Einsatz im Stern-Center

Erniedrigendes Erlebnis: Frau muss während Razzia dringend auf Toilette - Zoll reagiert schroff

Beamte des Zoll auf Rolltreppe
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Gegen 10.30 Uhr sprangen Zollbeamte in der Fußgängerzone aus ihren Einsatzwagen und steuerten die Besucher-Toilette des Stern-Centers im ersten Obergeschoss an.

Die Razzia im Stern-Center hatte für eine Frau aus dem MK sehr ungenehme Folgen. Schroff verweigerten die Zollbeamten ihr den Gang zur Toilette.

Lüdenscheid - Bekämpfung von Schwarzarbeit und die unschönen Folgen: Die bundesweite Razzia von Zollbeamten, bei der am Montag auch ein Team in der Toilettenanlage des Stern-Centers im Einsatz war, wird besonders einer unbeteiligten Passantin unangenehm im Gedächtnis bleiben. Barbara Schmidt (43) aus Kierspe musste nämlich ausgerechnet zum Zeitpunkt des Zugriffs „dringendst“, wie sie sagt, aufs stille Örtchen. „Aber die Beamten haben mich unfreundlich und ziemlich rüde abgewiesen.“

StadtLüdenscheid
KreisMärkischer Kreis
Fläche86,73 km²
Einwohner72.313 (31. Dez. 2019)
BürgermeisterSebastian Wagemeyer (SPD)

Die einsetzende Periode der Diplompädagogin machte ihr am Montag nach eigenen Worten schwer zu schaffen. Doch anstatt sich auf einem WC schnell versorgen zu können, erlebte sie eine erniedrigende Odyssee. Auf ihre Frage, wann der Einsatz beendet ist, habe ein Zollbeamter unwirsch reagiert: „Es dauert so lange, wie es dauert!“ Cafés und Restaurants waren coronabedingt geschlossen. Eine Verkäuferin in einer Boutique im Stern-Center lehnte es ab, ihre Toilette zu öffnen.

Während der Razzia im Stern-Center: Frau muss dringend auf die Toilette

Barbara Schmidt eilte zur Filiale einer nahen Krankenkasse. „Dort wurde ich auch abgewiesen.“ Ihr verzweifelter Hilferuf in einer Apotheke gegenüber verhallte ebenfalls. Die Monatsblutung war nicht mehr zu stoppen. „Ich bin dann auf meiner zusammengerollten Jacke sitzend zu meinen Eltern gefahren und habe nur noch geheult.“ Dort habe sie unter dem Eindruck der Erlebnisse einen Migräneanfall erlitten und sich erbrechen müssen.

Die juristische Dimension ist die eine Seite. Eine „unterlassene Hilfeleistung“ durch Verkäuferinnen oder die Apothekerin liege im rechtlichen Sinne definitiv nicht vor, sagt der Lüdenscheider Rechtsanwalt Dominik Petereit. „Für eine Verweigerung durch die Amtspersonen aber bestand kein Grund.“ Der Einsatz habe nichts mit dem Klo zu tun gehabt, weder drohten Bakterien oder Viren noch andere Gefahren. Petereit: „Das Verhalten der Beamten finde ich höchst befremdlich.“

Der Jurist verweist auf einen Fall aus Baden-Württemberg. Das Landgericht Mosbach hatte 2016 zwei Polizisten verurteilt, die einen Mann daran gehindert hatten, zum Klo zu gehen. Der Mann machte in die Hose. Einer der beiden Beamten wurde zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten, der andere zu einer Geldstrafe von 9000 Euro verurteilt – wegen Körperverletzung im Amt.

Razzia im Stern-Center: Barbara Schmidt hatte ein sehr unangenehmes Erlebnis.

Zolloberamtsrat Brehe, der den bundesweiten Einsatz am Montag von Münster aus leitete, sagt im Gespräch mit unserer Redaktion, er bedaure den Vorfall – und werde den Vorwürfen gegen seine Beamten nachgehen, vor allem im Hinblick auf den „rüden Umgangston“. Brehe: „Ohne eine Überprüfung der Vorgänge ist eine Schuldzuweisung nicht angebracht.“ Tatsächlich sei die Toilettenanlage „20 bis 30 Minuten“ gesperrt gewesen, bevor das Center-Management ein Personal-WC für die Allgemeinheit geöffnet habe.

Razzia im Stern-Center: Schock für Frau aus Kierspe - Zoll reagiert schroff

Grundsätzlich stelle eine Durchsuchung „immer eine sicherheitsrelevante Lage“ dar, so der Einsatzleiter weiter. Zunächst müsse vor der Freigabe stets Sicherheit hergestellt werden. „Damit ist nicht jeder zufrieden, aber aus unserer Sicht ist das angemessen.“ Brehe bietet Barbara Schmidt ein persönliches Gespräch an und plant eine Klärung mit dem Team, das vor Ort war.

Die 43-Jährige hat sich wenige Tage nach dem Vorfall „einigermaßen von dem Schock erholt“, wie sie sagt. Ihr komme es nicht darauf an, die Beamten gerichtlich zu belangen. „Mir ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit aufmerksam wird, damit jeder sieht, wie es um das gesellschaftliche Klima hierzulande bestellt ist.“

Besonders die Tatsache, dass sie in ihrer Not ausgerechnet von Frauen abgewiesen wurde, die im Gesundheitswesen arbeiten, ärgert sie. Auch unter den Zollbeamten waren Frauen.

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