Benni Eimers und Matthias Zenge

1800 Kilometer mit dem Ballon: Aus dem Ruhrgebiet nach Finnland in 36 Stunden

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Für Benni Eimers (r.) und Matthias Zenge sei es ein faszinierendes Erlebnis gewesen, die Naturlandschaften Skandinaviens von oben zu erleben.

Gladbeck/Kitee - Benni Eimers und Matthias Zenge absolvierten am vergangenen Wochenende eine ganz besondere Fahrt mit dem Gasballon. Sie verbrachten 36 Stunden - zwei Nächte - in durchschnittlich 2000 Metern Höhe. Doch diese Fahrt war nur der Weg zu einem noch größeren Ziel.

Benni Eimers und Matthias Zenge sind Ballonfahrer vom Scheitel bis zur Sohle. Die beiden Piloten suchten sich eine der vermutlich schönsten und gleichzeitig spannendsten Möglichkeiten aus, das vergangene Spätsommer-Wochenende zu verbringen. 

Sie starteten am Freitagabend mit ihrem Gasballon eine 1.800 Kilometer und 36 Stunden lange Reise, die sie in durchschnittlich 2.000 Metern Höhe nach Finnland führte. Mit der erreichten Strecke bewältigten sie nicht nur die zweiweiteste Gasballon-Fahrt von Deutschland aus seit 1914 - die weiteste Fahrt gelang ihnen bereits vom Vorjahr, als sie in Spanien landeten. Mit dieser Leistung haben sie die Qualifikation für das Gordon Bennett Rennen 2019, die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, quasi in der Tasche.

"..dass hat uns einen Extra-Schub an Motivation gegeben."

Die Gasballon-WM 2019 haben Benni Eimers (33) aus Moers und Matthias Zenge (56) aus Niederdorla in Thüringen bereits fest im Kalender. Im September dieses Jahres hatten die beiden Ballonpiloten bei der WM in Bern den dritten Platz mit ihrer 840 Kilometer langen Fahrt nach Polen belegt.

Los ging es am Freitagabend: Um kurz vor 21 Uhr starteten Benni Eimers und Matthias Zenge mit ihrem Gasballon vom Startplatz in Gladbeck.

Nächstes Jahr startet das Rennen der 20 besten Gasballon-Teams der Welt in Frankreich – ihr Ziel: der Sieg. Das Vorhaben „Gordon Bennett-Teilnahme 2019“ startete für die beiden am Freitagabend auf dem Gasballonstartplatz in Gladbeck: „Dass wir bei der WM Dritter wurden und fürs kommende Jahr noch nicht qualifiziert sind, hat uns einen Extra-Schub an Motivation gegeben“, betonte Benni Eimers, der seit zehn Jahren Ballonpilot ist und die Sportart durch seinen Vater, Ballonfahrer-Legende Wilhelm Eimers, in die Wiege gelegt bekam.

Für die drei besten geht es zum Gordon Bennett Rennen 2019

Aus Deutschland wollen im kommenden Jahr vermutlich fünf Teams dabei sein. Jedoch: Nur drei können sich pro Nation bis zum 31. Dezember qualifizieren: „Daher gibt es zwei Wertungen: Die weiteste gefahrene Strecke und die längste gefahrene Dauer“, erklärte Eimers. Die Teams mit den besten Ergebnissen beider Quali-Fahrten sind dabei.

Ins Gladbecker Dunkel startete der Ballon. Bodennähe gab es erst wieder 1800 Kilometer weiter.

Ihre Langstrecken-Fahrt traten die beiden Ballonfahrt-Profis - Matthias Zenge hat seinen Pilotenschein seit 14 Jahren, fährt seit 12 Jahren Gasballon, Benni Eimers hat sowohl die Heißluft- als auch die Gasballon-Lizenz vor 10 Jahren absolviert - zum Start ins Wochenende an: „Seit Montag zeichnete sich ab, dass das Wetter stabil ist“, erinnerte sich Matthias Zenge.

Eine Fahrt nach Finnland "schon immer ein Traum"

„Für Benni und mich war eine Fahrt nach Finnland schon immer ein Traum. Jetzt machten es mehrere Aspekte – die Richtung, das Wasser, die Jahreszeit – möglich, den Traum zu verwirklichen. Später im Jahr wäre es länger dunkel, was den Zeitrahmen für eine Landung stark begrenzen würde.“ Eimers fügte an: „Es gibt nur ganz wenige Möglichkeiten im Jahr, die Nordroute zu fahren. Diese Chance mussten wir einfach nutzen.“ Und das taten sie.

Von Gladbeck aus ging es über Dänemark und Schweden nach Finnland.

Am Freitagabend startete das Team „Zenge/Eimers“ von Gladbeck aus in Richtung Norden. An Bord: Ein Funkgerät, um mit der Flugsicherung zu kommunizieren, ein sogenannter Transponder, mit dem der Ballon für die Fluglotsen und Flugzeug-Piloten auf dem Radar zu sehen ist und ein GPS-Gerät für die Navigation. „Ohne diese Geräte geht gar nichts mehr“, unterstrich Benni Eimers.

Verhandlungen mit der schwedischen Flugsicherung

„Wir mussten mit der Flugsicherung in Stockholm ‘verhandeln’, dass wir da noch irgendwie durchkommen, während die Lotsen mit 20 an- und abfliegenden Maschinen des Stockholmer Flughafens in Kontakt standen. Da wir durch den Transponder auf dem Radar zu sehen waren, konnten die Flugzeuge einen Bogen um uns machen. So waren Konflikte ausgeschlossen“, schilderte Eimers, wie sicher eine Ballonfahrt in diesen Höhen trotz des regen Flugverkehrs ist.

Auch für die Wasser-Überfahrten wurden im Vorfeld sämtliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen: Eimers und Zenge hatten eine Rettungsinsel, Schwimmwesten, Neopren-Überlebensanzüge und einen Notsender, der ihre Position im Fall einer Notwasserung per Satellit an die Rettungsorganisationen sendet, im Gepäck.

"Ein tiefes Schwarz unter dir"

Als die Piloten die idealen Luftschichten mit den gewünschten Winden gefunden hatten, konnten sie das genießen, was sich unter ihnen offenbarte: „Über dem Wasser haben wir ab und zu mal Schiffe gesehen, doch das Wasser selbst sieht man in der Dunkelheit gar nicht. Es ist einfach ein tiefes Schwarz unter dir. Doch obwohl wir zu diesem Zeitpunkt in 800 Metern Höhe waren, konnten wir das Rauschen des Meeres sehr laut hören. Wir haben ungläubig auf die Instrumente geschaut, weil wir das Gefühl bekamen, viel näher am Wasser zu sein, als wir es eigentlich waren“, erinnerten sich Benni Eimers und Matthias Zenge.

Den Piloten boten sich traumhafte Kulissen.

„Als die Sonne aufging, sahen wir unter uns über 100 Kilometer nur Seen, so groß wie ganze Städte, Wälder und tausende Inseln. Ab und zu lag in der Wildnis mal ein einzelnes Haus“, skizzierte Eimers das surreale Bild einer anderen Welt. „Das war wirklich umwerfend. Du bist 20 bis 30 Stunden im Ballonkorb und hast plötzlich das Gefühl, über Kanada zu sein“, fügte Matthias Zenge an.

Einfahrt nach Russland "würde unglaubliche Probleme geben"

Nach 36 Stunden, auf einem finnischen Flugplatz kurz vor der russischen Grenze war am Sonntagmorgen Schluss: „Russland lässt niemanden über die Grenze. das würde unglaubliche Probleme geben“, sagte Matthias Zenge. Eimers ergänzte: „Wenn du da einfährst, bist du ein Grenzverletzer. Das bedeutet: Beschlagnahmung und Gefängnis. Die verstehen keinen Spaß.“ 

"Unsere Verfolger und das Team zuhause haben einen super Job gemacht."

Doch das war den Aeronauten im Voraus klar, die 1.800 Kilometer waren das Ziel: „Wir sind sehr zufrieden. Leider war der Wind schneller, als vorhergesagt. Daher waren wir früher als geplant in Finnland und hatten nicht mehr viel vom Tag. Für unser Ziel mussten wir richtig was tun, das ganze Können und Wissen war gefragt. Unterm Strich hat alles reibungslos geklappt. Unsere beiden Verfolger und das Team im Command-Center zuhause haben einen super Job gemacht.“

Insgesamt habe beide Piloten jeweils sechs Stunden der 36 Stunden langen Fahrt in Etappen geschlafen.

Im Gegensatz zu vergleichbaren Fahrten waren Benni Eimers und Matthias Zenge trotz nur jeweils sechs Stunden Schlaf in 36 Stunden weniger ausgepowert: "Dieses Mal war es unglaublich warm. Wir hatten 17 bis 18 Grad Außentemperatur. Da spielte uns die Jahreszeit auf jeden Fall in die Karten. Du sitzt in 2.000 Metern Höhe und freust dich einfach, dass weder deine Füße, noch deine Hände kalt sind", sagte Eimers euphorisch. Sein Piloten-Kollege Zenge: "Es gab schon Fahrten, da hast du die gleichen Temperaturen - im negativen Bereich. Das schlaucht dann schon unfassbar. Bei dieser Fahrt haben wir einen guten Landeplatz erwischt, mussten den Ballon nicht bergen. So war alles viel entspannter."

Zusätzlicher Sauerstoff wäre erst ab einer gewissen Höhe nötig geworden

Ein weiterer, kräftesparender Aspekt: Die Besatzung konnte die Fahrt ohne zusätzliche Sauerstoffversorgung meistern. Da bereits im Vorfeld klar war, dass der Ballon nicht auf eine Höhe von mindestens 3600 Metern, ab der der natürliche Sauerstoffgehalt in der Luft zu gering wird, steigen würde, konnten die Atemluft-Flaschen zuhause gelassen werden.

Auf einem finnischen Flugplatz nahe der russischen Grenze landete das deutsche Team.

Für Benni Eimers und Matthias Zenge soll es jetzt schnell wieder in die Luft gehen – bei der nächsten Fahrt wollen sie längstmöglich am Himmel bleiben. "Dafür sollte es möglichst windstill sein", sagte Zenge. Die zweite Option: Wie beim Gordon Bennett Rennen 2018 nach einer längeren Zeit eine Windschicht zu erwischen, die den Ballon zurück in Richtung Startpunkt trägt. Im Gegensatz zum WM-Rennen selbst zählt bei Qualifikation nämlich die tatsächlich gefahrene Strecke und nicht die Distanz des Lande- zum Startpunktes.

Start in Gladbeck - Landung in Finnland: Quali-Fahrt von Benni Eimers und Matthias Zenge für das Gordon Bennett Rennen 2019

Zwar dürfte den beiden die Qualifikation für die WM mit der Strecke von 1.800 Kilometern quasi nicht mehr zu nehmen sein. Doch geht es auch ums Prestige: "Wir wollen als Germany 1 antreten. Das würde bedeuten, dass wir in der Qualifikation die besten waren", unterstrich Benni Eimers.

Ein klares Ziel für die WM

"Eigentlich sollte es kein Problem werden, dass wir 2019 wieder als 'Germany 1' antreten. Es wäre aber auch nicht weltbewegend, wenn man das nicht schafft. Entscheidend ist es, beim Gordon Bennett dabei zu sein", bewertete Matthias Zenge. Eimers: "Und das zu gewinnen." Zenge: "Dann ist man sowieso Germany 1."

Quelle: wa.de

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