Schätze der Vergangenheit

Sondengänger durchkämmen den Boden in Westfalen nach altertümlichen Funden

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Mit seiner Sonde überprüft Tobias Goebel den Boden in einer Sandgrube bei Warendorf-Einen. Der Detektor erkennt auch kleine Metallspuren, wie Münzen oder Patronen.

Viele Schätze der Vergangenheit schlummern unentdeckt im Boden. Helfer mit Metalldetektoren unterstützen die Archäologen dabei, diese ans Tageslicht zu bringen. Doch dabei gelten strenge Regeln, um die Fundstücke – aber auch die Sondengänger selbst – zu schützen.

Die Landschaft ist unscheinbar, hier in Warendorf-Einen am Ems-Hessel-See. Zwischen Äckern und kleinen Wälder liegt eine Sandgrube, an der an diesem kalten Samstag verlassene Bagger und Transporter stehen. 

Eine friedliche, aber auch etwas langweilige Gegend, könnte man auf den ersten Blick denken. Björn Alberternst und Tobias Goebel wissen es besser. 

Die beiden sind heute wieder unterwegs. Bewaffnet mit Metalldetektor und Spaten machen sie sich auf die Suche nach Zeugnissen der Vergangenheit. 

In der Sandgrube sind bereits Funde aus der Bronze- und Eisenzeit, aus dem Mittelalter und der Neuzeit entdeckt worden. „Es liegt eine Menge hier“, weiß Dr. Christoph Grünewald, Leiter der Außenstelle Münster der LWL-Archäologie für Westfalen. 

„Darunter waren auch seltene Funde, wie ein Amulett in Form eines kleinen Beils aus der frühen Bronzezeit. Das Stück stammt aus dem 16. bis 18. Jahrhundert vor Christus. Diese Gegend war früher ein richtiger Brennpunkt.“ 

Viele Funde von Sondengängern entdeckt

Viele dieser Stücke haben Sondengänger wie Alberternst und Goebel entdeckt. Die beiden sind regelmäßig mit ihren Sonden auf Tour. Die Detektoren reagieren auf Metall im Boden, entdecken auch kleine Objekte und schlagen regelmäßig aus. 

So sehen die Münzen aus, die im Boden verborgen sind. Sie wurden in Münster geprägt und stammen aus der Neuzeit.

Trotzdem sind eine gewisse Geduld und Frustresistenz nötig. „98 Prozent aller Funde sind Müll“, erklärt Alberternst, der seit gut zehn Jahren mit seiner Sonde unterwegs ist. „Ein weiteres Prozent ist Munition. Der Rest sind wirklich tolle Sachen.“ 

Heute haben sie sich einen weiteren Abschnitt der Sandgrube vorgenommen. Im Abstand von einigen Metern gehen sie mit ihren Detektoren nebeneinander her. 

Sie schwenken die Geräte hin und her und hören mit ihren Kopfhörern auf die akustischen Signale, die einen Fund im Boden ankündigen. Da schlägt plötzlich die Sonde aus. Goebel schnappt sich seinen Spaten und fängt an zu graben. 

Doch er ist ernüchtert. „Nur eine Schrotkugel“, erklärt er. Es liegt noch viel Munition in den Böden. Musketenkugeln, Geschosse aus den Weltkriegen und Schrotpatronen von Jägern. 

Doch auch Blindgänger lauern verborgen im Boden. „Pro Jahr sterben europaweit 16 Sondengänger durch Munitionsunfälle“, so Grünewald. „Das ist der Grund, warum Sondengänger nicht in Wäldern suchen dürfen.“ 

Stößt ein Sucher mit seinem Grabwerkzeug auf eine scharfe Bombe oder Granate, hat er kaum eine Chance. Ein Freund von Goebel hatte bei einer seiner Touren eine scharfe 5-Zentner-Bombe gefunden. 

Der herbeigerufene Kampfmittelräumdienst warnte ihn: Gehen die Sucher unsachgemäß mit einem solchem Fund um, kann es zu einer verheerenden, tödlichen Explosion kommen. 

„Machen sie sich keinen Kopf, es hätte nicht wehgetan“, scherzte der Experte vom Kampfmittelräumdienst. 

Doch zwischen Müll und Munition finden die Sondengänger die bedeutenden Funde. So wie eine Gewandnadel aus Bronze, eine sogenannte Fibel, die vermutlich ein Bild des heiligen Bonifatius zeigt. Sie stammt aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert, dem Anfang der christlichen Zeit in Westfalen. 

„Damals war es Mode, den neuen Glauben auch nach außen zu tragen“, erklärt Grünewald. 

Manche Funde für Detektor unsichtbar

Ein paar Meter weiter ist Goebel mit dem bloßen Auge auf etwas gestoßen, das sein Detektor nicht orten kann. Er liest eine braune Keramikscherbe in einem Haufen Erde auf. 

„Ein Fund, der fast noch wertvoller ist, als Münzen oder Fibeln“, so Grünewald. Denn Keramik weist auf Höfe hin, die dort einmal gestanden haben können. 

Ohnehin ist es entscheidend, dass die Sondengänger ihre Funde dem LWL mitsamt Fundort melden. Denn die Archäologen können daraus viele Schlüsse ziehen, die ein genaues Bild der Vergangenheit zeichnen. 

Wo lagen Siedlungen und Gehöfte? Wo Handelsstraßen? Wo Schlachtfelder? 

„Ohne ihre Fundstelle verlieren die Stücke rund 80 Prozent ihres kulturhistorischen Wertes“, so Grünewald. Auch für die Sondengänger selbst ist die Zusammenarbeit mit dem LWL von Vorteil. 

Nicht nur werden die Sucher zu Vorträgen und Tagungen eingeladen, sie dürfen auch in Suchgebieten des LWL mitarbeiten. Außerdem erfahren sie von den Auswirkungen ihrer Funde. 

An vielen Stellen, an denen die Sondengänger etwas zutage förderten, entdeckten die Archäologen später weitere Zeugnisse der Vergangenheit. 

Wer nach archäologischen Funden sucht, braucht eine Genehmigung der Denkmalbehörden. Andernfalls gilt man als Raubgräber. Ohnehin sind die meisten Funde nur im historischen Kontext wertvoll. 

„Wer mit der Sonde unterwegs ist, um reich zu werden, der soll lieber arbeiten gehen“, sagt Goebel.

Hinweise für Sondengänger

Im Boden liegen viele historische Schätze verborgen. Um diese zu finden, sind die Archäologen auf Helfer angewiesen. Dazu zählen die Sondengänger. Fragen und Antworten:

Wer darf auf die Suche gehen? Wer sich selbst mit dem Metalldetektor auf die Suche machen möchte, benötigt eine Grabungsgenehmigung. Diese stellt die zuständige Denkmalbehörde des jeweiligen Kreises aus. In Westfalen ist das die Obere Denkmalbehörde in Münster. Dazu folgt ein Beratungsgespräch mit einem LWL-Archäologen.

Darf überall gesucht werden? Die Grabungsgenehmigung gilt für ein begrenztes Gebiet und einen begrenzten Zeitraum. Läuft diese ab, muss sie erneuert werden. Diese Genehmigung muss bei allen Touren mitgeführt werden. Ohne diese gilt man als Raubgräber. Wer auf Grundstücken sucht, braucht die Erlaubnis des Besitzers.

Warum darf nicht in Wäldern und Wiesen gesucht werden? An vielen Stellen liegen scharfe Munition oder nicht explodierte Bomben, sogenannte Blindgänger, im Boden. 

Während sie auf Äckern oftmals durch Umpflügen entschärft wurden, sind sie abseits von diesen oftmals unberührt und gefährlich. 

Außerdem liegen die Funde unberührt dort, wo sie vor Hunderten von Jahren niedergelegt wurden, daher haben die Archäologen ein besonderes Interesse daran, diese Situation zu erhalten.

Was ist zu tun, wenn dennoch auf Munition oder Bomben gestoßen wird? Wenn Kampfmittel gefunden werden, müssen sofort die Polizei und der Kampfmittelräumdienst verständigt werden.

Wozu dient die Kooperation mit den Archäologen? Die Mitarbeiter der Denkmalbehörde tragen die Funde in Karten ein und können so Zusammenhänge herstellen. 

Ein Fund kann Zufall sein, mehrere deuten jedoch auf Siedlungen oder Höfe hin. Sollte dort in Zukunft gebaut werden, wissen die Archäologen, dass dort vorher noch einmal gegraben werden muss. Zusätzlich verraten die Experten den Findern, was diese entdeckt haben.

Darf man seine Funde behalten? Die meisten geborgenen Funde werden ihren Findern nach der Registrierung zurückgegeben. Das Eigentum muss er sich mit dem Grundstücksbesitzer teilen. Besitzt der Fund außergewöhnliche wissenschaftlichen Bedeutung, geht er in Landesbesitz über. Der Finder erhält in diesem Fall eine Belohnung.

Quelle: wa.de

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