Heinz Böwing bietet seit 2016 Führungen an

Ein dunkles Kapitel in Nottulns Geschichte: Was es damit auf sich hat

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Für seine Führungen hat Heinz Böwing aktuell einen Plan angefertigt, auf dem die Standorte der einzelnen Gebäude abgebildet sind.

Nottuln. Als Kind hat er es geliebt, im Waldstück oberhalb der Steverburg zu spielen: Heinz Böwing. Klar hat der heute 63-jährige Steveraner auch die Spuren des Zweiten Weltkrieges gesehen: die Fundamente der Baracken, die dort standen, sowie die Eingänge der unterirdischen Bunkeranlage. Doch was sich im Lager Herbstwald abspielte, war für den Jungen von damals nicht greifbar. Erst viel später – als junger Mann – wurde ihm bewusst, was es für ein Ort war.

„Das Lager hat zwei Geschichten“, informiert Heinz Böwing. So diente es als Ausweichquartier für das Wehrbereichskommando Münster und das stellvertretende Generalkommando, 6. Armee-Korps, nachdem Münster ausgebombt war. Später als sogenanntes „Russenlager“. Ein völlig rechtsfreier Raum, in dem von April bis Mitte August 1945 auf Zwangsarbeiter auf kleinstem Raum untergebracht und dann über Frankfurt/Oder abtransportiert wurden. „Die Tragik der Anlage ist, dass dort gefoltert, gemordet und vergewaltigt wurde – auch Deutsche als Täter und Opfer“, betont Böwing. Diese Kriegs- und Nachkriegsereignisse in den Baumberge-Gemeinden hielt er in seinem Buch „Bomber, Bunker und Baracken“ fest. Fast zehn Jahre recherchierte er für dieses Werk. Niedergeschrieben habe er nur das, was er auch belegen konnte, so Böwing mit Blick auf die, wie er sagt, wenigen kritischen Stimmen, die aufkamen, als sein 328 Seiten starke Werk 2015 in der „Westfälischen Reihe“ des Verlages Aschendorff erschien. Letzterer prognostizierte eine Auflage von 250 bis 300 Stück. Bis dato sind rund 1 000 Exemplare verkauft worden. „Ich habe niemals damit gerechnet“, so Böwing. Genauso wenig damit, dass er zu diesem Thema auch Führungen für Stammtische, Klubs und andere Gruppen anbietet. Verdienen möchte er damit nichts, betont Böwing. Ihm ist es wichtig, dass nicht vergessen wird, was sich dort oberhalb der Steverburg abspielte. „Der Zweite Weltkrieg ist zwar 75 Jahre her, die Steine kann ich aber jetzt noch anfassen“, so Böwing.

Schon immer ist für den Vermessungsingenieur (FH) Geschichte ein zentrales Thema gewesen. In den 80er Jahren interviewte er seinen Vater, um seine Erinnerungen an den Krieg festzuhalten. Nicht alles hat ihm sein Vater erzählt. Doch eines: Er hat Menschen erschossen. „Wie sollen die 50 Millionen Toten sonst gestorben sein?“, stellt Böwing die rhetorische Frage. Er hat seinem Vater verziehen. Zu Lebzeiten litt er wegen seiner Taten unter Albträumen. „Wir hätten in der damaligen Situation ähnlich gehandelt“, ist sich Böwing sicher. Daher lautet sein Appell: „Wehret den Anfängen!“

„Das Kriegstagebuch war die Initialzündung für mein späteres Buch“, so Böwing. „Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen würde, möchte ich Archäologe werden“, sagt Böwing lachend. Am 1. November dieses Jahres geht Böwing in Pension. Dann war er 45 Jahre als Vermessungsingenieur in der Bodenordnungsverwaltung des Landes NRW in Coesfeld tätig. „Es hat mir Spaß gemacht“, resümiert Böwing. Dann wird er mehr Zeit haben, um die Geschichte seiner Heimat – auch die dunklen Kapitel – aufzuarbeiten. Und natürlich wird er auch mehr Zeit für die Familie haben.

Einen Wunsch hat Heinz Böwing auch noch: eine Gedenktafel am ehemaligen Lager Herbstwald, um den Toten einen Namen zu geben.

Wer Interesse an einer Führung zum Thema „Lager Herbstwald“ hat, kann sich direkt bei Heinz Böwing, Telefon, (02502) 587, melden. Das Geld für die zweistündigen Führungen spendet Heinz Böwing an die Aktion der Kolpingsfamilie Nottuln „Jedem Kind ein Mittagessen“.

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