Das Wandern ist trotz Blindheit Burkhard Hams‘ Steckenpferd

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Burkhard Hams ist blind, seine Frau hat nur noch ein Sehvermögen von zehn Prozent – trotzdem sind sie sportlich sehr aktiv.

Dülmen. Trotz seiner Blindheit ist er sportlich aktiv, wobei das Wandern im Mittelpunkt seiner Körperertüchtigung steht: „Ich gehe mit meiner Frau noch 1,8 Kilometer zu Aldi und ziehe nach dem Einkauf den Trolli die Treppe hoch“, erzählt Burkhard Hams, der bereits seit seiner Kindheit nachtblind war und dessen Sehkraft mit 30 Jahren sehr stark nachließ. „Ich wusste schon sehr früh, dass ich erblinden würde und machte mit 18 trotzdem noch meinen Führerschein. Mit 40 war alles dunkel“, so der frühere Verwaltungsfachangestellte an der Uni Münster.

„Ich habe dort am Schloss 20 Jahre lang gerne gearbeitet.“ Seine positive Einstellung ist bemerkenswert, obwohl er kürzlich noch einen Schock erlitt: „Drei etwa neunjährige Schüler fuhren auf der Elsa-Brändström-Straße nebeneinander zum Unterricht und unterhielten sich dabei“, berichtet seine Ehefrau Ingrid. „Wir gingen auf dem Bürgersteig. Plötzlich fuhr einer der Schüler direkt auf meinen Mann zu, der dadurch umfiel und geschockt war.“ Seitdem fühle er sich in dieser Straße noch immer unbehaglich. „Jeder Schritt, den ich mache, ist für mich potenziell gefährlich“, erklärt der 56-Jährige, der mit Hilfe von Wanderkugeln in Begleitung seiner Frau oftmals Spaziergänge, Einkäufe und größere Wanderungen unternimmt.

Bis 2017 gehörten beide noch dem Wanderverein „Immer fit“ an. „Wir waren gerne im Wanderverein. Doch als ich die Markierungen nicht mehr sehen konnte, mussten wir uns nach geführten Wanderungen umsehen“, erklärt Ingrid Hams, die mit nur noch zehn Prozent ihres Sehvermögens lediglich Umrisse erkennt – und trotzdem sehr lebensbejahend ist. „Seit rund zehn Jahren machen wir auch Bergwanderungen und übernachten in Aura-Hotels, wo man speziell auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen eingeht. Vor zwei Jahren waren wir in Bozen. Dort haben wir inzwischen an drei Wanderwochen von fünf bis 20 Kilometern teilgenommen, wobei unsere Lieblingsstrecke zehn Kilometer lang ist.“ Burkhard Hams erinnert sich noch gut an eine Wanderwoche 2016 im österreichischen Schwarzach in der Nähe von Bregenz. „Wir haben mit einem Anstieg bei 800 Metern begonnen. Dann kamen täglich 200 Höhenmeter hinzu, bis wir eine Höhe von 2 000 Metern erreicht hatten. Die Strecke war nicht ungefährlich, und ich nahm ohne meine Frau teil. Es ging über schmale Pfade und ich hielt mich am Rucksack des Alpenführers fest“, so der Wanderfreudige über seine Extremtour.

Das Wandern ist Burkhard Hams‘ Steckenpferd

Auch das wöchentlich immer dienstags durchgeführte Schwimmen im Neptun-Bad Münster trägt zu seiner Fitnes bei. „Hier in Dülmen gibt es leider keine Angebote für uns“, bedauert er. „Im Sommer besuchen wir das Freibad Sythen, weil ich dort auch gut schwimmen kann. In diesem Sommer waren wir fast jeden Tag dort.“ Eine weitere Aktivität fand Burkhard Hams beim Blindenwassersport Münster, wo er zurzeit auch Schriftführer ist. „Die haben ein idyllisches Bootshaus an der Werse und dort kann ich rudern oder paddeln. Mindestens einmal im Monat sind wir da. Ende April ist das Anpaddeln und das Abpaddeln dann Mitte Oktober. Das Ruderboot steuert dort eine Pilotin, eine erfahrene Kanutin.“

Alle zwei bis drei Wochen ist der Dülmener dann noch im Westfälischen Behindertensportverein Münster beim Kegeln anzutreffen.

Zwei Urkunden dokumentieren sein erfolgreiches Können: So belegte er 2015 beim 16. EBU-Cup (Cup der Europäischen Blindenunion im Breitensport) im Wettbewerb Kegeln B 1 der Herren mit 280 Holz den dritten Platz, und im vergangenen Jahr errang er bei der „24. Landespokalkegelmeisterschaft für Blinde und Sehbehinderte“ in der Wettkampfklasse B 1 mit 498 Holz Platz zwei.

Sport habe er immer schon gerne gemacht. „So war ich früher in der Muckibude bis zu meiner Retinitis-Pigmentosa, wobei mir erblich bedingt die Netzhautzellen abgestorben sind. An dieser Augenkrankheit leiden in Deutschland etwa 30 000 bis 40 000 Menschen.“

Kennengelernt hat er auch über den Rotary-Club in Rheine das Autofahren für Blinde sowie das Segelfliegen in Hagen. „Das Ballonfliegen möchten wir gerne noch mal mitmachen.“ Doch das Wandern ist und bleibt sein größtes Steckenpferd. „Beim Wandern kann ich mich richtig entspannen.“ Täglich ist Burkhard Hams zu Fuß unterwegs. „Wir gehen gerne an Wasserläufen entlang und in den Wald. Bei Wanderungen geben uns die Führer auch Blumen zum Anfassen und Riechen.“ Um fit zu bleiben, ist er auch öfter alleine unterwegs – und das selbst bei Regenwetter. „Wenn ich mit dem Stock gehe, bekomme ich mehr mit. Die Wege zu den bekannten Orten wie Arztpraxen, Geschäften und Ämtern mache ich alleine, um meine Mobilität zu behalten. Alleine kann ich mir auch besser die Wege einprägen.“ Häufig gehen und wandern, außerdem noch kegeln, schwimmen, rudern und hin und wieder Fahrten auf dem Heimtrainer. „Ich sehe das als Ermutigung für andere Sehbehinderte und Blinde, und möchte zeigen, welche Aktivitäten man als Blinder machen kann.“

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