„Abenteuerliche Realitätsferne“

Anweisung von Papst Franziskus erzürnt deutsche Bischöfe - nun droht ein Eklat

Der vorherrschende Priestermangel ist eines der größten Probleme der katholischen Kirche. Der Vatikan macht den Gemeinden nun Vorgaben - zum Ärger der Bischöfe.

  • Der Vatikan untersagt in einem Schreiben seinen Bischöfen die Zusammenlegung mehrerer Gemeinden.
  • Doch der Priestermangel lässt vielen Bischöfen keine andere Wahl.
  • Nun formiert sich Widerstand in der katholischen Kirche gegen die Instruktionen von Papst Franziskus.

Vatikan - Der Vatikan hat mit einem Instruktions-Papier, das Papst Franziskus ausdrücklich abgesegnet hat, für Aufregung unter seinen Geistlichen gesorgt. Viele Bischöfe begegnen dem Schreiben der Kleruskongregation des Vatikans sogar mit offener Ablehnung.

Unter dem sperrigen Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ wird den Bistümern vorgegeben, dass nur in begründeten Ausnahmefällen Pfarreien zusammengelegt werden sollen. Den akuten Priestermangel in der katholischen Kirche, deren Mitgliederzahl sich weiter im Sinkflug befindet, sieht der Vatikan ausdrücklich nicht als einen akzeptablen Ausnahmefall an.

In dieser Vorgabe sehen viele Katholiken eine Provokation, wenn nicht sogar einen handfesten Skandal. Für den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk), Thomas Sternberg, besitze das Papier eine „abenteuerliche Realitätsferne“. Es ist nicht der erste in Deutschland umstrittene Vorstoß des katholischen Kirchenoberhauptes in letzter Zeit, auch die Haltung von Papst Franziskus zum Zölibat erzürnte zuletzt.

Bundesweit gibt derzeit knapp 13.000 Priester. Vor 30 Jahren lag dieser Wert mit 20.000 noch deutlich höher. Und Nachwuchs ist rar gesät - lediglich 63 Männer ließen sich 2019 zum Priester weihen.

Trotz 22,6 Millionen Katholiken in Deutschland bleibt der Priesternachwuchs aus. Für die Bistümer bedeutet dies ein massives Problem, häufig gibt es nur noch eine Lösung: Pfarreien werden zu Großgemeinden zusammengelegt.

Priestermangel sorgt für Probleme - Gemeinden binden Laien und Ehrenamtliche ein

In den meisten Fällen führen Teams aus höchstens zwei oder drei Priestern diese dann an. Und sehen sich einen schier unüberwindbaren Berg an Arbeit gegenüber. Da viele der früheren Funktionen der Geistlichen sonst auf der Strecke bleiben würden, übernehmen mittlerweile vielerorts bezahlte Mitarbeiter wie Gemeindereferenten und -referentinnen oder Ehrenamtliche diese Aufgaben.

Teilweise stemmen die Ehrenamtlichen sogar die katholischen Gemeinden gänzlich selbst – wie zum Beispiel in der Duisburger St. Barbara Gemeinde. Lediglich zur Sonntagsmesse kommt ein Priester aus einem anderen Stadtteil vorbei. ���Alle übrigen Gottesdienste, Andachten und Gebetszeiten werden von ehrenamtlichen Laien geleitet“, beschreibt die Website von St. Barbara die Arbeitsaufteilung.

Darin sieht der Vatikan einen untragbaren Zustand, dies sei so in der katholischen Kirche nicht vorgesehen, heißt es in dem Instruktions-Papier. Selbst die Leitung einer Pfarrei durch ein Team aus dem Pfarrer und Nicht-Klerikern sei „illegitim“, steht dort geschrieben. Die Begründung: Das traditionell katholische Verständnis sieht den Priester in einer besonderen Verbindung zu Gott und gebe ihm damit eine Autorität, die ein Laie nicht haben könne.

Bischöfe in Mainz und Osnabrück lehnen Instruktionen aus Vatikan-Schreiben ab

In der jüngsten Vergangenheit sorgten Gemeindefusionen oft für Ärger. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wurde aus Rom an dem Vorhaben gehindert, die rund 890 Pfarreien seines Bistums zu 35 Großpfarreien zusammenzulegen. Ackermann hatte geplant, seine Gemeinden künftig von Teams leiten zu lassen und innerhalb dieser Pfarrer und Ehrenamtliche auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu lassen.

Nach dem Nein des Vatikans erklärte Ackermann, er sei darüber „ernüchtert“. Sein Mainzer Kollege Bischof Peter Kohlgraf will sich trotz der Instruktion aus Rom nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen lassen, auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode lehnt es ab, die neuen Organisationsformen wieder abzuschaffen.

Im Bistum Osnabrück war Ende 2019 die Gemeindereferentin Christine Hölscher an die Spitze der Pfarreiengemeinschaft Bad Iburg/Glane aufgerückt. Hölscher stehen zwei Priester zur Seite, doch sie ist hauptverantwortlich für die Finanzen, Personal und Gebäude. „Leider ist diese ‚Instruktion‘ eine so starke Bremse der Motivation und Wertschätzung der Dienste von Laien, dass ich große Sorge habe, wie wir unter solchen Bedingungen neue engagierte Christen finden sollen“, übte Bode scharfe Kritik am Vatikan. (kh/dpa)

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