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Suche nach Atommüll-Endlager: Wo es entstehen könnte, warum es nötig sein wird

Welche Orte sind für ein Atommüll-Endlager geeignet? Alle Standorte, Informationen und eine Daten-Analyse.
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Welche Orte sind für ein Atommüll-Endlager geeignet? Alle Standorte, Informationen und eine Daten-Analyse.

Strahlender Atommüll in der Nachbarschaft - das ist für viele eine Horror-Vorstellung. Nun wurde bekannt, wo ein Endlager für große Mengen an nuklearem Abfall in Deutschland entstehen könnte. Alle Informationen und eine Datenanalyse.

  • Eine Karte mit möglichen Endlagern bestimmt am Montag (28.09.) die Diskussion.
  • Verschiedene Meinungen werden vertreten - wir halten Sie auf dem Laufenden (siehe Updates).
  • Daten, Grafiken und weitere Informationen zur Endlagersuche für atomare Abfälle finden Sie weiter unten im Text (siehe Erstmeldung).

Peine/München - 90 Teilgebiete sind in der engeren Wahl für ein deutsches Atommüll-Endlager, die weiteren intensiven und sicher emotionalen Diskussionen werden die kommenden Monate und Jahre bestimmen. Wir dokumentieren hier alle Informationen und den aktuellen Stand - und liefern weiter unten im im Abschnitt +++ ausführliche Datenanalysen und Grafiken, warum es dieses Endlager überhaupt geben muss. Und dass etwa die Menge an strahlendem Müll ausreichen würde, das Stadtgebiet Münchens komplett und zwei Meter hoch zu bedecken.

Atommüll-Endlager: Nach der Vorentscheidung folgen Monate und Jahre der Diskussion

Update vom 28. September, 12.56 Uhr: Ministerpräsident Markus Söder hat die Vorwürfe, Bayern würde bei der Atommüllendlagerung keine Verantwortung übernehmen, abgewiesen. Bayern trage mit den aktiven Zwischenlagern im Freistaat bereits eine „absolute Hauptlast“ (siehe Karte in der Erstmeldung). Auf politischer Ebene werde die Debatte nicht ganz fair geführt, indem von vielen Seiten gefordert werde, ein Endlager müsste in Bayern gebaut werden.

Durch die Ausweisung vieler Gebiete, die als Endlager infrage kommen, entstehe eine „enorme Verunsicherung“ im Land. Fast zwei Drittel der Fläche Bayerns, acht Millionen Menschen lebten in einer betroffenen Region (siehe Karte). Fraglich sei, warum Gorleben ausgeschlossen wurde, obwohl die Bewertung sehr breit angelegt ist, so der CSU*-Politiker. Bayern werde sich nicht verschließen ein Endlager zu beheimaten. Ein direktes Angebot auszusprechen, unbedingt ein Endlager in Bayern zu bauen, hält Söder* jedoch auch nicht für angemessen.

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) betonte, dass Geologie über Ideologie stehe. Anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse müsse eine Entscheidung getroffen werden. Glauber kritisierte das Verfahren scharf. Es sei nicht zielgerichtet, 54 Prozent der Bundesfläche hauptsächlich anhand der Gesteinsvorkommen auszuweisen. Über die mehrjährige Arbeit der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) urteilte der Politiker: „Das kann auch ein Geologiestudent im dritten Semester.“

BGE: Gorleben wurde aus wissenschaftlichen Gründen ausgeschlossen

Das deutschlandweite Verfahren in dieser Dimension würde unnötig verunsichern. „Es gibt keinen Standort, der genauer untersucht ist als Gorleben“, so Glauber. Daher könne er den Ausschluss nicht nachzuvollziehen. Bayerische Behörden und Forschungseinrichtungen würden die Erkenntnisse prüfen und Fragen an die BGE stellen, um Unklarheiten aus dem Weg zu räumen. In der Pressekonferenz in Berlin hatten die Vertreter der BGE zuvor erklärt, dass der Salzstock Gorleben aus wissenschaftlichen Gründen ausgenommen wurde. Unter anderem weise der Salzstock ein nicht intaktes Deckgebirge vor, auch die Gewässerchemie spreche gegen den Standort.

Kritik aus Bayern: Behörde nennt jetzt mögliche Atommüllendlager

Update vom 28. September, 11.41 Uhr: Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) hat scharf kritisiert, dass der Salzstock Gorleben nicht weiter bei der Endlagersuche berücksichtigt wird. „Die Herausnahme von Gorleben ist nicht nachvollziehbar. Das weitere Verfahren hat ohne Gorleben ein Glaubwürdigkeitsproblem“, erklärte Glauber am Montag in München. Man blicke deshalb sehr kritisch auf den am Montag vorgelegten Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE).

Dabei hat sich lediglich der Salzstock als ungeeignet herausgestellt. Ein Blick auf die interaktive Karte der BGE zeigt, dass in der Region um Gorleben tertiäres und prätertiäres Tongestein vorhanden ist. Somit ist die Umgebung weiterhin berücksichtigt.

Gebiete um Gorleben werden noch immer bei der Endlagersuche für atomare Abfälle berücksichtigt.

Update vom 28. September, 10.48 Uhr: „Die bundesdeutsche Geologie ist von Nord bis Süd und von Ost bis West so günstig, dass wir mit Überzeugung sagen können, dass sich daraus der eine Standort mit der bestmöglichen Sicherheit für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle wird ermitteln lassen“, das sei das Kernergebnis der ersten Untersuchungen, erklärte Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung Stefan Studt bei einer Pressekonferenz in Berlin. 54 Prozent der Fläche Deutschlands werden weiter in Betracht gezogen.

Endlagersuche: Transparenz und Einbindung der Öffentlichkeit

Festzuhalten sei, dass ein Teilgebiet noch lange kein Endlager ist, sondern nur in der weiteren Ermittlung berücksichtigt werde. Wichtig sei vor allem auch die Einbindung der Bevölkerung bei der Entscheidung und eine verantwortungsbewusste Information der Öffentlichkeit, erklärte Geschäftsführer Steffen Kanitz.

90 Teilgebiete sind bei der Endlagersuche für atomare Abfälle im Rennen. Die verschiedenen Farben symbolisieren die Gesteinsarten: Violett und Magenta: Tongestein, Grün und Blau: Steinsalz, Orange: Kristallines Wirtsgestein.

Politischer Druck spielt keine Rolle - Endlagersuche verläuft auf wissenschaftlicher Basis

Gorleben ist ausgeschlossen als Endlager, weil keine günstigen geologischen Verhältnisse gegeben seien, erklärte Kanitz. Ziel sei es den bestmöglichen Standort zu finden, Gorleben entspreche nicht diesem Anspruch. Politische Konflikte haben nichts mit dem Ausschluss Gorlebens zu tun. Lediglich wissenschaftliches Bewertung habe dazu geführt.

Ein Ranking zwischen den ausgewiesenen Teilgebieten gebe es nicht, erklärte Kanitz, weil es nicht das Ziel sei die Gebiete gegenüberzustellen, sondern generell günstige Gebiete auszuweisen.

Endlagersuche: Zwischenbericht Teilgebiete veröffentlicht - Gorleben ist raus

Update vom 28. September, 9.30 Uhr: Die Teilgebiete strecken sich über ganz Deutschland. Der Zwischenbericht Teilgebiete wurde veröffentlicht. Vor allem in Norddeutschland scheinen viele Teilgebiete für ein Endlager geeignet, ebenso wie im Osten der Bundesrepublik. Weniger günstig ist offenbar das Saarland. Hier ist kein einziger Landstrich mehr im Rennen. Auch in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen sind weite Teile nicht geeignet. Anders ist es im Süden. Viele Gebiete in Baden-Württemberg und Bayern werden weiter in Betracht gezogen bei der Endlagersuche für Atommüll. Insgesamt hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) 90 Teilgebiete ausgewiesen. Eine interaktive Karte mit allen Regionen in der Übersicht bietet die Gesellschaft auf ihrer Homepage.

Update vom 28. September, 9.06 Uhr: Bei der Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland ist der Salzstock Gorleben in Niedersachsen einem Medienbericht zufolge komplett aus dem Rennen. Gorleben wird in einem mit Spannung erwarteten Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung nicht als sogenanntes Teilgebiet ausgewiesen, wie der Spiegel am Sonntag aus Fraktionskreisen berichtete. Dafür seien nun Regionen in Bayern erstmals auf der Liste möglicher Standorte.

+++ Datenanalyse und Grafiken zur Endlagersuche: Behörde nennt mögliche Standorte für atomare Abfälle +++

Erstmeldung vom 25. September:

Peine/München - Welche zehn bis 100 Standorte bei der Suche nach einem Endlager für deutsche nuklearen Abfälle infrage kommen - das wird die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Montag, 28. September, offiziell bekannt geben. Denn es gibt zwar bereits drei kleinere deutsche Endlager, doch die reichen nicht aus und sind teilweise sogar ungeeignet. Irgendwo muss der radioaktive Müll aber hin, der bei der Energiegewinnung in Atomkraftwerken und bei der Nuklearforschung entsteht - oder schon entstanden ist. An die Veröffentlichung am Montag werden sich viele Jahre Sondierung und sicher auch erbitterte Diskussionen anschließen.

Hintergrund der aktuellen Endlagersuche: Die bisherigen Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus. Deswegen müssen neue Standorte gefunden werden. Die BGE hat mögliche Standorte bewertet. Das erste Ergebnis kommt am 28. September: „Wir teilen die Bundesrepublik in zwei Teile – diejenigen Regionen, die nicht näher in Betracht kommen, und diejenigen Regionen, die interessant erscheinen und im weiteren Verfahren weiter untersucht werden“, sagt Steffen Kanitz, Geschäftsführer der BGE. „Es werden mindestens zehn und höchstens 100 Gebiete sein.“ Eine finale Entscheidung soll dann planmäßig im Jahr 2031 fallen.

Endlagersuche für Atommüll: Menge würde rein rechnerisch ganz München bedecken

Insgesamt geht die Bundesregierung im schlimmsten Fall von rund 600.000 Kubikmetern Müll aus, der eingelagert werden muss. Das ist natürlich nur eine Einordnung der Menge - wo konkret in einigen Jahren ein Endlager unter der Erde schlummern wird, wird sich am 28. September genauer denn je abzeichnen. Sie finden hier dann eine Karte und alle Informationen über die möglichen Endlager-Standorte.

Bei der Standortbewertung spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zu den Mindestanforderungen zählen vor allem geologische Gegebenheiten. Nur bestimmte Steine sind für tiefliegende Einlagerungen über eine Million Jahre geeignet. Relevant ist auch, wie dicht ein Raum ist, also, ob Partikel und Gase durch die Gesteinsschichten austreten können und in welcher Tiefe das Lager eingerichtet werden könnte. Nur wenn alle Mindestanforderungen erfüllt sind, bleibt ein Gebiet im Auswahlprozess.

Auch viele Ausschlusskriterien werden berücksichtigt. So fallen ungeeignete Standorte, bei denen Vulkanismus auftreten könnte oder sich Gesteinsplatten bewegen, aus der Bewertung heraus. Auch Orte, an denen Bergbau betrieben wurde, werden nicht weiter berücksichtigt. „Denn jede Beeinflussung des Gesteins führt dazu, dass es in seiner Schutzwirkung geschwächt wird“, erklärt Dagmar Dehmer in einem Video der BGE.

Vom Zwischenlager ins Endlager: Radioaktive Abfälle suchen eine Bleibe für eine Million Jahre

Anfangs werden die noch hochradioaktiven Abfälle in Zwischenlagern - häufig auf dem Gelände eines Kraftwerkes selbst - aufbewahrt. Bei der Lagerung der Abfälle wird abhängig von der Gesundheitsschädlichkeit in schwach-, mittel- und hochradioaktiv unterschieden. Mit der Zeit nimmt die Radioaktivität der Stoffe ab. Schwach- bis mittelstark strahlende Abfälle können in Endlager transportiert werden.

Der Großteil des Atommülls stammt aus Kernkraftwerken. Typische Abfälle sind in diesem Fall Filter, Metallschrott, Papier, Laborabfälle, Bauschutt, Holz, Schlämme oder Mischabfälle. Die Abfälle entstehen nicht nur bei der Energieproduktion, sondern besonders beim Abbau von Kraftwerken bleibt Müll zurück. Auch in Forschung und Industrie werden kerntechnische Verfahren angewendet, die zu atomaren Abfällen führen. Wie die Bundesgesellschaft für Endlagerung erklärt, gibt es aktuell drei Endlager in Deutschland: Asse, Konrad und Morsleben.

Die Einlagerung in der Schachtanlage Asse im Landkreis Wolfenbüttel hat sich jedoch als ungeeignet herausgestellt. Daher wird aktuell eine Rückholung des zwischen 1967 und 1978 eingelagerten Atommülls geplant. Die Abfälle mit einem Volumen von 47.000 Kubikmetern müssen umgelagert werden. Das ist 2013 gesetzlich beschlossen worden. Das Endlager Morsleben wiederum beinhaltet 37.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Zwischen 1971 und 1998 wurde dort nuklearer Müll endgelagert. Die Anlage soll zwar ebenfalls stillgelegt werden. Die gelagerten Stoffe bleiben aber an Ort und Stelle. Das Endlager Konrad in Niedersachsen ist das erste nach Atomrecht genehmigte Endlager in Deutschland. Sobald es fertiggestellt ist, soll das Lager Platz für 303.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle bieten.

Atomenergie: Sechs deutsche Kernkraftwerke sind noch aktiv

Generell will Deutschland vollständig aus der Atomenergie aussteigen. Sechs Kernkraftwerke sind aktuell noch in Betrieb. Die Standorte Gundremmingen C, Grohnde und Brokdorf sollen bis Ende 2021 abgeschaltet werden. Die Werke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland ein Jahr später. Auch für den bis dahin noch entstehenden Atommüll muss also das Endlager ausreichen, das derzeit gesucht wird. (lb) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Transparenz: Unsere Daten, Quellen und Methoden

Bei unserer Recherche haben wir auf Informationen und Daten der Bundesgesellschaft für Endlagersuche, des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit zurückgegriffen.

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