Im Interview

Ex-BVB-Spieler Gambino verrät: Darum habe ich Klopp abgesagt

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Salvatore Gambino, hier im Trikot von Borussia Dortmund, kickt mittlerweile für den SV Westfalia Rhynern. (Archiv)

Von Borussia Dortmund ging es aus der Bundesliga über Umwege zum SV Westfalia Rhynern in die Oberliga – ein Interview mit Salvatore Gambino.

Hamm – Salvatore Gambino kickte einst für Borussia Dortmund in der Bundesliga, ist mittlerweile für den SV Westfalia Rhynern in der Oberliga aktiv. Sportredakteur Patrick Droste traf den 35-Jährigen zum Interview.

Seit Herbst 2015 läuft Gambino für den SV Westfalia Rhynern auf und half in der Saison 2016/17 mit, dass die Papenloh-Elf mit dem Aufstieg in die Fußball-Regionalliga den größten Erfolg der Vereinsgeschichte feierte. Auch jetzt ist er noch eine wichtige Stütze im Oberliga-Team. Warum sich der frühere Profi von Borussia Dortmund am Papenloh so wohl fühlt und warum er auch mit 35 Jahren noch nicht ans Aufhören denkt, hat er in einem Gespräch mit Patrick Droste, den er dazu extra in sein schmuckes Ein-Familienhaus nach Bönen eingeladen hatte, erzählt.

Herr Gambino, Sie haben 56 Partien in der Bundesliga absolviert, spielten für den BVB vor ausverkauftem Haus, besiegten mit den Schwarz-Gelben den FC Bayern München und kamen im Uefa-Cup zum Einsatz. Was für Emotionen kommen heute noch hoch, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?

Viele, viele. Meinen ersten Einsatz hatte ich 2003 gegen den Hamburger SV unter unserem Trainer Matthias Sammer. Da war ich 20 Jahre alt. Wir haben 3:2 gewonnen, und ich habe ein Tor vorbereitet. An einem Tag vorher hatte mein Telefon geklingelt. Ich kannte die Nummer nicht. Das war Matthias Sammer, der meinte, ich solle oben mittrainieren. Tja, und kurz darauf durfte ich mein Profidebüt feiern. Im nächsten Spiel kam ich bei der 0:5-Niederlage beim FC Bayern nicht zum Einsatz. Im nächsten Heimspiel beim 2:2 gegen Bayer Leverkusen habe ich beide Tore geschossen. Ich gucke mir diese Videos aus der Zeit heute noch manchmal an. In dieser Saison 2003/04 habe ich am Ende 20 Einsätze gehabt. Matthias Sammer war echt ein super Trainer. Er kam am Abend vor einem Spiel immer zu einem aufs Hotelzimmer und hatte Zettel dabei, auf denen stand, was die Aufgaben für die Begegnung am nächsten Tag sind. Und er meinte immer zu mir, ich solle nur offensiv denken, ich hätte Stefan Reuter hinter mir, der würde das in der Defensive schon regeln. Vielleicht fällt es mir daher noch heute so schwer, nach hinten zu arbeiten.

Sie galten zu Jugendzeiten als ein herausragendes Talent und schafften folgerichtig den Sprung in die Bundesliga. War das von Anfang an Ihr Ziel?

Ja, ganz klar. Als ich in der B-Jugend war, habe ich gemerkt, dass ich das schaffen kann. Ich hatte aber auch richtig gute Trainer, zum Beispiel Theo Schneider. Ich hatte etwas das Glück, dass oben einige Spieler verletzt waren und der Verein auf die jungen Leute setzen musste. Wir, also David Odonkor zum Beispiel auch, haben die Chance bekommen, und die haben wir genutzt.

Und dann saßen sie auf einmal neben Stars wie Dede, Jan Koller, Stefan Reuter, Christian Wörns oder Tomas Rosicky in der Kabine und liefen mit denen auf. Hatten Sie großen Respekt vor diesen gestandenen Profis oder gehörten Sie sofort dazu?

Am Anfang war da natürlich eine Menge Respekt dabei. Aber das hat sich schnell eingependelt. Irgendwann war es normal. Da war ich einer von denen und habe dazugehört. Ich weiß noch, als wir einmal 2:0 gegen die Bayern gewonnen haben. Odonkor und ich hatten auf unserer Seite Ze Roberto und Bixente Lizarazu als Gegenspieler. Das war schon heftig, aber wir haben 2:0 gewonnen. Ich habe einen Elfmeter rausgeholt, nachdem mich Hasan Salihamidzic von den Beinen geholt hatte. Es war ein Foul, aber auch ein bisschen Schwalbe. Oliver Kahn kam damals aus dem Tor heraus auf mich zugerannt und stand mir Mund zu Mund gegenüber. So war das damals.

Dann aber warfen Sie gleich fünf Knieoperationen zurück, so dass Sie nur 56 Bundesliga-Partien in Ihrer Karriere absolvieren durften. Bitter, oder?

Ja, leider. Ich denke, ohne die Verletzungen hätte ich mehr Bundesliga-Spiele gehabt. Aber ich konnte es mir nicht aussuchen. Und es ist ja nicht so, dass ich mir extra mit einem Hammer gegen das Knie gehauen habe. Es waren Zweikämpfe oder so. 2004 hatte ich die erste Verletzung, einen Kreuzbandriss. Ich kam danach allerdings recht gut wieder, habe im ersten Spiel gegen Wolfsburg gleich getroffen – und habe mich dann am anderen Knie verletzt. Die brutalste Verletzung habe ich mir 2008 nach meinem Wechsel von Köln nach Koblenz zugezogen. Da haben zwei, drei Ärzte auch gesagt, es wäre besser, wenn ich meine Karriere beende. Da war ich erst 26 Jahre alt. Du spielst dein ganzes Leben lang Fußball, du kämpfst dafür, und dann sagt dir ein Arzt, es sei besser, wenn du mit dem Fußball aufhörst. Das habe ich nicht in meinen Kopf bekommen. Dann habe ich einen Anruf von meinem Onkel erhalten, der gefragt hat, ob ich nicht in Italien spielen wolle. Ich habe kurz überlegt und das gemacht. Und das war eine gute Entscheidung. Die warmen Temperaturen haben dem Knie gut getan. Ich kam langsam zurück, und dann bin ich da noch mal eingeschlagen. Ich weiß noch, dass ich das erste halbe Jahr auf einem Schiff im Hafen gelebt habe. Dem Präsidenten gehörten mehrere Boote. Das war ein bisschen wie Urlaub.

Warum sind Sie damals überhaupt vom BVB weggegangen und nach Köln gewechselt?

Eigentlich sollte ich damals nach Mainz zum Klopp wechseln. Das wäre auch erste Liga gewesen, so wie beim BVB. Ich bin nach Mainz gefahren und habe mich mit ihm unterhalten. Aber er hat mich nicht zu 100 Prozent überzeugt. Als ich wieder zuhause war, rief mich Michael Meier, der damals Manager beim 1. FC Köln war, an. Mit ihm habe ich mich auch getroffen, und er hat mich überzeugt. Das war zwar nur zweite Liga, war aber auch nicht so weit weg von Zuhause. Unter Hanspeter Latour hatte ich viele Einsätze. Aber dann übernahm Daum, und mit ihm bin gar nicht klar gekommen.

Die nächste Station war der Zweitligist TuS Koblenz. Da kamen Sie aber nur zweimal zum Einsatz. Was war da los?

Ich war da leider wieder verletzt und habe acht Monate pausieren müssen. Vor den letzten zwei oder drei Saisonspielen fragte Uwe Rapolder, der da Trainer war, ob ich spielen kann. Ich habe zwar noch gehumpelt, wollte aber nach der langen Pause unbedingt auflaufen. Im Spiel gegen Mainz hat er in der 58. Minute beim Stand von 1:3 zu mir gesagt: ‘Komm, ich wechsel dich ein. Aber wenn du in den nächsten zehn Minuten nicht zwei Tore machst, hole ich dich sofort wieder runter.’ Und tatsächlich, nach 20 Minuten war ich wieder draußen. So was habe ich noch nie erlebt. Im Bus hat er mich auf der Rückfahrt angemacht, warum ich nicht zwei Tore geschossen hätte. Wer bin ich? Ronaldo? Ich kann doch nicht in zehn Minuten das ganze Spiel drehen. Kurz danach habe ich da meinen Vertrag aufgelöst.

Und anschließend sind Sie über einen kleinen Abstecher nach Italien plötzlich in Rhynern gelandet. Wie kam das zustande?

Als wir in Italien waren, ist meine Frau Miriam schwanger geworden. Und ich habe immer gesagt, wenn wir ein Kind bekommen, will ich wieder zurück nach Deutschland. Ich hatte damals Kontakt mit Björn Mehnert, den ich aus gemeinsamen Zeiten in Dortmund kannte und der Trainer bei der Westfalia war. Ich habe dann mal in Rhynern mittrainiert und fand es cool.

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Hatten Sie vorher schon mal etwas vom SV Westfalia Rhynern gehört?

Wenn ich ehrlich bin: Nein, hatte ich nicht. Für mich war es einfach nur wichtig, dass ich wieder Fußball spiele. Und in der Nähe von Zuhause. Und das passte dann mit Rhynern sehr gut.

Mittlerweile arbeiten Sie als Bankangestellter, weit weg von der glitzernden Welt des Profifußballs. Wie kommen Sie mit diesem Gegensatz klar?

Ich wollte den Einstieg in die Berufswelt schaffen. Und das ist mir ermöglicht worden. Nach so langer Zeit als Profi war das nicht einfach, einen Job zu finden. Ich wollte eben ganz normal arbeiten. Es muss ja auch irgendwie weitergehen. Das Problem ist, dass wir Profis viel Geld verdienen, aber viele schaffen dann den Sprung in das normale Leben nicht.

Schauen Sie mit Neid zu, wenn Sie die heutigen Bundesliga-Profis spielen und auch verdienen sehen? Oder sind Sie mit dem zufrieden, wie es ist?

Viele Freunde von mir sagen, wärst du mal zehn Jahre später geboren worden und heutzutage Profi geworden. Wenn du jetzt ein paar gute Spiele machst und einen guten Vertrag abschließt, hast du doch ausgesorgt. Du bekommst doch heute Verträge, das ist ja nicht mehr normal. Aber ich habe meine Zeit gelebt, habe viel erlebt und genieße nun die Zeit mit meinen Kindern. Ich bin da mit mir absolut im reinen.

Mittlerweile sind Sie seit dreieinhalb Jahren in Rhynern. Da müssen Sie sich recht wohl fühlen, wenn Sie für die Westfalia schon so lange auflaufen?

Ich fühle mich in Rhynern einfach wohl. Ich verstehe mich mit den Jungs aus der Mannschaft gut. Und auch mit den Leuten drumherum. Zu Andi (Anm. der Redaktion: Andreas Kersting, Sportlicher Leiter der Westfalia) habe ich einen tollen Draht. So etwas ist mir wichtig. Das passt schon, zumal ich die Jungs auch öfter sehe als meine eigene Frau. Und ich habe da Freunde fürs Leben gefunden, zum Beispiel Adrian Cieslak. Ich will einfach noch Spaß am Fußball haben. Und den habe ich in Rhynern.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in Rhynern? Sie laufen mit Ihren 35 Jahren nicht mehr vorneweg, aber verfügen über viel Erfahrung.

Ich kenne das von früher. Da kam auch ein Stefan Reuter zu mir und hat mir was erklärt. So etwas speichert man und leitet das automatisch weiter. Wir haben in Rhynern viele junge Spieler, da hilft man denen eben in ihrer Entwicklung. Manchmal schreie ich die auch mal an, wenn einer nicht richtig mitzieht. Das war bei mir früher auch so. Aber daraus lernt man ja, dass man wach ist und voll mitzieht. Ich will die ja nicht runtermachen.

Aber Sie geben nicht nur Erfahrung weiter, Sie haben Rhynern vor knapp zwei Jahren auch in die Regionalliga geschossen, als Sie im entscheidenden Spiel gegen Kaan-Marienborn den 1:0-Siegtreffer erzielt haben. Ist das auch eine wichtige Station in Ihrer Karriere?

Definitiv. Das war schön. Wir brauchten noch einen Punkt, der Papenloh war richtig voll, das Wetter war klasse – und ich mache in der Schlussphase das Tor. Das war schon geil. Ich dachte nicht, dass ich noch mal in der Regionalliga spielen werde. Klar haben wir danach oft heftig verloren, aber zusammen mit den jungen Spielern war das toll, in den Stadien aufzulaufen.

Ihr Sohn Milan ist vier Jahre alt. Tritt er in Ihre Fußstapfen?

Das weiß man nicht. Aber wenn es jetzt wärmer wird, werde ich ihn in Rhynern in der Jugend anmelden. Er fragt jetzt schon immer. Ich denke, es wird Zeit. Manchmal gehe ich vor unserem Training schon mal früher zum Platz und schaue zu, was der Nachwuchs der Westfalia macht. Da muss ich sagen, da wird schon klasse trainiert und die Jungs sind echt stark am Ball. Ich weiß nicht, ob wir früher auch schon so gut waren.

Wie sehen Ihre Pläne in Sachen Fußball aus?

Wie gesagt, ich habe noch Spaß. Und ich will fit bleiben. Derzeit fühle ich mich fit. Und so lange ich mich gut fühle, will ich noch kicken.

Das heißt, Sie bleiben weiter in Rhynern?

Das muss ich noch mit Andi Kersting besprechen. Aber ich hätte definitiv Lust, weiter zu spielen. So alt bin ich noch nicht. Entweder bleibe ich in Rhynern oder ich höre mit dem Fußball auf. Woanders werde ich nicht mehr hingehen.

Rhynern ist ein Verein, der nicht viel Geld hat, aber auf ein familiäres Umfeld setzt. Wie sehen Sie den SV Westfalia in der Zukunft?

Ich freue mich, wenn das neue Stadion gebaut wird. Ich glaube, das ist wichtig für den Verein. Es bewegt sich also was in Rhynern. Und wenn ich die Jugendmannschaften sehe, da sind schon einige gute Talente dabei. Die muss man rauspicken, fördern und an die Senioren heranführen.

Können Sie sich vorstellen, in der Zukunft auch als Trainer zu arbeiten?

Ja, kann ich. Ich mache jetzt meine Trainerscheine. Dann werde ich mal schauen.

Vielleicht spielender Co-Trainer bei der Westfalia?

Nein, entweder mache ich Co-Trainer oder spiele weiter. Aber beides mache ich nicht. Das ist komisch, da habe ich keine Lust drauf.

Drücken Sie als ehemaliger Borusse dem BVB im Meisterschaftsrennen die Daumen?

Ich war am vergangenen Samstag beim 2:0-Sieg gegen Wolfsburg mit unserem großen Sohn Milan im Stadion. Er war das erste Mal live dabei. Das war Wahnsinn. Ich habe ihm dann gesagt, dass Papa da unten auch schon mal gespielt hat. Er hat gesagt: ‘Ich auch bald, Papa.’ Aber um auf die Frage zurückzukommen. Klar drücke ich den Dortmundern die Daumen. Ich spiele ja auch noch für die Traditionsmannschaft des BVB, habe also eine enge Verbindung zu dem Verein. Ich denke, am Samstag ist es das entscheidende Spiel in München. Wenn Dortmund da gewinnt, sind es fünf Punkte Vorsprung. Wenn Dortmund verliert, dann wird es schwer. Aber ich bin mir sicher, dass Dortmund das packen wird.

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Quelle: wa.de

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