Achterbahn der Emotionen

DORTMUND ▪ Als sein Name fällt, als der Orkan im Stadion losbricht, übermannen Dede einmal mehr die Emotionen. Der Brasilianer weint hemmungslos, umarmt Nuri Sahin, drückt ihm ein Küsschen auf die Wange. Von Frank Heidenreich

Der Deutsch-Türke ist wenige Sekunden vor Dede offiziell verabschiedet worden, auch er kämpft sichtlich mit den Gefühlen. Für die Enttäuschung mancher Fans von Borussia Dortmund über die Abwanderung Sahins zu Real Madrid ist weder vor noch nach dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt Platz. Ein einzelnes Plakat mit der Aufschrift „Lieber einer von vielen bei den Königlichen als der König von Borussia?!“ wird dem 22-Jährigen entgegengereckt, untermalt von ganz, ganz wenigen Pfiffen. Ansonsten verneigt sich der Anhang mit „Nuri, Nuri“-Rufen kollektiv vor der Nummer 8 und würdigt damit Sahins unstrittig großen Anteil am sportlichen Meisterstück. Der Dirigent des BVB-Ensembles, wegen eines Innenbandteilrisses sportlich außer Gefecht, humpelt Richtung Südtribüne, um dort mit den Fans schon vor dem Anpfiff die Welle zu vollführen. Sahin hat genauso wie Dede in der Achterbahn der großen Gefühle Platz genommen.

Und doch ist da ein Unterschied zwischen dem jungen Akteur, der den schwarz-gelben Freundeskreis nach elf Jahren bei der Borussia aus freien Stücken verlässt, und Dede, bei dem zwei Jahre mehr in Dortmund im sportlichen Lebenslauf stehen, der sich gewaltige Sympathien erworben hat. Der geht, weil sein Vertrag nicht verlängert wird. Als Stadionsprecher Norbert Dickel die Verabschiedung des Brasilianers einleitet, bebt der Signal Iduna Park in seinen Grundfesten. „Das ist ein sehr schöner, aber auch sehr trauriger Tag. Ich werde alle sehr vermissen“, ist Dede auch Stunden später noch hin- und hergerissen zwischen Meistertaumel und Abschiedsschmerz.

Den Fans versüßt er das Ende seiner Ära durch das Verteilen von Trikots mit der Aufschrift „Danke für 13 schöne Jahre“. Ihm selbst beschert Trainer Jürgen Klopp später noch den würdigen Rahmen, indem er den 31-Jährigen in der 73. Minute einwechselt und damit das Stadion-Fundament dem nächsten Stresstest unterzieht. Kaum auszudenken, was acht Minuten später passiert wäre, wenn Dede tatsächlich getroffen hätte. Wenn er, der dem Drängen seiner Mitspieler nachgegeben hat, der von Felipe Santana und Antonio da Silva Richtung Elfmeterpunkt geschoben worden ist, den Strafstoß verwandelt hätte. Das letzte, das ganz große Abschiedsgeschenk verwehrt ihm Frankfurts Torwart Ralf Fährmann. „Das passt schon so“, sagt Dede später in den Stadion-Katakomben kurioserweise und fügt noch nebulöser hinzu: „Das muss auch so sein.“ Warum? Dede hat keine Zeit mehr zu antworten. Der Brasilianer hat längst sein Lachen wiedergefunden, das ihm nur noch einmal für einen ganz kurzen Moment abhanden gekommen war. Mit dem Schlusspiff sinkt der Sympathieträger auf die Knie, weint, wird von allen gedrückt. „Was diese Mannschaft für mich getan hat, das kann man nicht bezahlen“, sagt er mit Blick auf die gewaltige moralische Unterstützung in einer für ihn persönlich sportlich schweren Saison. „Wir sind stolz darauf, so einen Menschen kennen gelernt zu haben“, bringt Sahin den Stellenwert der Nummer 17 auf den Punkt. Den ungewöhnlichen Zusammenhalt in der Truppe bekommt auch der türkische Nationalspieler zu spüren. Als Mats Hummels und Neven Subotic ihm das T-Shirt zeigen, das sie unter dem Trikot tragen und auf dem zu lesen ist „Für uns wirst du immer ein Dortmunder bleiben“, da muss Sahin kräftig schlucken und sagt: „Das ist für mich auch ein schwerer Tag.“

Minuten später – vergessen. Dede und Sahin haben zu tun, immerhin ist nicht nur für Sahin mit dem Titel „ein Traum in Erfüllung gegangen“. Nach der Übergabe der Meisterschale – Dede darf als Erster die schnell aufgebaute Bühne betreten – beginnt der Feier-Marathon. Der Brasilianer, den Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke beim abendlichen Bankett „zum Ehrengast auf Lebenszeit bei allen Titelfeiern“ und zum „Kapitän der Herzen“ ernennt, führt die Spaßfraktion an. Sahin, dem Watzke eine Rückholaktion in Aussicht stellt, „wenn dir Real Madrid irgendwann nicht mehr ambitioniert genug erscheint“, humpelt eifrig mit. Vor den Gratis-Bierduschen ist niemand sicher. Die BVB-Spieler „sprengen“ die Pressekonferenz, statten den Unparteiischen um Schiedsrichter Peter Gagelmann einen Besuch inklusive „Schaumbad“ ab. Und freuen sich über ihre Überraschungsangriffe wie kleine Kinder.

Keiner von beiden kämpft jetzt mehr mit seinen Gefühlen. Sie lassen ihnen einfach freien Lauf.

Quelle: wa.de

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