Kommunalwahl in Lüdenscheid

NPD-Kandidat wider Willen: Caritas-Mitarbeiter hat Blackout im Vollrausch

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Stefan Hesse (links) und Daniel Intile (rechts) stehen ihrem Mitarbeiter Ulrich Franz Brolle (Mitte) zur Seite.

Lüdenscheid – Als Stefan Hesse, Leiter des Caritasverbandes fürs Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid, am Dienstagmorgen vergangener Woche die Zeitung studierte, traute er zunächst seinen Augen nicht: Bei der Vorstellung der Kandidaten für die Wahlbezirke in der Bergstadt tauchte für den Bezirk Staberg/Breslauer Straße der Name eines Caritas-Mitarbeiters auf – und zwar auf der Liste der NPD.

Die weltoffene Caritas und die Nationalen: Es folgte ein Vormittag in hektischer Betriebsamkeit, an dessen Ende für Hesse die Rehabilitation seines Mitarbeiters feststand. Der Caritas-Vorwurf: Die NPD und hier speziell deren Bürgermeisterkandidat Stephan Haase habe sich die Unterschrift erschlichen

Ulrich Franz Brolle kann es auch am Mittwoch noch nicht fassen. „Als ich da etwas unterschrieben habe, war ich nicht nüchtern, sondern volltrunken“, sagt der 52-Jährige, der seit 33 Jahren für die Caritas arbeitet und sich im Martinushaus um die Tagesaufenthalte für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten kümmert. 

Caritas-Mitarbeiter nach Vollrausch plötzlich NPD-Kandidat

Für den Termin mit der Zeitung hat Brolle das aktuelle „Gerne-Gutmensch“-T-Shirt der Caritas angezogen. „Herr Brolle gehört hier zum Inventar“, sagt Stefan Hesse, „er ist in all den Jahren nie durch rechtsextreme Positionen aufgefallen. Eigentlich ist er uns als unpolitischer Mensch bekannt.“ Daniel Intile, der ihm bei den Tagesaufenthalten vorgesetzt ist, sagt: „Herr Brolle ist mein Ohr an der Straße – immer aktiv und verlässlich, auch am Wochenende. Ein treuer Mitarbeiter, der niemanden ausgrenzt.“ 

Aber was ist passiert an diesem Sonntag im Juli? „Wir haben morgens angefangen zu knobeln und zu trinken“, sagt Brolle, der im Dienst nie, am Nachmittag und Abend aber sehr gerne ein Bier trinkt. Beim Knobeln an gesagtem Sonntag kam Schnaps dazu im Kulturbistro an der Bahnhofstraße 52, dem Stammlokal des Caritas-Mitarbeiters. Abends habe ihn dann im Bistro „dieser Typ“ angesprochen, den er später auf Bildern als Stephan Haase identifiziert hat. Haase habe den – überwiegend betrunkenen Zuhörern – etwas davon erzählt, dass man etwas gegen die Corona-Politik von Bundeskanzlerin Merkel tun müsse. 

Nach Vollrausch NPD-Kandidat: Unterschrift im Hinterhof

Viel mehr weiß Brolle nicht mehr. Im Hinterhof hinter dem Bistro habe er dann seine Unterschrift geleistet, ohne zu wissen, was er da eigentlich unterschreibe. „Eigentlich“, sagt Brolle, „weiß ich gar nichts mehr.“ Wie Brolle soll es auch anderen gegangen sein, denn auf der Wahlliste der NPD, die Brolle gemeinsam mit Hesse im Internet auf der Seite der Stadt angeschaut hat, stehen auch andere Namen, die gerne im Kulturbistro ein Bier trinken, einige sogar. Auch die wollen nichts von einer bewussten Unterschrift für die NPD wissen. 

Montags sei Haase noch einmal da gewesen. „Da haben die Leute gekichert, als sie mich gesehen haben“, sagt Brolle, „ich bin dann direkt wieder gegangen, habe sogar eine halbe Flasche Bier stehen lassen.“ Es mischt sich Empörung in den Ton – ein Bier lässt Brolle normalerweise nicht stehen. „Ich bin kein Rechtsradikaler“, sagt Brolle und fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Lage. 

NPD-Kandidat nach Vollrausch: Stimmzettel sind gedruckt

Stefan Hesse hat mit seinem Mitarbeiter Brolle beim Wahlamt vorgesprochen – alles zu spät. Der Name steht auf den Stimmzetteln und wird dort auch verbleiben. Auch deshalb will die Caritas die Dinge öffentlich richtigstellen. „Für uns ist das wichtig, denn wir haben eine komplett entgegengesetzte Weltanschauung als die Rechtsradikalen“, sagt Stefan Hesse, „bei uns ist jeder willkommen, ganz gleich welcher Hautfarbe. Unser Credo ist Nächstenliebe und nicht Ausgrenzung und Hass.“ 

Doch was sagt die NPD zu den schwerwiegenden Vorwürfen. Stephan Haase, der persönlich angegriffen wird, entzieht sich nicht. Nicht zurechnungsfähig? Haase widerspricht: „Unterm Tisch hat niemand gelegen, sonst hätte ich mich ja unter den Tisch setzen müssen“, sagt er und kann sich nicht genau an Einzelfälle erinnern. „Die allermeisten Anträge dort habe ich ausgefüllt, denn sie müssen ja gut lesbar sein. 

NPD-Kandidat nach Vollrausch: "Daten von Personalausweisen abgeschrieben" 

Manche Daten habe ich von den Personalausweisen abgeschrieben. Keiner war so besoffen, dass ich ihn übertölpelt hätte“, erklärt das Gesicht der Lüdenscheider NPD. Die Kandidaten hätten nur noch unterschreiben müssen, ergänzt er. Das hätten sie aus freiem Willen getan. Er sei auch am Montag nochmals im Kulturbistro gewesen. 

Stephan Haase (NPD).

„Hier wird gesellschaftlicher Druck aufgebaut, wenn Leute für die NPD kandidieren. Bei der letzten Wahl war es bei mehreren Leuten aus dem Perthes-Werk schon genauso, die sich hatten aufstellen lassen, und auch bei zwei älteren Kandidaten“, sagt Haase. Im aktuellen Fall stellt er fest: „Die Caritas schießt mit so etwas ein Eigentor und mutet ihrem Mitarbeiter die Öffentlichkeit zu.“ Die Öffentlichkeit wird es nun wohl selbst beurteilen. Stephan Haases Freude darüber, in diesem Jahr zur Kommunalwahl erstmals alle 23 Wahlbezirke in Lüdenscheid mit einem NPD-Kandidaten besetzt zu haben, erscheint nun indes zumindest in einem anderen Licht.

Quelle: wa.de

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