Glückliches 0:0 des BVB in Berlin

BERLIN ▪ Der ICE 542 von Berlin Ostbahnhof über das Ruhrgebiet ins Rheinland bot am Samstagabend ein diffuses Bild. Ein paar Fans des 1. FC Köln feierten das 4:1 in Hannover, die Zweitligaprofis von Arminia Bielefeld spülten das 1:4 in Cottbus mit Bier und Erdnüssen herunter. Und dann waren da noch die vielen Fans von Borussia Dortmund, bei denen es ein breites Meinungsspektrum über das 0:0 bei Hertha BSC gab.

„So etwas Grottiges habe ich in dieser Saison noch nicht gesehen“, sagte einer. „Ach komm'“, klopfte ihm ein anderer auf die Schulter, „so schlimm war es auch nicht. Wir haben einen Punkt.“ Im Gewirr der gut geölten Stimmen wurde eines klar: An den Lippen ihres Trainers hängen nur wenige Anhänger des Ballspielvereins. Jürgen Klopp hatte nach Durchsicht der statistischen Daten von einem gerechten Unentschieden gesprochen, weil die Berliner in keiner Kategorie deutlich vorn gewesen seien. Das war eine ziemlich gewagte These, denn sie missachtete eine aussagekräftige Rubrik. Bei der Anzahl der Chancen lagen die Dortmunder schon zur Pause so weit hinten, dass es einer famosen zweiten Halbzeit bedurft hätte, um in etwa ein Gleichgewicht herzustellen.

Doch davon war nichts zu sehen. Erst in den letzten zehn Minuten, als die forschen und auch spielerisch sehr ansehnlichen Berliner auf Gedeih und Verderb einen Treffer erzwingen wollten, kam der BVB zu mehreren Chancen. In der Nachspielzeit schoss Nuri Sahin aus zehn Metern über das Tor. „Den muss ich reinmachen“, klagte der Mittelfeldspieler. Zehn Minuten zuvor hatte die Berliner Volksseele gekocht, weil der Hertha ein Treffer aberkannt worden war. Niemand wusste im Nachhinein genau zu klären, ob mit Recht. Das ist das Urproblem der Regel zum passiven Abseits. Bei einem weiten Pass stand Theofanis Gekas im Abseits, ohne dass der Schiedsrichterassistent Bastian Dankert dies monierte. Nach einer zu kurzen Kopfballrückgabe von Felipe Santana lupfte der Grieche den Ball ins Tor. Danach hob Dankert die Fahne, Wagner folgte seiner Argumentation, dass sich keine neue Spielsituation ergeben habe. So hatte es auch Klopp gesehen: „Einhundertprozentig Abseits, auch wenn das hier keiner hören will.“ Santana sei von Gekas irritiert worden, nur deshalb habe er den Fehler gemacht.

Die Berliner prangerten die Ungerechtigkeit der Fußballwelt an. Ein Schuss Selbstkritik wäre allerdings angebracht gewesen, denn es sprach gegen die beiden Stürmer Adrian Ramos und Gekas, dass ihnen gegen eine Dortmunder Mannschaft kein Treffer gelungen war, die sich alle Mühe gegeben hatte, einen zu kassieren. „Wir haben offensiv und defensiv viel zu viele Fehler gemacht“, sagte Patrick Owomoyela. Sämtliche Feldspieler des BVB aus der Startelf spielten unter ihrem gewohnten Niveau, teilweise erheblich darunter. Allein Torwart Roman Weidenfeller bestätigte die gute Form der vergangenen Wochen. Es waren kaum spektakuläre Paraden, mit den Weidenfeller auffiel. Er überzeugte vor 60 000 Zuschauern im Olympiastadion mit dem Spiel des modernen Torwarts, das Ähnlichkeiten mit dem des antiquierten Liberos aufweist. „Ich kann mich gar nicht über meine eigene Leistung freuen, ich bin immer noch sauer. Wir haben viel zu wenig getan“, kritisierte Weidenfeller seine Kollegen. Was hat gefehlt? „Die Gier, die Zielstrebigkeit, dieses unbedingt zupacken wollen.“

Der Trainer sah es weit weniger schlimm. „Wir haben die Demut nicht verloren“, sagte Klopp, bevor er die Herthaner zu einem Gegner erhöhte, der es wundersamerweise auf den letzten Tabellenplatz der Bundesliga gebracht haben muss. Die vergangene Saison schlossen die Berliner dort ab, wo die Dortmunder nun das internationale Geschäft wittern. Am Ostersamstag erwartet der Vierte den Fünftplatzierten, Werder Bremen. „Wir werden uns deutlich steigern müssen“, sagte Patrick Owomoyela. Das war auch Konsens im ICE 542.

Quelle: wa.de

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