Feuerwehrmänner im Interview

"Was ich sah, kam mir unwirklich vor": Zwei Lebensretter über ihre Einsätze auf der Autobahn

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Oft wird die Feuerwehr zu Verkehrsunfällen auf der A2 hinzugezogen, wie hier im August.

Egal ob in Bayern oder Schleswig-Holstein: Das Kamener Kreuz ist fast allen Deutschen ein Begriff. Immerhin liegt es auf der wichtigsten Ost-West-Verkehrsachse des Landes, der Autobahn 2. Dort geschehen viele Unfälle.

Bönen – Oft taucht der Knotenpunkt Kamener Kreuz in den Verkehrsnachrichten auf, weil es sich dort regelmäßig staut. Leider nur allzu oft ist ein Unfall Grund für die Verkehrsbehinderung. 

Und dann, wenn dort Hilfe benötigt wird, sind die Retter der Bönener Feuerwehr zur Stelle. Die A2 fällt in ihr Einsatzgebiet und stellt die ehrenamtlichen Kräfte immer wieder vor neue Herausforderungen, erzählen Uwe Hasche und Timo Rinkewitz.

Wie weit reicht das Einsatzgebiet der Bönener Feuerwehr auf der Autobahn 2? 

Uwe Hasche: Regulär reicht das in Fahrtrichtung Hannover von der Anschlussstelle Hamm-Bönen bis Hamm-Rhynern. In Richtung Oberhausen sind wir bis ins Kamener Kreuz jeweils bis zum Ende des Abzweigs der A1 in Richtung Bremen und Köln zuständig.

Uwe Hasche und Timo Rinkewitz von der  Feuerwehr Bönen berichten über ihre Erlebnisse.

Was erwartet die Feuerwehrleute dort? 

Timo Rinkewitz: Das ist ganz verschieden: technische Hilfeleistungen etwa, Böschungsbrände, brennende Pkw, sturmbedingte Einsätze, ausgelaufene Medien und eingeklemmte Personen nach Unfällen.

Am Wochenende gab es auf der A2 einen großen Unfall

Wenn Sie zu einem Einsatz auf der A2 gerufen werden, was geht Ihnen dann durch den Kopf? 

Uwe Hasche: Das hängt von dem Alarmstichwort ab. Das kann zum Beispiel „technische Hilfeleistung“ lauten, oder im schlimmsten Fall „eingeklemmte Person“ in Verbindung mit „Lkw“. Dann wird einem schon ein bisschen mulmig. Allerdings habe ich immer die Hoffnung, dass sich die Meldung bis zum Eintreffen vor Ort noch relativiert. Oftmals klingt die die Erstmeldung nämlich dramatischer, als die Situation dann tatsächlich ist. „Eingeklemmte Person“ kann ja vieles bedeuten. 

Manchmal lässt sich etwa eine Tür nach einem Unfall einfach nicht mehr öffnen, ohne das ein Mensch tatsächlich massiv im Fahrzeug eingeklemmt ist. Und dann kommt es noch darauf an, in welcher Funktion man zum Einsatz fährt. Wir sind ja eine freiwillige Feuerwehr, da sind die Funktionen nicht so stark festgelegt und wechseln schon mal. Häufig fängt man dann schon beim Rausfahren an, darüber nachzudenken, an was man zum Beispiel als Gruppenführer gleich alles denken muss.

Das mulmige Gefühl, das Sie beschreiben, hängt ja bestimmt mit gemachten Erfahrungen zusammen. Gibt es denn Einsätze, die Ihnen besonders prägend im Gedächtnis geblieben sind? 

Uwe Hasche: Ja, die gibt es. Bei einem mit Abstand schlimmsten Unfall der vergangenen Jahre war ich zwar selbst nicht am Einsatzort, stand aber in ungewohnter Position im Stau im Gegenverkehr auf der A2 kurz vor dem Kamener Kreuz. Als ich gesehen habe, wie die Polizei versucht hat, vier Leichenwagen durch den Verkehr zu lotsen, hat sich mir der Magen umgedreht. Ich wusste, dass da etwas sehr Schlimmes passiert ist. 

Aus den Verkehrsmeldungen habe ich dann gehört, dass fünf Menschen gestorben sind. Ich habe dann zweimal mit einem Kollegen vor Ort telefoniert. Der Unfall ist während der Ausbauphase der A2 passiert, die Einsatzkräfte aus Bönen mussten zum Teil Mittelplanken entfernen, weil die Rettungsfahrzeuge gar keinen Platz hatten. 

Einen Einsatz im Juli 2010 werde ich auch nicht vergessen. Drei junge Männer sind mit ihrem Pkw mitten im Kamener Kreuz auf einen Sattelzug aufgefahren. Sie waren sofort tot. Der Sattelzug hatte eine Panne und stand auf den Standstreifen. Es waren Helfer vor Ort, um die Panne zu beheben. Sie wurden bei dem Unfall ebenfalls schwer verletzt. Einer von ihnen hatte das Pech, von einer umherfliegenden Abschleppstange getroffen zu werden. Die hat ihm beide Füße weggeschlagen.

Wie erlebt man als Rettungskraft solche Katastrophen? 

Uwe Hasche: Gemeldet war in diesem Fall „Pkw brennt“. Ich bin also mit ganz anderen Überlegungen losgefahren. Wir haben damals richtig reagiert und uns bei der Anfahrt aufgeteilt. Das war ja mitten in der Bauphase. Wir sind über die eingerichtete Notauffahrt an den Unfallort gekommen, ich war einer der Ersteintreffenden. Von Weitem habe ich noch gedacht, dass gar keine Rauchsäule zu sehen ist und es dann möglicherweise gar nicht so schlimm ist. 

Das, was ich dann gesehen habe, kam mir total unwirklich vor. Die Bilder habe ich jetzt noch im Kopf: Die beiden Männer, die vorne im Pkw saßen, waren bis zum Kopf eingeklemmt, der Mann auf dem Rücksitz muss ebenfalls sofort tot gewesen sein. Ihm ist beim Aufprall ein großer, schweren Werkzeugkoffer an den Kopf geknallt. Er hatte einen Genickbruch. Die Bergung hat sehr lange gedauert, wir mussten die Leichen aus dem Auto schneiden.

Sie sagen, dass die Anfahrt bei diesem Unfall gut geklappt hat. Ist das nicht immer so? 

Uwe Hasche: Ein Einsatz auf der Autobahn ist immer etwas Besonderes, schon die Anfahrt. Gerade in den Hauptstoßzeiten, wenn auch noch viele Lkw unterwegs sind, wird es mitunter eng. Die Fahrt durch die Rettungsgasse ist durchaus ein Stressmoment.

Timo Rinkewitz: Ich erinnere mich an einem Einsatz, bei dem wir ebenfalls zu einer eingeklemmten Person gerufen worden sind. Nachdem die ersten Fahrzeuge durchgefahren sind, wurde die Rettungsgasse sofort wieder zugestellt. Zwei Lkw waren sogar abgestellt und abgeschlossen worden. Wir mussten warten, bis die dritte Spur freigemacht wurde und dann die Spiegel anklappen. Zwei Retter sind ein paar Meter vor uns hergelaufen und haben die Autos eingewiesen.

Uwe Hasche: Wir holen das Thema immer wieder in den Focus, zum Beispiel, indem wir bei Facebook auf die Rettungsgasse hinweisen. Wir erinnern die Radiomacher daran, dass sie bei Unfallmeldungen daran denken, die Leute aufzufordern, eine Rettungsgasse zu bilden. Dann klappt das meistens auch. – Ebenso, wenn es gerade eine Kampagne gegeben hat. Das ebbt aber wieder ab. Es ist ein Phänomen: Die Leute stellen sich in die Rettungsgasse, um mehr zu sehen.

Sind also vor allem die Gaffer das Problem?

Uwe Hasche: Das Thema wird sehr offensiv angegangen, mit großer Unterstützung der Autobahnpolizei. Die Beamten filmen und fotografieren die Gaffer, die dann mit einem Verfahren rechnen müssen. Das wird knallhart durchgezogen. Und wir haben die Möglichkeit, Hinweise zu geben, der die Polizei dann nachgeht. Und wir nutzen konsequent die mobilen Sichtschutzwände.

Die gehören ja inzwischen fest zur Ausrüstung. Ist die Bönener Feuerwehr aufgrund ihres Einsatzgebietes auf der A2 ansonsten besonders ausgestattet?

Timo Rinkewitz: Wir haben mehrere Einsatzschwerpunkte, die Autobahn ist einer. Außerdem haben wir die Bahnstrecke und ein großes Industriegebiet. Wir müssen auf alles vorbereitet sein.

Und wie wird festgestellt, was die Feuerwehr alles benötigt? 

Uwe Hasche: Dafür gibt es den Brandschutzbedarfsplan, der von unabhängigen Experten alle fünf Jahre aufgestellt, beziehungsweise durch den Ratsbeschluss fortgeschrieben wird. Darin ist festgelegt, was die Feuerwehr haben muss. Alle Gefahrenpotenziale sind darin erfasst und wie wir für welche Risiken technisch gerüstet sein müssen. Unser Fuhrpark und die technische Ausstattung sind also schon gezielt auf unser Gebiet zugeschnitten. Es gibt allerdings wahrscheinlich wenige Kommunen mit 18.000 Einwohnern, die 14 Feuerwehreinsatzfahrzeuge haben.

Und die Retter? Wie bereiten Sie sich auf die Autobahneinsätze vor? 

Uwe Hasche: Wir planen dafür jedes Jahr feste Themenblöcke ein und üben über das Jahr verteilt bestimmt Einsätze. Gerade die Menschenrettung und die technische Hilfeleistung müssen immer wieder aufgefrischt werden. Wir führen auch gemeinsame Übungen und Aktionen mit dem DRK durch. 

Timo Rinkewitz: Wir haben auf dem Hof am Gerätehaus einige Unfallwagen zum Üben. Daran können wir uns so richtig auslassen. Vergangene Woche haben wir zum Beispiel den Einsatz des Stab-Fast-Systems geübt. Damit lassen sich Autos stabilisieren, die sich überschlagen haben. Und dann haben wir noch extra einen Ausbildungsbereich für den ABC-Einsatz, weil ja reichlich Gefahrengut auf der A2 transportiert wird.

Die Feuerwehrleute sind technisch gut vorbereitet, sowohl was die Ausrüstung als auch Fähigkeiten betrifft. Auf die seelische Belastung, wenn sie zu furchtbaren Unfällen mit schwer oder gar tödlich verletzten Menschen gerufen werden, können sie sich aber wahrscheinlich wenig vorbereiten, oder? Wie gehen Sie und Ihre Kameraden damit um?

Timo Rinkewitz: Ich hatte zum Glück noch keinen so dramatischen Einsatz. Und nach dem Ende des Ausbaus ist es ja auch viel ruhiger geworden auf der A2. Wir haben viel weniger Unfälle.

Uwe Hasche: Das stimmt – zumindest für uns. Die Kollegen in Bergkamen und Kamen können das aufgrund der Brückenbauwerke dort allerdings nicht bestätigen. Am schlimmsten war für uns die Baustellenzeit 2008, 2009 mit einigen tödlichen Unfällen. Bei solchen Einsätzen ist häufig der Notfallseelsorger vor Ort, wie etwa bei dem Unfall mit den drei toten Männern. 

Damals haben wir den Seelsorger für uns selbst hinzugerufen und ihn nachher auch mit zur Wache genommen. Dort reden wir in der Regel noch einmal über das Geschehene. Ich selbst habe relativ früh gelernt, damit umzugehen. Die Toten habe ich nicht gezählt. Man muss lernen, es zu akzeptieren, dass man nicht alle Menschen retten konnte. Aber im Laufe der Zeit waren es eben doch sehr viele – und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Quelle: wa.de

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