Eine "Hauptstadt" für Zauberei mitten im Kreis Coesfeld

Stiftung Zauberkunst in Appelhülsen ist Treffpunkt für Magier

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Selbst die derzeit sehr populären Ehrlich-Brothers, die mit ihren Zaubershows ganze Stadien füllen, sind Mitglied im Magischen Zirkel.

Appelhülsen/Coesfeld. Mitten im Industriegebiet liegt völlig unscheinbar ein magischer Ort. Für Zauberer ist Appelhülsen kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil: Es ist viel mehr eine Hauptstadt für Zauberei, die weltweit bekannt und geschätzt wird. „Wir bekommen regelmäßig Besuch von großen Künstlern, die beispielsweise extra aus Amerika anreisen, um in den Archiven zu stöbern oder an Seminaren teilzunehmen“, verrät Leiter der Stiftung Zauberkunst, Michael Sondermeyer aus Coesfeld. 

Seit November letzten Jahres ist der magische Ort offiziell eine Stiftung und die Gründe dafür sind nachvollziehbar. „Wir werden auch nicht jünger und wollen nicht, dass unsere Sammlung nach unserer Zeit aufgelöst und auseinandergerissen wird“, erklärt der 66-Jährige. Viele der Requisiten, die zum Teil ausgestellt und zum Teil im Second-Hand-Shop der Stiftung vertrieben werden, stammen nämlich selbst aus Nachlässen verstorbener Zauberer. „Mittlerweile informieren uns Kollegen im Vorfeld, sodass die Nachlässe direkt an uns gehen. Damit die Sammlung eines Zauberers vollständig bleibt“, so der Leiter. 

Dabei besteht die Stiftung nicht nur rein aus Nachlässen, sondern auch durch Käufe, Abonnements und selbstgeschriebene Werke. „Zum einen verwalten wir hier eine Bibliothek für den Magischen Zirkel von Deutschland, der uns aufgrund unserer Räumlichkeiten sowie aus logistischen Gründen gefragt hatte. Hier haben Zauberer, die Mitglied im Zirkel sind, die Möglichkeit über Fernleihe, Exemplare auszuleihen.“ Darüber hinaus gibt in der Präsenzbibliothek über 20 000 Fachzeitschriften und weit über 10 000 Titel, die sich mit dem Thema Zauberei beschäftigen. Vom Kinderzauberbuch bis hin zu Fachbüchern ist in den Regalen der Bibliothek alles zu finden. „Eine der ältesten Zeitschriften ist aus dem Jahre 1895. Dort stehen Zaubertricks erklärt, die auch heute noch relevant sind“, zeigt Sondermeyer die Beständigkeit und Tradition des Zauberns. „Dazu muss erwähnt werden, dass viele der der Werke, anders als bei gängigen Romanen, nur in einer geringen Auflage gedruckt werden und es die Bücher nur 50 Mal auf der Welt gibt.“ 

Michael Sondermeyer und sein Kollege Uwe Schenk, die zusammen die Leitung der Stiftung übernommen haben, sind gleichzeitig auch Autoren und Verleger. Gemeinsam schrieben sie Bücher über Zauberei, die schon in mehrere Sprachen übersetzt worden sind. „Eines der Bücher hat es sogar bis nach Kolumbien geschafft“, freut sich Sondermeyer. „Witzigerweise haben sie das Buch eins zu eins übernommen, bis auf die Bilder der Kinder, die ihnen wohl zu europäisch waren“, lacht der Coesfelder. Generell haben es die Werke der beiden Magier schon um die ganze Welt geschafft. „Die Bücher gibt es in asiatischen, englisch- und spanischsprechenden Ländern.“ 

Auch die modernen Medien sind nicht an den Zauberern vorbeigegangen und Digitalisierung ist für sie kein Fremdwort. Deshalb nehmen sie sich viel Zeit, um die Bücher einzuscannen, damit sie auch auf dem Computer zu lesen sind. „Das ist natürlich keine schöne Aufgabe, aber es gehört dazu. Es vereinfacht die Recherchemöglichkeit und kann zudem für das digitale Online-Zauber-Lexikon genutzt werden“, rechtfertigt Sondermeyer den Aufwand. Im magischen Zirkel von Deutschland sind heute über 3 000 Zauberer – vom Amateur, der beim Stammtisch einen Kartentrick zeigt, bis hin zu den Profis. Darüber hinaus ist Sondermeyer auch in internationalen Vereinen ein angesehenes Mitglied. „Die Szene ist sehr überschaubar, dadurch kennt sich quasi jeder – auch auf Weltkongressen.“

Selbst die derzeit sehr populären Ehrlich-Brothers, die mit ihren Zaubershows ganze Stadien füllen, sind Mitglied im Magischen Zirkel. „Ich kenne die Beiden seitdem sie klein sind“, verrät Sondermeyer. „Ich habe damals eine Kinderzaubershow in Herford vorgeführt und da erzählten sie mir stolz, dass sie selbst zuhause zaubern.“ Kein Wunder also, dass die beiden Zauberbrüder schon zu Gast in Appelhülsen waren. Darüber hinaus haben Michael Sondermeyer und insbesondere Uwe Schenk für die Zauberbox der Brüder die Anleitungen geschrieben und halfen aktiv beim Dreh der Erklärvideos mit. 

Die Ehrlich-Brother sind aber bei weiten nicht die einzigen namhaften Leute, mit denen die Stiftungsleiter zusammenarbeiten. Auch der berühmte Autor Knister (bürgerlicher Name Ludger Jochmann) der Hexe-Lilli-Bücher kam schon auf die beiden Zauberautoren zu. „Die Kinder wollten genau so zaubern können, wie Hexe Lilli. Also kooperierten wir und schrieben Anleitungen für einfache Zaubertricks und Knister schrieb dafür die passenden Zaubersprüche“, so der Coesfelder.

Berühmt sind die beiden Autoren aber für ihre Biografien über berühmte Zauberer. Angefangen mit dem Joro-Buch, das für unerwartet große Aufmerksamkeit innerhalb der Szene sorgte, bis zum Lebenswerk von Paul Potassy, der regelmäßig für die High-Society auftrat. Das letzte Buch der beiden erschien 2007. „Danach haben wir uns zurückgezogen und verfassen nur noch Texte für andere Formate. Insbesondere seitdem wir das Archiv im Jahr 2011 aufgebaut haben, liegt unser Kerngeschäft woanders“, erklärt Schenk. 

Aktuell gibt es in dem Archiv ein ganzes Regal von Nachlässen eines interessanten Magiers, der zur NS-Zeit ein sehr angesehener Magier war. Kalanag, der mit bürgerlichen Namen Helmut Schreiber hieß, war nicht nur ein berühmter Filmproduzent, sondern führte auch regelmäßig Zaubershows für Adolf Hitler vor. „Angeblich soll er sogar in die Nazi-Gold-Affäre verwickelt sein“, verrät Sondermeyer. „Alle paar Wochen kommt ein Schriftsteller extra nach Appelhülsen, um für eine Biografie in den Nachlässen zu recherchieren.“ 

Anders als in den Kreisen der Magier ist dieser Ort selbst für Appelhülsener eher unbekannt. Shows werden hier für den Laien meist nicht angeboten. „Wir bieten aber vermehrt Führungen an“, ermutigt Uwe Schenk sich bei der Stiftung zu melden. „Für angehende Zauberer bieten wir zudem Workshops an für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.“ Die Räumlichkeiten der Stiftung sind dafür auch bestens ausgelegt. „In der Bibliothek können neue Tricks recherchiert werden und direkt auf der Hauseigenen Bühne geprobt werden“, so der 60-jährige Zauberer. „Unser Kerngeschäft liegt aber auf Weiterbildungen von Zauberern. Dafür reisen regelmäßig Magier aus ganz NRW zu uns, um an Seminaren teilzunehmen.“ Diese werden nicht nur von den beiden erfahrenen Magiern, sondern auch von Gästen aus der Schweiz oder England geführt. „Wir haben sogar einen positiven Effekt auf die Wirtschaft in Appelhülsen“, lacht Sondermeyer. „Durch die weiten Wege der Anreisenden verbringen die Zauberer meist mehrere Tage hier in der Umgebung.“

Zur Person:

Uwe Schenk ist Sozialpädagoge und arbeitet hauptberuflich in einer Jugendhilfeeinrichtung. Er lebt mit seiner Frau in Werne und ist bereits Opa von fünf Enkelkindern. Er selbst ist Vater von fünf Kindern. Der 60-Jährige hat bereits als Kind angefangen zu zaubern und wurde von Michael Sondermeyer vor 25 Jahren „vom Amateur zum Profi geschubst“. Neben der Arbeit in der Stiftung, tritt er als Autor, Zauberkünstler und Jurymitglied bei Deutschen Meisterschaften in Erscheinung. 

Michael Sondermeyer lebt mit seiner Frau in Coesfeld. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht und ist seit 40 Jahren Zauberer. Als Gründungsmitglied des Archivs übernimmt er Aufgaben als Bibliothekar und leitet Seminar und Fortbildungen. Gemeinsam mit Uwe Schenk erfand er nicht nur neue Zaubertricks, er arbeitete auch an Publikationen mit.

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