„Lasst Euch nicht – wie wir einst – manipulieren“

Zeitzeuge berichtet über seine Kindheit in der NS-Zeit 

Hitlerjugend Zeitzeuge Hermann-Leeser-Realschule
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Nach der Veranstaltung: v. l. Gabriele Hillebrand (Laumann-Verlag), Ralf Haßdenteufel (Lehrer HLS), Zeitzeuge Kurt Glodny, Birgit Lorson (stellvertretende Leiterin HLS), Werner Jostmeier, Theo Schwedmann, Dr. Andrea Peine und Henning Hülskötter (beide Lehrkräfte HLS).

Dülmen. Anderthalb eindrucksvolle Stunden erlebten am Freitag die Schülerinnen und Schüler der drei zehnten Klassen der Hermann-Leeser-Realschule (HLS). Kurt Glodny, knapp 91 Jahre alt, berichtete in der Aula der Schule von seiner Zeit im Nationalsozialismus. Gabriele Hillebrand vom Dülmener Laumann-Verlag, der 2017 Kurt Glodnys 336-seitiges Buch „So war es. Erlebnisse eines oberschlesischen Vorkriegskindes“ heraus brachte, hatte diesen Zeitzeugenbesuch vermittelt.

Es sei ihm ein großes Bedürfnis aufzuzeigen und zu warnen, wie schnell man sich als junger Mensch vereinnahmen und manipulieren lasse, machte Kurt Glodny deutlich. Er habe das selber erlebt. „Der Nationalsozialismus wusste, wie er die Menschen einfängt und für sich einnimmt! Und wir hielten den Nationalsozialismus für gut, ebenso auch Adolf Hitler. Wir standen dahinter“, so Kurt Glodny. „Weil der Nationalsozialismus geschickt unsere Interessen ausnutzte und uns manipulierte.“ 

So gab es in der Hitler-Jugend (HJ) für alle Jungen ab zehn Jahren mehrere Unterabteilungen. Beispielsweise die Flieger-HJ, die Reiter-HJ und die Marine-HJ. „Was da bei den HJ-Gruppenstunden gemacht wurde, war für uns interessant und spannend, und wir wollten es. Dies bereitete uns vor auf den Einsatz als Soldat – aber DAS haben wir nicht verstanden.“ Er selber habe sich für die Fliegerei interessiert und kam in die Flieger-HJ. „Da habe ich mit 14 Jahren einen Segelfliegerschein gemacht“, so Kurt Glodny. Bei Waldspielen galt es, sich nach Kompass zu orientieren, beim Weit- und Zielwurf „lernten wir fürs spätere Handgranatenwerfen“. „Und die Luftgewehre, mit denen wir schossen, sahen genauso aus wie die Karabiner der deutschen Soldaten.“ 

Auch in der Schule erfolgte Manipulation: „Als der Nationalsozialismus an die Macht gekommen war, gab es morgens statt Gebet Abfragen über die Erfolge der Wehrmacht – wie viele Bruttoregistertonnen Kriegsschiffe sie gestern wieder versenkt hatte, beispielsweise. Das hieß, dass man Radio hören und Zeitung lesen musste.“ Kurt Glodny berichtete auch von seiner Zeit als Kindersoldat von 1943 bis 1945. „Als die Rote Armee am 24. Januar 1945 mit den Panzern nach Gleiwitz kam, stellten wir uns mit 70 Kindersoldaten dagegen. 38 von uns starben dabei.“ Er appellierte an die jungen Leute: „Lasst Euch nicht manipulieren und von schlechten Kräften vereinnahmen wie wir damals“, sagte er. Er warnte vor Kriegs-Computerspielen. „Nutzt den Computer lieber für Euer Wissen und Eure Bildung“, sagte er. Vor und nach einer Fragerunde bedankten sich die Schüler, die sich im Unterricht aktuell mit dem Nationalsozialismus befassen, mit Applaus bei dem aus Lünen angereisten Zeitzeugen.

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