Fast 30 Jahre nach dem Geiseldrama von Gladbeck

Dieter Degowski kommt auf Bewährung frei

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Der nach dem Geiseldrama von Gladbeck zu lebenslanger Haft verurteilte Dieter Degowski kommt auf Bewährung frei.

[Update, 15.31 Uhr] Arnsberg/Werl - Der nach dem Geiseldrama von Gladbeck zu lebenslanger Haft verurteilte Dieter Degowski kommt auf Bewährung frei. Diesen Beschluss hat die Strafvollstreckungskammer Arnsberg am Dienstagnachmittag offiziell bestätigt. Fast 30 Jahre hatte Degowski in Haft gesessen.

Die Kammer habe „nach umfassender Prüfung“ festgestellt, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Strafaussetzung zur Bewährung nunmehr – nach fast 30 Jahren Haft – vorliegen“. Zur Vorbereitung der Entscheidung habe die Kammer unter anderem das Gutachten eines renommierten Sachverständigen eingeholt und den Betroffenen angehört. Sie habe sich im Ergebnis den positiven Prognosen des Sachverständigen und der zuständigen Justizvollzugsanstalt Werl angeschlossen. Die Entlassung Degowskis solle in den nächsten Monaten erfolgen.

Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Die zuständige Staatsanwaltschaft Essen hat die Möglichkeit, „sofortige Beschwerde“ einzulegen. Das müsste allerdings kurzfristig passieren, eine Woche nach Zustellung des Beschlusses an die Beteiligten. 

Oberstaatsanwältin Anette Milk von der Staatsanwaltschaft Essen wollte zunächst keine Stellung beziehen. Man werde die Entwicklung prüfen und dann kurzfristig eine Erklärung abgeben.

Zuvor hatte sich bereits die Justizvollzugsanstalt Werl bei der Strafvollstreckungskammer für eine Freilassung ihres prominentesten Häftlings ausgesprochen. Die Entlassung sei „verantwortbar“, so Anstaltsleiterin Maria Look. Die nötigen Rahmenbedingungen lägen vor. Ein psychiatrisches Sachverständigen-Gutachten war zudem erstellt worden. 

Degowski verbüßt in der JVA Werl seit 1992 eine lebenslange Freiheitsstrafe unter anderem wegen Mordes. 2013 galt als frühester Entlassungszeitpunkt. Seitdem hatte er vergeblich versucht, seine Freilassung zu erwirken und über seine Anwältin mehrere Anträge gestellt. 2008 hatte der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ein Gnadengesuch abgelehnt. 

Behörden sagten eine neue Identität zu

Zuletzt war die Freilassung gescheitert, weil die Justizbehörden Degowski nicht ausreichend für den Weg in die Freiheit vorbereitet sahen. Dazu gehören eine Unterkunft und Bezugspersonen draußen. Zur Wiedereingliederung zählen aber auch vorbereitende Freigänge ohne Begleitung von Justizbeamten. 

Außerdem sagten die Behörden eine neue Identität zu, weil ein Neustart unter dem Namen „Dieter Degowski“ nicht möglich sei. Schließlich ist der Name untrennbar mit einem der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden. 

Das Gladbecker Geiseldrama forderte 1988 drei Tote und beherrschte die Schlagzeilen der Republik. Drei Tage lang war das Gangster-Duo Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner nach einem missglückten Banküberfall in Gladbeck unter Verfolgung von Journalisten-Trossen durch Deutschland geflüchtet, hatte Live-Interviews gegeben, während Geiseln Waffen an die Köpfe gehalten wurden. 

Eine Polizeiaktion auf der A 3 beendete die Geiselnahme am 18. August 1988 blutig. Beim Schusswechsel der Geiselnehmer mit der Polizei starb die 18-jährige Geisel Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe. Zuvor war bei der Verfolgung in den Niederlanden ein Polizist nach einem Zusammenstoß mit einem Lkw gestorben. 

"Besondere Schwere der Schuld"

Der damals 32 Jahre alte Degowski hatte einen 15-jährigen Italiener, der sich schützend vor seine kleine Schwester gestellt hatte, in einem gekaperten Linienbus erschossen, um Rösners verhaftete Freundin Marion Löblich freizupressen. Daher wurde Degowski auch wegen Mordes verurteilt. Das Gericht stellte die „besondere Schwere der Schuld“ fest. 

Nach fast 30 Jahren Haft soll nun der Rest der lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden. 

Sein damaligen Kompagnon Rösner sitzt noch in der JVA Aachen ein. Bei ihm ist im Anschluss an die Freiheitsstrafe die Vollstreckung der Sicherungsverwahrung angeordnet worden. 

Rösner war am 22. März 1991 unter anderem wegen Mordes und erpresserischen Menschenraubs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden, die „besondere Schwere der Schuld“ wurde festgestellt. 

Zuletzt war er in der auf einer Behandlungs- und Motivationsabteilung für Strafgefangene mit Anschluss-Sicherungsverwahrung untergebracht. Wegen der „Tätertrennung“ kam eine Verlegung Rösners in die JVA Werl, in der die Sicherungsverwahrung des Landes NRW konzentriert ist, bislang nicht in Betracht.

Quelle: wa.de

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