„Historisches Nottuln": Barocke Wandelgestalten auf der Kulturnacht

Der Verein wurde hauptsächlich gegründet, um 2013 in Nottuln ein historisches Fest zu organisieren. Auch 2018 möchte die Gruppe wieder eine Veranstaltung auf die Beine stellen. Schon jetzt beginnen die ersten Vorbereitungen.

Nottuln/Coesfeld. Farbenfrohe Kleider mit weiten Reifröcken. Preußische Uniformen. Weiße Lockenperücken und imposante Ketten. Degen, Fächer, Dreispitze, Gehstöcke. Was sich anhört wie die Beschreibung eines Kostümfundus eines großen Theaters oder die Garderobe für einen historischen Film, ist der Inhalt des Kleiderschrankes einiger Nottulner. Reenactment (englisch für Wiederaufführung) nennt man das Hobby, das 22 Leute aus Nottuln und Umgebung teilen. Sie beschäftigen sich thematisch mit der Geschichte der Region zwischen 1750 und 1850 – also vom späten Barock bis zum späten Biedermeier. Am Samstag, 24. September, sind sie bei der vierten Coesfelder Kulturnacht als Wandelgestalten in der Innenstadt unterwegs – natürlich in Kostüm.

„Eigentlich treten wir nicht typischerweise auf Stadtfesten auf“, meint Hans Gabbert, 2. Vorsitzender des Vereins „Historisches Nottuln“. Die Vereinsmitglieder legen sehr viel Wert auf Authentizität und Detailtreue. „Es passt einfach nicht, weil es dort meist zu rummelig zugeht“, meint der Jurist, der 2005 nach Nottuln gezogen ist. „Aber unser Mitglied Friedhelm Becker organisiert die Veranstaltung mit und ist bei uns für einige historische Sachgebiete zuständig. Deshalb sind wir dabei. Und außerdem ist die Kulturnacht ja kein typisches Stadtfest, sondern hat – wie schon der Name sagt – einen kulturellen Anspruch, wie unser Verein auch.“ Als Wandelgestalten werden er und seine Freunde durch die Innenstadt laufen und zusammen mit anderen Akteuren für ein stimmungsvolles Bild sorgen. Außerdem wird es ein Zelt geben, in dem der Verein sich präsentiert und Margarete Rademacher, Vorsitzende des Vereins, Märchen erzählt.

Doch wie kommen die Nottulner zu diesem eher außergewöhnlichen Hobby? Angefangen hat alles mit der Vereinsgründung 2012, die von Julia von Grünberg initiiert wurde. Sie war damals neu in Nottuln und beschäftigte sich als Historikerin und Schriftstellerin mit der Stadtgeschichte und wollte mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommen. „Sie hatte das Gefühl, dass sich viele Zugezogene mit der Geschichte ihres Ortes nicht befassen und die Alteingesessenen sie als alltäglich nehmen“, so Gabbert. Dabei sei Nottulns Ortskern nach einem Brand, der 1748 bei einem Ehestreit entstand, vom damaligen Star-Architekten Johann Conrad Schlaun entworfen worden und insoweit etwas besonderes. Noch bis heute stehen viele der von Schlaun geplanten Gebäude. „Wir organisierten ein historisches Fest, um den Leuten die Geschichte Nottulns näher zu bringen“, erinnert sich Gabbert. „Dafür hatten wir ursprünglich den Verein gegründet, aber uns war schon klar, dass es nach dem Fest weitergehen soll.“

Weil sie bei diesem Fest auch einige historische Persönlichkeiten – zum Beispiel Johann Conrad Schlaun – darstellen wollten, wurde Friedhelm Becker Teil des Vereins. Der 65-Jährige sammelt schon seit dreißig Jahren preußische Uniformen und kennt sich auch mit historischen Kleidungsstücken – insbesondere Uniformen – aus. „Ich achte sehr genau auf die Details“, lacht Becker.

„Wenn man so etwas macht, dann muss man es auch schon richtig machen. Deshalb suche ich mir für originalgetreue Gewandung und Ausrüstung überall etwas zusammen. Die Schuhe aus Kanada, die Knöpfe aus Belgien und so weiter.“ Das sei manchmal schon aufwändig. „Gerade die Kleider der Frauen sind kostspielig und werden daher in einer Nähwerkstatt von den Trägerinnen selbst gefertigt. Sie schneidern zu lassen wäre bei gut vierstelligen Preisen kaum bezahlbar und würde wohl jeden am Verein Interessierten abschrecken“, ergänzt Hans Gabbert. Diese Nähwerkstatt wird von Schneidermeisterin Heidrun Benoelken-Wenker betreut. Außerdem treffen sich die Mitglieder des Vereins, um Tänze einzustudieren, mal auf einer Schießbahn mit historischen Waffen zu schießen, meist aber, um zu organisieren.

Der Verein hat sich nämlich zwei große Ziele gesetzt. 2018 soll es erneut ein historisches Fest geben, für das schon jetzt die ersten Vorbereitungen laufen. Besonders die Gemeinde Nottuln, die bei der ersten Auflage noch skeptisch war, ob der kleine Verein so eine große Veranstaltung stemmen kann, habe großes Interesse an einer Neuauflage, weil das erste Fest so gut ankam. „Wir sind hier in der Gegend die einzigen, die sich auf diese Art mit dem 18. Jahrhundert auseinandersetzen“, weiß Friedhelm Becker. „Das ist neu für die Menschen und daher interessant.“

Ein weiteres großes Ziel ist die Eröffnung eines Museums für Frauengeschichte in Nottuln. „Das gestaltet sich aber sehr schwierig“, erklärt Hans Gabbert. „Eigenwirtschaftlich ist so ein Museum nicht zu betreiben. Da braucht man auf jeden Fall Sponsoren.“ Immerhin haben sichdie Vereinsmitglieder schon einige Ausstellungsstücke sichern können. Ein großer Wunsch für die Zukunft ist es, enger mit anderen Vereinen wie den Nottulner Bruderschaften als lebendes Element der Ortsgeschichte oder dem Heimatverein zusammenzuarbeiten. „Nottulns Geschichte lebendig zu halten, sollte ein gemeinsames Ziel sein. Deshalb sollten wir zusammenarbeiten und uns über dieses Thema austauschen“, so Gabbert.

Weitere Informationen auf www.historisches-nottuln.de

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