Kriegsschiffe standen schon bereit

Eskalation an der EU-Außengrenze? Türkei meldet sich richtungweisend zu Bohrungen in Seegebieten

Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte wohl eine militärische Eskalation zwischen Griechenland und der Türkei in letzter Minute verhindern. An der Grenze war die Situation brenzlig.

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel vermittelte offenbar zwischen der Türkei und Griechenland, um eine drohende Militäreskalation abzuwenden.
  • Mehrere türkische und griechische Kriegsschiffe waren bereits auf dem Weg zu einer grenznahen griechischen Mittelmeerinsel, an der die Türkei Erdgaserkundungen durchführen wollte.
  • Beide Länder betrachten das Gebiet als „ausschließliche Wirtschaftszone“. Nun lenkt die Türkei ein - wie lange hält der Verzicht?

Update vom 21. August, 21.40 Uhr: Die Türkei hat nun Erdgas gefunden - allerdings nicht im Mittel-, sondern im Schwarzen Meer. Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einer „neuen Ära“. Der Kurs der Lira stürzte allerdings dennoch weiter ab.

Update vom 10. August, 13.05 Uhr: Nur gut zwei Wochen nach der Vermittlung von Kanzlerin Angela Merkel droht bereits wieder Streit zwischen der Türkei und Griechenland - das Land hat nun erneut ein Schiff in Richtung griechischer Küste entsendet.

Update vom 28. Juli, 17.15 Uhr: Die Türkei lenkt im Streit mit Griechenland um Gasbohrungen im Mittelmeer teilweise ein und will zunächst kein türkisches Bohrschiff in die Nähe einer griechischen Insel entsenden. Ankara werde „für eine Weile“ darauf verzichten, kündigte der Sprecher des türkischen Präsidenten an. Seit die Türkei im Mittelmeer nach Gas sucht, sieht Griechenland seine Souveränität verletzt. Als Reaktion darauf versetzte die griechische Marine ihre Schiffe zuletzt in „Alarmbereitschaft“.

„Unser Präsident hat erklärt, während der laufenden Verhandlungen werden wir eine Weile abwarten, um eine konstruktive Haltung einzunehmen“, sagte Ibrahim Kalin, der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erdogan, dem Fernsehsender CNN Türk. Kalin bezeichnete Griechenland als „wichtiges Nachbarland“ der Türkei. „Wir sind bereit, mit Griechenland zu reden, ohne Bedingungen“, sagte er.

Streit zwischen Griechenland und Türkei um Gasbohrungen im östlichen Mittelmeer

Eigentlich hatte die Türkei vor, das Erkundungsschiff „Oruc Reis“ südlich der griechischen Insel Kastellorizo nach Gasvorkommen suchen zu lassen. Athen schickte daraufhin vergangene Woche die griechische Marine in die Ägäis und versetzte sie in „erhöhte Alarmbereitschaft“. Athen warnte auch vor einer weiteren Eskalation zwischen den Ländern, sollte die Türkei ihre Bohrschiffe nicht aus der Region abziehen, die zum griechischen Festlandsockel gehöre. Rückendeckung bekam Griechenland von der EU.

Das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ ankert vor der Küste Antalyas im Mittelmeer.

Seit der Entdeckung von reichen Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer, auch vor der Küste Zyperns, gibt es heftigen Streit um deren Ausbeutung. Sowohl die Republik Zypern als auch die Türkei und Griechenland erheben Anspruch auf die betreffenden Seegebiete. Die Regierung in Ankara versucht Fakten zu schaffen, indem sie durch ein umstrittenes Seeabkommen mit Libyen die Grenzen ihres Seegebiets im östlichen Mittelmeer erheblich ausweiten will.

Merkel verhindert Militäreskalation - Griechenland fordert Türkei zum Abzug von Bohrschiffen auf

Update vom 23. Juli, 10.36 Uhr: Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel* am Dienstagabend durch Telefonate mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan und dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis eine Militäreskalation auf dem Mittelmeer abwenden konnte (siehe Erstmeldung vom 22. Juli), bleibt die Situation an der türkisch-griechischen Grenze weiter angespannt. Wie das Büro des griechischen Ministerpräsidenten bekanntgab, trifft sich Mitsotakis an diesem Donnerstag und am morgigen Freitag mit Vertretern der griechischen Parteien, um sie über „nationale Angelegenheiten" zu informieren, berichtet Focus.de. Zuvor soll die griechische Regierung außerdem Seeleute dazu aufgerufen haben, eine von der Türkei erlassene maritime Einschränkung für die Ägäis-Region zu ignorieren.

Weiter ließ das griechische Außenministerium verlauten: „Wir fordern die Türkei auf, ihre illegalen Aktivitäten, die unsere souveränen Rechte verletzen und Frieden und Sicherheit in der Region untergraben, unverzüglich einzustellen.“ Athen warnte zudem vor einer weiteren Eskalation zwischen den Ländern, sollte die Türkei ihre Bohrschiffe nicht aus der Region abziehen, die zum griechischen Festlandsockel gehöre. Laut Angaben des Marinevertreters ist die griechische Marine bereit, auf "jegliche Aktivitäten" zu reagieren.

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) wurde bei seinem Besuch in Athen am Dienstag noch einmal sehr deutlich. Er forderte die Türkei auf, die Gas- und Ölbohrungen im östlichen Mittelmeer zu beenden. Die Bundesregierung erwarte von Ankara, dass die Bohrungen „beendet werden und dass auch keine weiteren - wo auch immer - begonnen werden“, sagte Maas bei einer Pressekonferenz mit seinem griechischen Kollegen Nikos Dendias. Der Deutschen Presse-Agentur zufolge führt die Türkei bereits ohne Genehmigung der Regierung der Republik Zypern Ölbohrungen vor der Küste des Landes durch.

Indessen verkündet Innenminister Horst Seehofer die Aufnahme mehrerer Flüchtlingskinder und ihrer Familien. Man sei gegenüber einem europäischen Nachbarn in der Pflicht*.

In diesen Tagen zeigt das Buch eines früheren Staatsmannes, welche Phasen ihres Lebens bei Angela Merkel womöglich die größten Spuren hinterlassen haben.

Merkel verhindert Militäreskalation - Türkische Gasbohrungen in griechischem Gebiet führen fast zum Eklat

Erstmeldung vom 22. Juli 2020:

Berlin - Kampfjets, Kriegsschiffe und zwei unnachgiebige Regierungschefs - am Dienstagabend drohte die bereits seit langem angespannte Situation an der griechisch-türkischen Grenze offenbar im Mittelmeer zu eskalieren. Durch beherztes Eingreifen von Bundeskanzlerin Angela Merkel* konnte das Schlimmste jedoch offenbar verhindert werden, berichtet Bild.de. Indem sie eine direkte Konfrontation zwischen Griechenland und der Türkei verhinderte, hat Merkel auch in eigener Sache gehandelt. Denn eine weitere Zuspitzung der Türkei-Griechenland-Krise könnte auch für Deutschland Folgen haben*.

Zum Hintergrund: Am vergangenen Dienstagmorgen hatte die Türkei bekanntgegeben, südlich der griechischen Insel Kastellorizo nach Gas suchen zu wollen. Die Insel ist offenbar schon länger ein neuralgischer Punkt: Sie befindet sich nur drei Kilometer vor der Südküste der Trükei und die umliegenden Gewässer sowie möglicherweise rohstoffreichen Meeresgründe werden sowohl von der türkischen als auch von der griechischen Regierung als jeweils eigene „ausschließliche Wirtschaftszone“ beansprucht. Deshalb will Griechenland laut dem Bericht der Bild-Zeitung unbedingt verhindern, dass die Türkei „ihr" Gas in der Region fördert.

Merkel verhindert Militäreskalation - Griechische Marine rief zuvor Alarmzustand aus

Dementsprechend drohte das jüngste türkische Vorhaben heikel zu werden. Schon am Morgen flogen zwei Kampfjets der türkischen Luftstreitkräfte Kastellorizo. Daraufhin schickte Griechenland offenbar ebenfalls Kampfflugzeuge in die Region. Wenige Stunden später - gegen Mittag - soll die griechische Marine schließlich den Alarmzustand ausgerufen haben. Alle Urlaube der Soldaten wurden gestrichen und Generalstabschef Konstantinos Floros flog offenbar aus dem Sommerurlaub auf Zypern zurück nach Athen. Die Ursache laut Bild.de: Militäraktivität an der türkischen Marinebasis Aksaz.

Am Abend erfuhr Bild.de aus griechischen Militärkreisen, dass 18 türkische Kriegsschiffe auf Kastellorizo zusteuerten. Und auch griechische Kriegsschiffe fuhren nun in Richtung der Mittelmeerinsel. In dieser Situation hätte es wohl jeden Moment zu einer Eskalation zwischen den beiden Nato-Ländern kommen können. Doch Kanzlerin Merkel schritt ein und konnte die Wogen glätten. Dem Bericht zufolge telefonierte sie in letzter Minute mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sowie dem griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis, um zwischen den beiden Konfliktparteien zu vermitteln.

Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte offenbar einen Militärkonflikt zwischen der Türkei und Griechenland verhindern.

Offenbar mit Erfolg: Letztendlich kehrte die türkische Kriegsflotte um und fuhr in die entgegengesetzte Richtung. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer bestätigte auf Bild-Nachfrage, dass die Kanzlerin mit Erdogan telefoniert hat. In dem Gespräch sei es tatsächlich "um die Lage in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer" gegangen.

Merkel verhindert Militäreskalation - Telefonate mit Erdogan und Mitsotakis glätten die Wogen

Und auch mit Mitsotakis sei Merkel am Dienstagabend zu dem Thema „im Austausch“ gewesen. Übrigens: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) befand sich gestern (21. Juli) in Athen. Zum Konflikt um die Gasbohrungen bei Kastellorizo erklärte er: „Zur Rolle der Türkei, unter anderem im östlichen Mittelmeer, haben wir eine ganz klare Haltung: Das Völkerrecht muss eingehalten werden.“ Es brauche einen ehrlichen, offenen Dialog ohne Provokationen, betonte der Minister. Dieses Statement hat die Regierung von Erdogan aber wohl eher provoziert. Erst Merkels Eingreifen konnte die Situation - zumindest bis aufs Erste - wieder entschärfen.

Als Verhandlerin gefragt war Merkel zuletzt auch beim EU-Gipfel zu Corona-Hilfen. Nach einem viertägigen Beratungsmarathon stand am Ende ein EU-Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 und auch auf ein Corona-Hilfspaket konnten sich die EU-Staaten einigen. Weitere Informationen zum Ergebnis des EU-Gipfels erhalten Sie in nachfolgendem Video.

Wegen Corona-Krise gilt weiterhin Reisewarnung für die Türkei

Auch interessant: Die deutsche Reisewarnung für die Türkei gilt aufgrund der Coronavirus*-Lage in dem Land weiterhin. Vor wenigen Wochen war der türkische Außenminister in Deutschland zu Besuch, um darüber zu beraten. Doch Maas zeigte sich unnachgiebig.

In Istanbul hat der türkische Präsident Erdogan die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt. Die Entscheidung trifft auf scharfe Kritik. Derweil trotzt der Staatschef dem Rekordtief der Landeswährung mit auf provokante Art. Beim Informellen treffen der EU-Außenminister wird das Verhältnis zur Türkei ein wichtiges Thema sein, so Heiko Maas im Vorfeld. (cia/dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Yves Herman/Reuters Pool/AP/dpa

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