„Mein bester Seismograph“

So lebt die Holtwicker Autorin Karin Gottheil mit ihrer spastischen Behinderung

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Genießt jetzt in vollen Zügen ihr Leben: Karin Gottheil. Die Holtwicker ist seit ihrer Kindheit Spastikerin. Jetzt kam ihr zweites Buch als E-Book heraus.

Holtwick. Als eine Strafe Gottes bezeichnet eine Nonne im Krankenhaus ihre Spastik. Da war Karin Gottheil gerade einmal zehn Jahre alt und hatte sich einer Achilles-Sehnen-Operation unterzogen, um besser laufen zu können. Dieser Satz der Ordensfrau brannte sich bei der heute 55-jährigen Holtwickerin im Gedächtnis ein.

Ablehnung spürte sie auch von ihrer Grundschullehrerin. Diese ließ sie spüren, dass sie ein Kind mit einer Behinderung ist. Zu Hause wuchs sie unbeschwert auf. Im Rahmen ihrer und den damaligen Möglichkeiten haben die Eltern ihre mittlere Tochter unterstützt. „Meine Lehrerin war damals überfordert“, sagt Karin Gottheil mit Blick auf ihre „Krankheit“ und der Größe der Klasse.

Eine Sichtweise, die sie sich hart erkämpft hat. Sie war wütend auf die Reaktionen ihres Umfeldes und auf sich selbst und das, was andere konnten und sie nicht. „Andere haben bestimmt, was ich machen soll“, so Karin Gottheil. Nach ihrem Hauptschulabschluss mit Qualifikation macht sie eine Ausbildung als Bürokauffrau in Maria Veen. Nicht, weil sie möchte, sondern, weil Karin nicht stehen konnte. „Dabei bin ich seit Kinderzeiten Technik-Freak“, erzählt die Holtwickerin. So hat sie den Kopf einer teuren Spielzeugpuppe, die einer ihrer Schwestern gehörte, aufgeschnitten, um festzustellen mit welchem Mechanismus die Augenlider bewegt werden können. Der Ärger war vorprogrammiert – doch nicht von der Schwester, die zu diesem Experiment zugestimmt hatte, sondern von den Eltern.

Dass sie keinen technischen beziehungsweise handwerklichen Beruf ergreifen durfte, ist für sie nicht schlimm. Denn ihre Ausbildung hat ihr Spaß gemacht. Und ihre Vorliebe für Technik lebte sie im privaten Bereich aus. 30 Jahre arbeitete sie bei einer Krankenkasse. Ihre Tätigkeit dort beschert ihr heute als Rentnerin ein angenehmes Auskommen und noch mehr: Zeit, um sich mit sich selbst mit ihrem persönlichen Handicap und ihrer vermeintlichen Abweichung von der Norm auseinanderzusetzen. Zwei Jahre zuvor hatte sie eine Heilpraktikerin, Persönlichkeitstrainerin und eine Physiotherapeutin kennengelernt, die sie durch diese Phase begleiteten. Entstanden ist dabei ein Erfahrungsbericht „Mein wundervolles Spastik-Buch“. Erschienen ist das Buch vor knapp einem Jahr im Verlag AAVAA und im Buchhandel.

Jetzt hat die Holtwickerin ihr zweites Buch herausgegeben. Zurzeit gibt es das Werk mit dem Titel „Und dann macht die das einfach – es könnte ja gut werden“ nur als E-Book. Zu teuer wären aufgrund der vielen Bilder die Druckkosten gewesen. „Mit den Bildern habe ich meine Entwicklung zum Ausdruck gebracht – nicht mit einem Pinsel, sondern mit meinen Fingern habe ich die Farbe auf die Leinwand gebracht“, sagt Karin Gottheil. Zu jedem Bild gibt es eine Beschreibung.

Seit sieben Jahren führt die Holtwickerin ihr eigenes Leben und hat das neidisch sein auf ein anderes „perfektes“ Leben abgestreift. „Ich mag mich so, wie ich bin“, so Karin Gottheil. Motzige Tage wie jeder andere hat sie auch noch. Doch dann stellt sie sich einen Wecker und sagt sich: „Bis zur eingestellten Zeit darf ich maulen. Dann ist Schluss!“ Denn die meiste Zeit macht sie das, was ihr gefällt. Jüngst im Juni dieses Jahres als sie in die zweite Klasse ihrer Freundin, einer Grundschullehrerin, kam und den Kindern zeigte, wie viel Spaß es macht, mit Fingern auf Leinwand zu malen, ohne Zwänge wie zum Beispiel ein vorgegebenes Thema zu haben oder Noten für das Werk zu erhalten.

Wünsche hat Karin Gottheil noch viele: Ballonfahren ist einer. Doch ihr größter ist es, eine Stiftung zu gründen. Der Name steht schon „Glücklich Menschenkind“. Ihr Glück möchte die Holtwickerin teilen.

Dass sie ein Handicap hat, scheint Karin Gottheil scheinbar nur insbesondere in der Nacht zu bemerken. Dann bewegen sich ihre Arme und Beine unkontrolliert durch die Gegend. „Meine Spastik ist mein bester Seismograph“, betont Gottheil.

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Spastik

Spastik ist eine erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur, die immer auf eine Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks zurückzuführen ist. Bei Karin Gottheil sei sie entweder aufgrund einer frühkindlichen Hirnblutung oder eines viel zu hohen Cholesterinspiegel hervorgerufen worden.

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