"Hotel Mama": Statistiker haben Zweifel am Phänomen

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Düsseldorf - Statistiker haben Zweifel am sogenannten "Hotel Mama"-Phänomen - also dem vermeintlichen Trend unter jungen Erwachsenen, behaglich bei den Eltern wohnen zu bleiben.

"Das Vorurteil, junge Erwachsene blieben aus Bequemlichkeit zu Hause, stimmt nicht", sagte der Präsident des Statistischen Landesamtes NRW, Hans-Josef Fischer, am Mittwoch in Düsseldorf. 

"Wir können die Komfortzone, in der man es sich gemütlich macht, für NRW nicht bestätigen." Die Statistiker waren mit Hilfe der Daten des jüngsten Mikrozensus dem Phänomen auf den Grund gegangen: Während 2005 im bevölkerungsreichsten Bundesland noch 61 Prozent der 18- bis 25-Jährigen zu Hause wohnten, waren es zehn Jahre später nur noch 59 Prozent. 

Von Verhältnissen in Italien, wo angeblich 70 Prozent der unverheirateten Männer über 30 noch bei den Eltern wohnen, sei man ohnehin weit entfernt. Dass junge Erwachsene noch zu Hause wohnen, habe eher handfeste ökonomische Ursachen. So hat den Zahlen zufolge nicht einmal jeder fünfte sogenannte Nesthocker ein eigenes Einkommen. Bei den Altersgenossen, die den Absprung bereits geschafft haben, beträgt der Anteil der Arbeitenden 37 Prozent. 

Zwei weitere Indizien deuten in die gleiche Richtung: Haben die Eltern einen Migrationshintergrund oder niedrige Bildungsabschlüsse, ist der Anteil der Nesthocker höher. Diese Eltern dürften in vielen Fällen schlicht nicht in der Lage sein, ihren Kindern den ersten eigenen Haushalt zu finanzieren. 

Dass ein größerer Anteil junger Männer als junger Frauen noch bei den Eltern lebt, erkläre sich eher dadurch, dass Frauen früher eine feste Beziehung eingingen als Männer - ein wichtiges Motiv, um aus dem Elternhaus auszuziehen. Kurios: In den ländlichen Gebieten mit niedrigeren Mieten ist in Nordrhein-Westfalen der Anteil der Nesthocker deutlich höher als in den teuren Städten. Dies sei aber kein Beleg für den "Hotel Mama"-Trend, sagen die Statistiker: "In den ländlichen Gebieten werden nur die jungen Erwachsenen gezählt, die noch da sind - die anderen sind ja schon in die Groß- und Universitätsstädte abgewandert." 

Die Forscher, die das "Hotel Mama"-Phänomen als gut belegt ins Feld führen, schauen allerdings deutlich länger zurück. Der Anteil der Menschen, die mit Mitte 20 noch bei ihren Eltern wohnen, hat sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland zwischen 1972 und 2016 fast verdoppelt - von 20 auf fast 40 Prozent. So weit wollten die NRW-Statistiker nicht zurückblicken: Die ihnen vorliegenden älteren Daten seien nicht mit den neuen vergleichbar. 

Im Gegensatz zu früher herrsche nicht der Geist der Auflehnung, sondern Konsens beim Zusammenleben, sagen Familiensoziologen. Angesichts der Unsicherheiten der Globalisierung und der digitalen Revolution seien die Familien wieder enger zusammengerückt, schreibt Sozialforscher Klaus Hurrelmann. 

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hatte im vergangenen Jahr ergeben: Zwei Drittel der Deutschen sind dennoch der Ansicht, dass der Nachwuchs bis zum 25. Geburtstag den Absprung geschafft haben sollte. Den meisten gelingt dies auch: Im Alter von 40 Jahren wohnen laut Statistischem Bundesamt nur noch vier Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen bei ihren Eltern. - dpa

Quelle: wa.de

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