BVB-Trainer Jürgen Klopp schiebt Bayern München die eindeutige Favoritenrolle zu

Voller Einsatz: Jürgen Klopp gestikuliert während des Trainings in Bad Ragaz.

BAD RAGAZ - Jürgen Klopp, Trainer des Deutschen Meisters Borussia Dortmund, erklärt den FC Bayern München zum Topfavoriten für die kommende Saison. Dagegen sieht der Fußball-Lehrer sein noch in der vorigen Saison überragendes Team lediglich in der Rolle des Herausforderers. Mit Klopp sprach Heinz Büse.

Vor wenigen Wochen haben Sie Ihre erste deutsche Meisterschaft gefeiert. Hat Sie dieser Erfolg verändert?
Klopp: Gar nicht. Es gab zwei, drei zusätzliche überragende Festivitäten in meinem Leben, die ich ohne diesen Erfolg nicht erlebt hätte. Ansonsten habe ich keine Veränderungen an mir festgestellt.
Eigentlich müssten Sie sich doch geadelt fühlen. Viele Trainerkollegen haben Ihre Arbeit als richtungweisend bezeichnet...
Klopp: Für Erfolg gibt es kein Patentrezept. Als Felix Magath als Trainer Meister wurde, haben viele den Medizinball wieder für ein adäquates Trainingsgerät gehalten. Dass wir ihn nicht einsetzen, hat uns nicht daran gehindert, Meister zu werden. Wir sind ganz sicher nicht die Einzigen, die wissen wie es geht.
Es heißt, die größten Fehler werden im Erfolg gemacht. Dafür gab es viele Beispiele – vor Jahren auch Dortmund. Ist der BVB gefährdet?
Klopp: Möglicherweise verliert man in solchen Fällen den Blick für die Realität. Uns ist das nicht passiert. Wir haben wichtige Entscheidungen getroffen, die wir im Übrigen auch getroffen hätten, wenn wir Vierter geworden wären.
Welche?
Klopp: Wir hatten nicht das Gefühl, wir müssten in einem anderen Regal und teurer einkaufen.
Aber der Meistertitel eröffnet neue finanzielle Spielräume. Verleitet das nicht dazu, über teurere Transfers nachzudenken?
Klopp: Es gab irgendwo auf der Welt einen hochinteressanten 18, 19 Jahren alten Jungen, der sollte 15 Millionen Euro kosten. Über den haben wir lange nachgedacht. Aber wir sind bisher unseren Weg gern gegangen. Wenn Geschäftsführer Watzke sagt, soviel dürfen wir ausgeben, frage ich nicht, ob es vielleicht nicht doch ein bisschen mehr sein darf. Ich bin nicht derjenige, der vorgibt, wie viel der Verein investieren muss. Ich bin der, der mit dem umgehen muss, was der Verein bereit ist zu investieren.
Der BVB hat seinen Kader mit Gündogan, Löwe, Perisic und Leitner ergänzt. Erfüllen die Neuzugänge bisher Ihre Erwartungen?
Klopp: Wir wollten genau diese Jungs haben, weil wir von ihnen überzeugt sind. Jetzt müssen sie sich an uns gewöhnen, dann werden sie uns verstärken. Die Trainingseindrücke sind gut.
Bisher ging es unter Ihrer Regie beim BVB stetig nach oben. Vom sechsten auf den fünften und nun sogar auf den ersten Platz. Mehr geht nicht. Wird die vierte Saison beim BVB deshalb Ihre schwerste?
Klopp: Ich bin glücklicherweise nicht völlig verblödet und weiß, dass es bei Platz eins schwieriger wird. Es ist verdammt schwer, so eine Saison zu toppen. 75 Punkte holt man nicht jedes Jahr – egal wer. Aber es gibt im Fußball zwei Größen, die du immer verbessern willst: die Qualität jedes einzelnen Spielers und die Qualität des Mannschaftsspiels. Und was die Spieler anbetrifft, haben wir bei vielen noch massenhaft Spielraum.
Kann ein Team, das in so überzeugender Manier Meister wird, wirklich noch besser spielen?
Klopp: Wenn man so eine junge Mannschaft hat, ist es fast schon eine Bürgerpflicht, sich weiter zu entwickeln. Es wäre ja Wahnsinn, wenn die Jungs irgendwann auf ihre Karriere herabblicken und sagen, meine beste Zeit hatte ich mit 21 Jahren.
Zum ersten Mal in Ihrer Amtszeit beim BVB wurde von Geschäftsführer Watzke ein Saisonziel ausgegeben. Haben Sie ihm dazu geraten?
Klopp: Das haben wir natürlich miteinander abgesprochen. Als Deutscher Meister sollte man sich einen internationalen Platz als Ziel setzen. Wir würden uns darüber wirklich total freuen.
Das klingt bescheiden ...
Klopp: Unsere Definition für uns selbst wird sich nicht verändern. Wir werden der erste Meister in der Geschichte des Fußballs, der in die nächste Saison als Herausforderer und nicht als Titelverteidiger geht.
Wen wollen Sie denn herausfordern? Wer ist Titelfavorit?
Klopp: Das ist Bayern München. Es wäre Wahnsinn, wenn es nicht so wäre, mit dem, was die Münchner einsetzen. Einmal nicht Meister zu werden, kann passieren. Aber bei zweimal in Folge wäre vieles passiert. Auch der Kader der Leverkusener hat außergewöhnliche Qualität. Die sind brutal stark und ebenfalls ein großer Herausforderer.
Wie wollen Sie es schaffen, Ihren jungen Spielern den Respekt vor der großen Stars in der Champions League zu nehmen?
Klopp: Wieso? Unsere Spieler haben deutlich mehr mit den Spielern aus der Champions League zu tun als mit denen von Bayern München. Die kennen die Schwächen und Stärken eines jeden internationalen Stars – aus der Play-Station. Davon abgesehen: Respekt hat nichts damit zu tun, trotzdem frech zu sein. Aber dass wir das Gefühl kriegen könnten, durch die Champions League zu reiten und sie möglicherweise zu gewinnen, wäre Quatsch.
Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Zusatzbelastung in der Champions League Substanz für die Bundesliga kostet?
Klopp: Mir konnte noch niemand schlüssig erklären, warum die Champions League mehr Kraft kosten soll als die Europa League. Dort haben wir in der vorigen Saison gespielt.

 - dpa

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