Um eine Katastrophe zu verhindern

Im Herzen der Ruhrtalbrücke: Experten prüfen vielbefahrene A45-Querung mit allen Sinnen

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Im Hohlkasten der Ruhrtalbrücke hämmert Thorsten Ziolek gegen den Beton. Sein durch 15 Jahre Prüfungs-Erfahrung geschultes Ohr verrät ihm, an welchen Stellen die Brücke beschädigt ist. Obendrüber rauscht derweil der Autobahn-Verkehr.

Schwerte - 80.000 Fahrzeuge fahren täglich über die Ruhrtalbrücke der A45 bei Schwerte. Das geht nicht spurlos an dem 51 Jahre alten Bauwerk vorbei. Um eine Katastrophe zu verhindern, vertrauen die Brückenprüfer nicht nur ihren Augen. Vor allem ihre Ohren spielen eine wichtige Rolle.

Ahmed Karroum ist der Leiter der Abteilung Brückenbau bei Straßen.NRW. Wenn man ihn auf den 14. August dieses Jahres anspricht, reagiert er nachdenklich. An diesem Tag war die Morandi-Autobahnbrücke in Genua eingestürzt. 43 Menschen kamen dabei ums Leben. „Man fragte sich natürlich direkt, ob so etwas auch bei uns passieren kann“, sagt er. 

Um einer solchen Tragödie vorzubeugen, schauen er und seine Mitarbeiter nicht nur ganz genau hin – sie spitzen auch die Ohren. 

Montagvormittag, Ruhrtalbrücke in Schwerte: Thorsten Ziolek muss den Kopf einziehen. Der 1,85 Meter große Bauwerksprüfer von Straßen.NRW steht in einem der elf Felder der 528 Meter langen Hohlkastenbrücke. 25 Zentimeter über ihm donnert der Verkehr der A45 in Richtung Dortmund. Dennoch ist es überraschend ruhig – lauter als der Verkehr ist der Hammer, den Thorsten Ziolek im Takt gegen den Brückenbeton schlägt. 

Er ist einer von insgesamt 80 Straßen.NRW-Brückenprüfern und nimmt die Ruhrtalbrücke in Schwerte seit Montag zusammen mit fünf Kollegen ins Visier seiner Sinne.

Häufigster Schaden ist abgeplatzter Beton

„Wir suchen nach äußeren Anzeichen für innere Schäden“, sagt er und schlägt wieder mit dem Hammer zu: „So klingt ein Beton, der satt ist.“ Sein durch 15 Jahre Prüfungs-Erfahrung geschultes Ohr verrät ihm, an welchen Stellen die Brücke beschädigt ist. Die Prüfung sei zwar noch nicht abgeschlossen, doch bislang sehe alles gut aus.

Eine Rissbreitenkarte zeigt an, wie stark ein entdeckter Riss ist. Jede Auffälligkeit wird notiert und bewertet.

Häufigste Schäden seien abgeplatzter Beton oder korrodierte Geländer. „Risse im Beton an Stellen mit hoher Belastung“ seien schwerwiegendere Mängel. Doch ob kleine oder große Mängel: Alle Auffälligkeiten werden nach den drei Kriterien Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit in einem Prüfbericht festgehalten. Dieser Bericht landet im Bauwerksbuch, dass Ziolek liebevoll „Patientenakte“ nennt.

Schon 0,1 Millimeter-Risse können kritisch sein

Bereits Risse mit 0,1 Millimetern Breite können an entsprechender Stelle die Alarmglocken bei den Prüfern schrillen lassen: „Würde uns ein solch kritischer Riss auffallen, können wir mit zerstörungsfreien Methoden wie Ultraschall- oder Potentialfeldmessungen weitere Erkenntnisse gewinnen.“ Doch nicht nur im Innern der Brücke finden diese Arbeiten, die im Rahmen der Hauptprüfung, die alle sechs Jahre durchgeführt wird, statt.

Mit einem Hubsteiger wird die Brücken von Außen untersucht.

Mit einem Hubsteiger und einer speziellen Arbeitsbühne, die die Arbeit unter der Brücke und über der Ruhr ermöglicht, sind die Brückenprüfer mit Hammer, offenen Augen und kritischem Gehör aktiv.

Fahrer bekommen von Arbeiten wenig mit

Davon bekommen Auto- und Lkw-Fahrer, von denen täglich 80.000 über die 1967 erbaute Ruhrtalbrücke fahren, wenig mit. Lediglich die Standspur muss während der Arbeiten gesperrt sein: Dort steht das Spezialfahrzeug, an dem die Arbeitsbühne hängt. 

Ahmed Karroum ist Leiter der Abteilung Brückenbau bei Straßen.NRW. Er sagt: "Diese Verkehrsmenge war nicht absehbar."

Das steigende Verkehrsaufkommen macht diese Prüfungen überhaupt erst nötig: „Seit den 1990er Jahren ist die Belastung der Brücken immens angestiegen“, sagt Ahmed Karroum. „Brücken werden für 100 Jahre gebaut. Doch ein solcher Bau kann nur vor dem Hintergrund geplant werden, der absehbar ist. Diese Verkehrsmenge war nicht absehbar.“ 

So stark hat sich das Verkehrsaufkommen vervielfacht

Für die Leverkusener Brücke waren zur Zeit ihres Baus beispielsweise 40.000 Fahrzeuge pro Tag vorausgesagt worden. Heute sind es 120.000. Sowohl für die Ruhrtal- als auch für die Lennetalbrücke wurde damals angenommen, dass sie eines Tages von 20.000 Fahrzeugen pro Tag passiert werden. Dieser Wert hat sich mittlerweile vervierfacht.

Von einer speziellen Arbeitsbühne aus wird die Brücke über der Ruhr untersucht.

Besonders Lkw setzen den NRW-Brücken zu: Laut Straßen.NRW beansprucht ein Lkw eine Brücke so sehr wie 60.000 Autos. „Ältere Brücken bekommen allmählich Probleme mit der Tragfähigkeit. Heute wissen wir besser, wie man eine Brücke bemisst und konstruiert“, erklärt Straßen.NRW-Sprecher Bernd Löchter. Daher rechnet der Landesbetrieb insgesamt 1119 Brücken statisch nach. „Die Hälfte davon ist bereits erledigt. Bei etwa zwei Drittel der nachgerechneten Brücken wurde ermittelt, dass etwas gemacht werden muss.“

So wurde die Ruhrtalbrücke bereits verstärkt

2012 wurde die Ruhrtalbrücke beispielsweise mit einer sogenannten Schubverstärkung und einer „externen Vorspannung“ ausgestattet – beides erhöht die Tragfähigkeit des Bauwerkes. Würden solche Verstärkungen nicht mehr ausreichen, müsste eine Brücke zum Beispiel für Lkw gesperrt oder – wenn gar nichts mehr hilft – neu gebaut werden. 

"Wir wollen Schäden rechtzeitig erkennen und früh handeln können": Bernd Löchter (links), Pressesprecher von Straßen.NRW.

„Wir wollen mit diesen intensiven Prüfungen Schäden rechtzeitig erkennen und dementsprechend früh handeln können“, betont Bernd Löchter. „Wir haben die Verantwortung: Nur, wenn wir wissen, dass unsere Brücken sicher sind, können wir ruhig schlafen“, sagt Ahmed Karroum.

So oft werden Brücken in NRW geprüft

  • Alle sechs Jahre werden Brücken in NRW auf Herz und Nieren geprüft
  • Drei Jahre nach der Hauptprüfung findet eine einfache Prüfung statt
  • Ein Mal jährlich findet eine ausführliche Besichtigung statt
  • Zwei Mal im Jahr erfolgt eine systematische Beobachtung. 
  • Nach besonderen Vorkommnissen (Verkehrsunfälle, Hochwasser) werden Sonderprüfungen durchgeführt.

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