Havixbecker Modell: Die „zweite Chance“ für die berufliche und persönliche Zukunft

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Claudia Flick, Mitarbeiterin beim „Havixbecker Modell“, hat „Sven“ in seinem Kurs betreut.

Havixbeck / Kreis Coesfeld. Dies ist die Geschichte von Sven. Eine nicht einfache Lebensphase liegt hinter ihm, aber mit Hilfe des Havixbecker Modells ist es ihm gelungen sowohl privat als auch beruflich wieder Fuß zu fassen. Gerne hat er den Streiflichtern seine Geschichte erzählt, möchte aber seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht haben. Daher hat die Redaktion ihn geändert.

„Seit vier Jahren geht es mir wieder richtig gut! Ich habe eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und arbeite jetzt als Geselle bei einer Firma für Garten- und Landschaftsbau in Havixbeck“, erzählt Sven.

In der Vergangenheit ging es ihm gar nicht gut. Vor etwa zehn Jahren begann sein schulischer und sozialer Abstieg. „Nichts passte mehr zusammen: Stress zu Hause und Stress in der Schule. Die falschen Freunde, die falschen Lehrer. Alles Negative kam zusammen und mir ging es ziemlich dreckig“, schildert der junge Mann. Dabei fehlte es bei ihm zunächst an nichts. Die Grundschulzeit verlief problemlos. Sven war ein glückliches Kind. Irgendwann zog dann die Familie um nach Coesfeld und von da an lief ziemlich Vieles aus dem Ruder. Die Pubertät setzte ein und eine neue Schule, neue Lehrer und neue Freunde, denen es auch nicht besonders gut ging, bestimmten den Tagesablauf. Gemeinsam heckten sie viel Unsinn aus. Die Schule war nur noch Nebensache. Oft gingen sie gar nicht mehr hin und hingen stattdessen die Zeit irgendwo rum. Der ein oder andere kleine Diebstahl war auch dabei. Eltern und Lehrer fanden das gar nicht gut und machten ordentlich Druck. Letztlich schaffte Sven noch mit Ach und Krach den Hauptschulabschluss nach Klasse 9. Weiteres Lernen oder Arbeiten war danach aber erst mal nicht mehr drin. „Eigentlich haben ich erst mal gar nichts mehr gemacht, weil ich einfach keinen Bock mehr hatte. Schule hing mir völlig zum Halse raus. Zwischendurch war ich immer mal wieder in Zeitarbeit beschäftigt, um ein wenig Kohle zu verdienen, aber Spaß hat das absolut nicht gemacht“, sagt Sven es frei heraus.

Nach einem Jahr Zeitarbeit kam Sven auf die Idee, den Realschulabschluss nachholen zu wollen. „Mein Sachbearbeiter bei der Arbeitsagentur hat mir aber klar zu verstehen gegeben, dass ich das sowieso nicht schaffe“, erinnert er sich. Und auch eine Maßnahme beim Jobcenter, wo er täglich mehrere Stunden lang am Computer gesessen hatte, um nach potenziellen Berufsmöglichkeiten zu suchen und sich anschließend zu bewerben, verlief erfolglos.

Weil das alles nicht zielführend war, schickte ihn der Mitarbeiter des Jobcenters zum Havixbecker Modell. Sven wusste zwar nicht, was da auf ihn zukam, aber er merkte sehr schnell, dass es hier ganz anders zur Sache ging. „Hier wird man nicht als Kunde betrachtet, sondern als Mensch, der Probleme hat. Hier wird man an die Hand genommen. Die Leute hier sind richtig engagiert und kümmern sich persönlich um einen. Das hat richtig Spaß gemacht,“ betont Sven.

Sven hat an einem sogenannten, vom Jugendamt finanzierten, 12-Wochen-Kurs teilgenommen. Intensiv betreut wurde er dort von der Diplompädagogin Claudia Flick, zu der er auch heute noch, vier Jahre nach Beendigung des Kurses, ein freundschaftliches Verhältnis hat. Individuelle Betreuung wechselt in diesem Kurs ab mit sozialer Gruppenarbeit und vielen Trainingseinheiten. Kern des Kurses ist ein vierwöchiges Praktikum, das Sven in der Gärtnerei Borgert in Coesfeld absolvierte. Wenn der 12-wöchige Kurs beendet ist, hören die Hilfen nicht auf. So werden die Betreffenden noch mehrere Wochen betreut.

Gemeinsam mit seiner Betreuerin hat Sven eine Stellenanzeige gesehen, in der ein Ausbildungsplatz zum Gärtner in Havixbeck angeboten wurde. Zusammen sind sie nach Havixbeck zum Vorstellungsgespräch gefahren. Das Gespräch verlief so gut für ihn, dass er quasi im Anschluss seinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatte. Die Berufsschule machte ihm richtig Spaß. „Toll war es auch, dass mir das Jobcenter den Führerschein finanziert hat. Das war nämlich Bedingung für den Job“, so Sven.

Und wie gesagt: Inzwischen arbeitet der junge Mann seit einem Jahr als Geselle bei der Havixbecker Firma und sowohl sein Chef als auch er selbst sind sehr zufrieden mit dem, was er erreicht hat.

Zum Thema: 40-jähriges Bestehen, Festakt am Montag, 12. November

„Gemeinsam finden wir Wege“ – dies ist der Leitspruch des Havixbecker Modells. Vor 40 Jahren wurde der Verein, dessen Arbeitsschwerpunkt in der Jugendberufshilfe liegt, in Havixbeck gegründet. Am Montag, 12. November, ab 14.45 Uhr soll dieses Jubiläum gebührend in der Geburtsstätte des Vereins, im evangelischen Gemeindezentrum, Schulstraße 12, in Havixbeck gefeiert werden.

Beim Festakt wird unter anderem Professor Dr. Christian Schrapper von der Uni Koblenz einen Vortrag halten. Im Fokus stehen dabei die veränderten Herausforderungen und Perspektiven sozialer Arbeit mit jungen Menschen und ihrer gesellschaftlichen Situation in der heutigen Zeit.

Der Verein ist schwerpunktmäßig im Kreis Coesfeld tätig. Deshalb ist die Geschäftsstelle auch schon seit langem in die Kreisstadt in die Wiesenstraße 46 umgezogen. „Wir wollen vor allem jungen, aber auch älteren Erwachsenen Hilfen anbieten, sowohl für ihre persönliche Entfaltung als auch für ihre berufliche Zukunft beziehungsweise Weiterentwicklung“, so Hermann Roters, der 1. Vorsitzende. Schon in den 70er-Jahren hätten sie die Not etlicher schwieriger, arbeitsloser Jugendlicher und Erwachsener erkannt. Sie mussten dringend unterstützt werden, um aus ihrer Misere herauszukommen. „So haben wir mit der Arbeitsverwaltung in Coesfeld einen Ansatz gefunden, sozialpädagogisch mit den jungen Menschen zu arbeiten“, so Roters. In Form von Praktika lernen sie Wirtschaftsbetriebe kennen. Die meisten von ihnen bekommen ein positives Bild vom Berufsleben. Erfolgreich können die jungen Menschen dann in den Arbeitsprozess vermittelt werden. „Insbesondere im schulischen Bereich, vor allem am Übergang von der Schule in den Beruf sowie in der Erwachsenenbildung haben sich in letzter Zeit ergänzende Schwerpunkte sozialpädagogischer Arbeit des Vereins entwickelt“, betont Roters.

So bieten die „12-Wochen-Kurse“ mit einem Mix aus Praxis und sozialpädagogischer Betreuung jungen Arbeitslosen wichtige Erfahrungsfelder für ihre berufliche und persönliche Zu-kunft. Bei der „Zweiten Chance“ wird Jugendlichen, deren Schulabschluss gefährdet ist, Hilfe angeboten. In vielfälti-gen Gesprächen werden Ursachen erforscht und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet. In den „Bewerberforen“ erhalten Arbeitssuchende Unterstützung bei der Stellensuche.

Relativ neu beim Havixbecker Modell ist der „Jobcoach“. Er begleitet und unterstützt Flüchtlinge auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Geholfen werden kann auch Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, indem man sie zum Beispiel bei Behördengängen oder bei einer Wohnungssuche begleitet. Letztlich wendet sich das Programm „Aktivierung und Integration“ an Menschen mit Migrationshintergrund in Lüdinghausen. Sprach- und Kulturtraining steht hier im Mittelpunkt.

Jugendliche und Erwachsene aus dem Kreis Coesfeld im Alter bis 25 Jahre, die Hilfe suchen, können sich telefonisch (02541) 926991 oder per E-Mail kurs@havixbeckermodell.de an die Beratungsstelle des Havixbecker Models wenden. Weitere Infos: www. havixbeckermodell.org

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