über die Nichtnominierung Haltung zu bewahren, um sich nicht alle Chancen für die Zukunft im Nationalteam zu verbauen?

Hummels: Mannschaft und Trainer haben in Südafrika gezeigt, dass im Prinzip alles richtig gemacht wurde. Für mich waren sie die spielerisch stärkste Mannschaft der WM. Deswegen habe ich der Sache auch nicht lange nachgetrauert und schnell abgehakt. Inwiefern ich einen Beitrag hätte leisten können, weiß ich nicht. Das ist alles spekulativ. Ich schaue jetzt nur auf die Saison und hoffe, dass es in Zukunft für mich umso besser laufen wird.

Glauben Sie, dass Sie es leichter hätten, in der Nationalmannschaft zu spielen, wenn Sie noch das Bayern-Trikot tragen würden?

Hummels: Ich habe auch hier in Dortmund gute Leistungen gebracht. Ich weiß nicht, wie es bei Bayern gelaufen wäre. Dass ich zum BVB gewechselt bin, war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe alles richtig gemacht. Ich bin unglaublich glücklich darüber, wie es gelaufen ist und verschwende keine Gedanken daran, wie es wäre, wenn ich noch bei Bayern spielen würde.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc hat hier im Trainingslager angekündigt, dass jetzt die Zeit von Mats Hummels kommt. Sind Sie auch davon überzeugt, vor allem, was die Nationalmannschaft angeht?

Hummels: Das liegt ja nicht nur in meinen Händen. Ich versuche weiter, beim BVB Leistung zu bringen. Wenn ich dann zum DFB darf, werde ich das natürlich auch versuchen. Ich habe schon ein gewisses Selbstvertrauen, das ich mitbringe. Ich versuche aber, das auf dem Platz zu zeigen und will nicht außerhalb große Reden schwingen. Ich hoffe, dass Michael Zorc Recht behält.

Rechnen Sie damit, beim nächsten Länderspiel in Kopenhagen gegen Dänemark dabei zu sein?

Hummels: Das interessiert mich derzeit nicht. Ich bin im Moment nur auf die Vorbereitung auf die Bundesliga fokussiert.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat neulich in einem Interview gesagt, dass die Zeit der Gleichmacherei dem Fußball nicht gut tue und es wichtig sei, dass sich wieder Individualisten entwickeln können, die bereit sind, gegen Widerstände anzukämpfen und nicht alles schlucken. Fühlen Sie sich da angesprochen?

Hummels:Das sollen andere entscheiden. Wenn man selbst sagt, ich bin etwas Besonderes, dann kommt das vielleicht komisch rüber. Trotzdem versucht man natürlich zu zeigen, dass man sehr dafür lebt und von sich selbst auch mehr verlangt, das von anderen aber auch erwartet. Jeder Trainer hat da aber seine eigene Sichtweise. Manche mögen das, wenn der eine oder andere vorweg geht. Andere möchten lieber, dass alle an einem Strang ziehen. Ich habe für mich da den Weg noch nicht ganz entdeckt.

Sie gelten als sehr intelligenter Spieler, haben aber die Schule abgebrochen, um sich ganz auf den Fußball zu konzentrieren.

Hummels:Das war schon ein kleines Risiko, das ich eingegangen bin. Auf Grund der Tatsache, dass ich schon immer Fußballer werden wollte, war das damals ein schwieriger, aber ich glaube, ein richtiger Schritt. Sonst wäre ich wohl nie bei Borussia Dortmund gelandet, wäre zur Zeit meines Wechsels noch mitten in den Abitur-Vorbereitungen gewesen. Bei der Abi-Feier meines Bruders habe ich vor kurzem mit vielen Freunden darüber geredet, und alle haben gesagt, ich hätte das richtig gemacht.

Die ersten Tage im Trainingslager in Stegersbach waren sehr hart, vor allem wegen der hohen Temperaturen.

Hummels: Wir müssen sehr viel trinken, an die neun Liter am Tag. Und wenn wir unser Trikot ausziehen, verlieren wir gleich gefühlte vier Kilo. Es ist alles sehr anstrengend und kraftraubend, aber für ein Trainingslager genau richtig.

Der Trainer legt momentan den Schwerpunkt auf die Spielgestaltung.

Hummels: In der Mannschaft haben alle dieselbe Meinung, dass wir da noch das größte Steigerungspotenzial haben. Wir müssen dominanter und vor allem auch sehr viel konzentrierter agieren. Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, nur zu laufen, sondern sollten uns auch bemühen, dabei noch eine Idee zu haben und den Überblick zu bewahren.

In der nächsten Saison kommt mit dem internationalen Geschäft neben Pokal und Bundesliga eine noch höhere Belastung auf die Mannschaft zu. Kann sie das verkraften?

Hummels: Mir ist es lieber, alle paar Tage ein Spiel und den Wettkampf zu haben. Deshalb freue ich mich darauf, dass das in der kommenden Saison noch öfter der Fall sein wird. Wenn sich einer über die Dreifachbelastung beschweren sollte, würde mich das wundern. Deswegen sehe ich der ganzen Sache sehr positiv entgegen.

Was ist in der kommenden Saison für den BVB möglich?

Hummels: In 34 Bundesligaspielen sind 102 Punkte zu vergeben. Wir gehen nicht mit der Zielsetzung in eine Partie, unentschieden zu spielen. Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Nach oben sollte man sich nie ein Limit setzen. Natürlich muss man auch die anderen Mannschaften sehen und einschätzen, was bestenfalls möglich ist.

Einige andere Vereine, die in der vergangenen Saison in der Tabelle hinter dem BVB standen, haben mächtig aufgerüstet. Ist daher Platz fünf überhaupt zu wiederholen?

Hummels: Die Gegner werden es uns immer schwerer machen. Aber wir können dagegen halten und selbst bestimmen, ob wir das Spiel gewinnen oder nicht. Wenn wir denselben Willen zeigen wie zuletzt, dann glaube ich fest daran, dass uns das auch sehr gut gelingen wird. Wenn andere für jeweils zehn Millionen drei neue Spieler holen, heißt das noch lange nicht, dass sie besser sind.

Vor zwei Jahren sind sie im Uefa-Pokal sehr früh an Udine gescheitert. Glauben Sie, dass die Mannschaft schon weiter ist und diesmal das Zeug hat, auch die Gruppenphase der Europa League zu erreichen?

Hummels: Udine war damals Tabellenführer in Italien und damit das ungünstigste Los, das wir überhaupt ziehen konnten. Und wir sind nur unglücklich im Elfmeterschießen gescheitert. Wir haben schon damals eine gute Leistung gebracht, doch jetzt sehe ich uns noch einige Schritte weiter, als es zu dem Zeitpunkt der Fall war.

Quelle: wa.de

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