Bedürfnisse der Beschäftigten im Mittelpunkt

Netzwerktreffen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

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Über die Möglichkeiten zur besseren Vereinbarung von Pflege und Beruf informierten die Teilnehmer bei der Diskussionsrunde beim Netzwerktreffen im Stift Tilbeck.

Havixbeck. Vier Wochen unbezahlter Urlaub, weil die Eltern plötzlich pflegebedürftig geworden sind. Weil sie nicht in der Nähe wohnen und so vieles zu regeln ist. Mitten im umsatzstärksten Monat. Als die Mitarbeiterin des Druckhauses Dülmen mit diesem Wunsch an die Geschäftsleitung herantrat, traf sie jedoch nicht auf Ablehnung, sondern auf offene Ohren. „Wir haben sehr schnell die Entscheidung getroffen, es möglich zu machen – und dann geschaut, wie es gehen kann“, sagt Helen Swetlik, die gemeinsam mit ihrem Mann das Unternehmen leitet.

Selbstverständlich ist eine solche Reaktion nicht, wie am Dienstagnachmittag beim sechsten Netzwerktreffen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf im Münsterland im Stift Tilbeck deutlich wurde. Gemeinsam arbeiten die Wirtschaftsförderungen der vier Kreise im Münsterland und das Netzwerk Gesundheitswirtschaft Münsterland e.V. daran, dies zu ändern. „Denn durch den demographischen Wandel wird die Zahl der Menschen, die mitten im Berufsleben stehen und die Pflege ihrer Angehörigen organisieren müssen, immer größer und die Thematiken immer vielschichtiger“, erklärte Dr. Kirsten Tacke-Klaus, Projektleiterin der wfc Wirtschaftsförderung des Kreises Coesfeld in ihrer Begrüßung der rund 40 Teilnehmer. „Dafür wollen wir die Arbeitgeber sensibilisieren.“

Arbeit und Pflege zu vereinbaren ist aber auch ein Spagat, der häufig zu einer großen Belastung der pflegenden Angehörigen wird. Misslingt dieser, kommen die Menschen unter anderem zu Matthias Könning. Er ist Lebenslagencoach beim pme Familienservice, der Unternehmensmitarbeitern mit Beratungsangeboten zur Seite steht. „Ich merke immer wieder, wie riesig der Druck ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Um das zu schaffen braucht jeder Angehörige Freiräume und Pausen“, sagt Könning. „Natürlich ist es die Aufgabe der Kinder ihre Eltern zu unterstützen, aber die Alten sind auch für sich selbst verantwortlich.“ Das müsse man sich immer wieder klarmachen. „Wenn man sich um andere kümmern möchte, ist die Selbstvorsorge nicht nur genauso wichtig, sondern zwingende Voraussetzung.“ Mentale Unterstützung auf der einen Seite, praktische Tipps auf der anderen Seite: Was muss ich tun, wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird? Wie können aufkeimende Konflikte innerhalb der Familie gelöst werden? Was muss ich bei der Beantragung der Pflegestufen beachten? Wo kann ich Kurzzeitpflegeplätze finden? Bei der Beantwortung dieser Fragen helfen verschiedene Stellen, darunter der pme Familienservice und die Pflege und Wohnberatung des Kreises Coesfeld. Gemeinsam mit Helen Swetlik diskutierten sie beim Netzwerktreffen ihre Erfahrungen.

Um der Mitarbeiterin des Druckhauses Dülmen die vier Wochen bei ihren Eltern zu ermöglichen, haben am Ende übrigens ihre Kollegen mit angepackt und Aufgaben von ihr übernommen. Am Ende kam die Mitarbeiterin sogar schon nach drei Wochen zurück, weil alles geklärt war – zufrieden, glücklich und mit einem Geschenk der dankbaren Eltern für das Unternehmen und die Kollegen.

Informationen über Angebote von Unternehmen für pflegende Angehörige und externe Anlaufstellen bieten zudem die betrieblichen Pflegelotsen, zu denen sich Mitarbeiter ausbilden lassen können. Die nächste Schulung findet am 20. September und 4. Oktober bei der FBS Rheine statt: www.fbs-rheine.de/courses/T6241-002. Alle wichtigen Informationen zum Thema enthält zudem der betriebliche Pflegekoffer Münsterland: www.betrieblicher-pflegekoffer.de

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