Politikerin zum Anfassen

Kraft als Menschenfängerin im Wahlkampf

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Die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft macht in Wesel in der Niederrheinhalle ein Selfie mit einer Besucherin.

Duisburg/Wesel - Wenn Rentner mit Bussen an Kaffeetafeln gekarrt werden, ist wieder Wahlkampfzeit - Paradedisziplin der SPD-Frontfrau in NRW: Kraft erntet von professionellen Politik-Analytikern viel Kritik - von Bürgern vor Ort wird "die Hannelore" aber sehr gerne geherzt.

Ein bisschen erinnert es an Kaffeefahrt. Hunderte Rentnerinnen und Rentner sitzen in dichten Reihen an gedeckten Kaffeetafeln und warten geduldig. Auf den Tischen stehen Schilder mit Busnamen oder Bezeichnungen wie "Herzsportgruppe". An diesem Donnerstagmorgen werden in der betagten Niederrheinhalle in Wesel aber keine Rheumadecken oder Wunderpillen verkauft. Hannelore Kraft macht gleich klar, was sie will: "Oh, die Politiker kommen, es ist Wahlkampf. Das ist so. Da mache ich gar keinen Hehl draus", begrüßt sie die Senioren und ein paar jüngere Semester. "Guten Morgen Wesel. Glückauf!"

Dass sie viel zu wenig geschlafen hat, sieht man der 55-jährigen NRW-Ministerpräsidentin nicht an. Auch am Vortag war die SPD-Spitzenkandidatin für die NRW-Landtagswahl am 14. Mai natürlich auf Wahlkampftour. Am späten Abend musste sie nach dem Arbeitnehmerempfang zum 1. Mai in Siegen aber unbedingt noch den Rest des Fußballduells zwischen dem BVB und Bayern München sehen. "Wir haben in einer Kneipe geguckt. Da war die Nacht etwas kürzer", erzählt sie augenzwinkernd. Dezent geschminkt macht sie im dunkelblauen Hosenanzug mit frisch blondierten Haaren trotzdem einen topfitten Eindruck.

Die Zuhörer hören, was alle in diesen Tagen bei Krafts Auftritten in Hallen oder im Fernsehen hören. Routiniert spult sie unter den bizarren weißen Margeriten-Kugellampen ihre Redebausteine ab: 200 Milliarden Euro in Kinder, Bildung und Familie investiert seit ihrem Amtsantritt 2010. Mehr Polizisten für die Sicherheit der Bürger, Milliarden für die maroden Straßen des Landes und so weiter.

"Im Moment klingt das überzeugend", sagt eine 83-jährige Rentnerin. "Ich weiß, wen ich wähle - sage ich aber nicht." Vor ihrem Supermarkt sei sie von der SPD angesprochen und eingeladen worden. "Ich bin hier nicht nur zum Kaffeetrinken. Ich informiere mich."

Wahlkampf heißt für Kraft auch Nahkampf. Die Mülheimerin mit dem unverkennbaren Ruhrpottdialekt verlässt die Bühne und geht an die Tische. Die Straßenbahnertochter kann gut mit Menschen. Sie ist nahbar, eine Frau zum Anfassen, keine entrückte Politikerin. Einer Frau, die zu ihr kommt, um ihr leise von Problemen zu berichten, hält sie minutenlang die Hände. Aufmerksam ruhen ihre blauen Augen auf der Rentnerin - aufgesetzt wirkt die Geste nicht.

Die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft steht  vor dem Wahlkampfbus.

Kraft leidet seit einigen Jahren unter einer Riesendiskrepanz zwischen dem, was sie relativ leicht an Sympathie bei Menschen auf den Straßen einfängt, und dem harten Urteil vieler professioneller Politik-Analytiker. Viele sehen sie mit ihrem rot-grünen Wirtschaftskurs auf dem Holzweg und werfen ihr Kritikunfähigkeit vor.

Bei ihrem Experiment mit einer rot-grünen Minderheitsregierung schwamm die Diplom-Ökonomin anfangs noch auf einer Beliebtheitswelle. Im Sommer 2012 stieg sie in Umfragen sogar zur beliebtesten Politikerin Deutschlands auf.

Spätestens nachdem sie Ende 2013 einer möglichen Kanzlerkandidatur für die SPD eine klare Absage erteilt hatte ("nie, nie"), drehte sich die Stimmung jedoch. In den vergangenen Jahren hagelte es überwiegend Negativ-Schlagzeilen: "Des Kümmerns müde" (Der Spiegel), "Sie will: nichts" (Die Zeit), "Die Kraftlose" (Bild).

In der Niederrheinhalle ist davon nichts zu spüren. "Ich bin extra wegen Ihnen gekommen", schwärmt eine Frau und zieht glücklich mit einem Autogramm auf der Kurzfassung des SPD-Wahlprogramms von dannen. Viele wollen einfach nur ein Selfie mit "der Hannelore". Vertraut legen sich fremde Arme um ihre Taille oder Schultern - Kraft lächelt in jede Kamera. "Ich finde Dich so toll!", ruft ihr eine andere zu.

Nur wenige können bei Krafts Stippvisite in Wesel Fragen stellen - etwa zu Verkehrsproblemen und der Sicherheit auf Weseler Straßen. "Warum Inklusion?", fragt Felix Bröcker kurz und bündig. Der 17-jährige Schülersprecher vom Konrad-Duden-Gymnasium hört aus der Unterstufe Klagen über den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. "Es gibt zu wenig Personal dafür." Auch sein Schulfreund Aaron Roland meint: "Das schränkt die ganze Klasse ein - alle lernen bedeutend langsamer."

Wie aus der Pistole schießt Kraft ihre Munition zur Inklusion ab: UN-Verpflichtung, 1,2 Milliarden Euro investiert, über 4000 Lehrerstellen. Als zum Schluss der Wahlkampfveranstaltung noch 20 Blumensträuße unter den Wählern verlost werden, zieht sie zu den Klängen des "Schneewalzers" aus der Halle. Nächste Station: Die Flüchtlingshilfe in Mönchengladbach.

Die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft klatscht sich in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) mit dem fünfjährigen Flüchtlingskind Laban ab. Kraft besuchte im Rahmen einer Wahlkampftour den Niederrhein.

Begonnen hatte ihr Tag auf eigentlich schwierigem Terrain: Duisburg - ausgerechnet. Bundesweit berüchtigt für "No-Go-Areas", wo kriminelle ausländische Familienclans Anwohner einschüchtern. "No-Go-Area" lässt Kraft nicht gelten, Probleme leugnet sie aber nicht. Beim Besuch eines Vorzeige-Unternehmens, das nach eigenen Angaben weltweit führend in der Messtechnik ist, spart sie das Thema nicht aus.

"Der Standort Duisburg - ist das ein Nachteil? Kriegen Sie genug qualifizierte Leute?", will sie vom Firmenchef wissen. "Das Bildungsniveau ist schlechter geworden", hört sie sowohl von Geschäftsführer Ingo Wald als auch von Jugendvertreterin Laura Bischoff. "G8 war ein Schuss in den Ofen", legt IT-Experte Attila Bilgic nach. Nach dem Turbo-Abi kämen Minderjährige in die Unis und Betriebe, bei denen teils noch Grundkenntnisse fehlten.

Beim Rundgang durch die Technikhallen kann Kraft wieder ihre Stärken ausspielen: Sie verlässt die Armada der Chefs, geht auf die Arbeiter zu, winkt, schüttelt Hände und stellt unzählige Fragen.

Im vergangenen Jahr hatte Kraft eine sehr schwierige persönliche Phase: Anfang 2016 war sie wochenlang gesundheitlich angeschlagen und litt stark unter der unheilbaren Krankheit und schließlich dem Tod ihrer geliebten Mutter Anni, mit der sie in der Hausgemeinschaft ihrer Mülheimer Großfamilie lebte.

Das sah man ihr an - so wie man ihr jetzt ansieht: Im Wahlkampf mobilisiert Kraft - wie bei den vergangenen Wahlen - sämtliche Reserven. Fast alle Umfragen sehen sie deutlich vor ihrem CDU-Herausforderer Armin Laschet. CDU und FDP setzen darauf, dass Kraft am 14. Mai vom Wähler die Quittung kriegt für Sicherheitspannen bei der Kölner Silvesternacht und dem Terrorfall Amri, für den immensen Schuldenberg des Landes und maues Wirtschaftswachstum. Kraft sieht sich dagegen schon dicht auf den Fersen der Bayern: "Die schaffen wir auch noch." - von Bettina Grönewald

Quelle: wa.de

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