Gedenken an die Bombardierung Dülmens

Wo viele Dernekämper um ihr Leben bangten: Lagerhaus der Mühle Brüggemann galt als sicherer Hort bei Bombenangriffen

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Der Dülmener Stadtarchivar Dr. Stefan Sudmann vor dem Lagerhaus, das als Luftschutzraum diente.

Dülmen. Wer auf der Lüdinghauser Straße von Dülmen aus in Richtung Seppenrade fährt, passiert die frühere Mühle Brüggemann – postalische Adresse: Dernekamp 2. Hier, wenige Meter vom Kreisverkehr Dernekamp entfernt, steht ein Gebäude, in dem manch ein Bittgebet gesprochen wurde und Dutzende Menschen Stunden der Angst verbrachten.

Denn im früheren Lagerhaus der Mühle Brüggemann befindet sich im Souterrain ein Luftschutzraum, den die Familie Brüggemann, manch ein Mitarbeiter der Mühle und Dutzende Nachbarn aus Dernekamp im Zweiten Weltkrieg bei Bombenalarm aufsuchten.

„Es waren bange Stunden und Tage da unten“, erinnert sich Maria Kruse geborene Brüggemann. 1933 auf die Welt gekommen, hat sie heute noch lebhafte Erinnerungen an die Zeit im Zweiten Weltkrieg, als die Alliierten mit Jagdflugzeugen über Dülmen flogen und oft im Tiefflug auf Menschen schossen, die unterwegs waren. Und die vor allem am 21. und 22. März 1945 so viele Bomben über Dülmen abwarfen, dass zum Ende des Krieges die Stadt weitgehend dem Erdboden gleich gemacht war.

Bombeneinschlag unweit des Gebäudes

„Es war ziemlich eng da unten im Luftschutzraum“, so Maria Kruse. „Aber wir waren froh, dass wir in ihm Schutz finden konnten. Und wir hatten Glück: Es traf keine Bombe auf das Gebäude – allerdings schlug eine nicht allzu weit entfernt in die Erde ein. Die Druckwelle bekamen wir ziemlich heftig im Luftschutzraum zu spüren.“ Zunächst war der Luftschutzraum ohne sonderliche Unterteilung; später aber wurde eine Bretterwand errichtet. „Auf diese Weise hatten wir von der Familie Brüggemann ein bisschen Privatsphäre“, so Maria Kruse.

Behörde verlangte 1937 Bau des Luftschutzraums

Als Eigentümer der Mühle hatte Heinrich Brüggemann, der Vater auch von Maria Kruse, den Bau des Luftschutzkellers aus eigenen Mitteln finanziert. Er folgte damit einer Auflage. Denn die zuständige Behörde machte bei den Planungen zum Bau des 24 mal 15 Meter im Grundriss messenden Gebäudes zur Bedingung, dass auch ein Luftschutzraum integriert wird. 

Auf diese Weise kam es dazu, dass 1937/38 auf Dernekämper Gebiet der heute noch existierende Luftschutzraum entstand. Der Zweite Weltkrieg – er kündigte sich auf diese Weise bereits einige Zeit vor dem Kriegsausbruch beim normalen Bürger an. Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, konnte auch Maria Kruse aufatmen. „Ich bin seit den Bombennächten nie mehr in dem Luftschutzraum gewesen“, sagt Maria Kruse, die heute in der Nähe der Familie ihres Sohnes in Frankfurt lebt.

Später Nutzung für Pflanzenschutzmittel

Genutzt wurde der Luftschutzraum, der über stabile Stahlbetondecken und -wände und über eine mehr oder weniger stabile Stahltür verfügt, später gleichwohl. Speziell unter anderem zur Lagerung von Pflanzenschutzmitteln, die beim Landhandelunternehmen Brüggemann und später Elbers vorgehalten wurden.

Zeitzeugin Maria Kruse geb. Brüggemann.

Mittlerweile steht der Luftschutzraum von einst im Souterrain des Lagergebäudes leer. Oben drüber nutzt die Stadt Dülmen die hunderte Quadratmeter große Fläche zum Lagern verschiedener Dinge, etwa von Bühnenelementen. Denn seit einigen Jahren ist die Stadt Dülmen Eigentümerin des Gebäudes.

Vielleicht einziger Raum dieser Art in Dülmen

Dülmens Stadtarchivar Dr. Stefan Sudmann nahm das Gebäude, über das nach Auskunft der Pressestelle der Stadt bei der Stadt keine Bauakten mehr vorhanden sind und das nicht unter Denkmalschutz steht, aus historischem Interesse in Augenschein. Sein Eindruck: Es sei mit Blick auf die einstige Rolle des Gebäudes zu überlegen, ob der Luftschutzraum – vielleicht ja der einzige dieser Art in Dülmen – als ein authentischer Ort des Kriegsüberlebens zahlreicher Dülmener im Zweiten Weltkrieg erhalten wird.

Kommentar (von Reimund Menninghaus)

In dem 2011 von der Stadt Dülmen durchgeführten Interessenbekundungsverfahren zur Errichtung eines Grundversorgungszentrums ist das Lagergebäude laut Lageplänen Bestandteil der Planung – in den textlichen Erläuterungen zum Nutzungskonzept wird aber auch ein Abriss als Option genannt. Für die intendierten neuen Einzelhandelsgebäude sei wünschenswert, dass sie mit Klinkerfassade errichtet werden und so korrespondieren mit der regionaltypischen Bauweise des nahen stillgelegten Mühlengebäudes.

Ein Blick nach Nechlin in der Uckermark in Brandenburg kann eine Anregung bieten. Denn in Nechlin wurde ein Kornspeicher, der ähnlich groß ist und genutzt wurde wie das Lagergebäude der früheren Mühle Brüggemann, zu einem Begegnungshaus mit Restaurant entwickelt. Auf dem Dach und teilweise an Außenwänden sind dort – im Einklang mit dem Denkmalschutz – Solarzellen installiert, deren Strom Bestandteil der Energieversorgung eines nahen Wohnviertels ist. So oder so ähnlich könnte auch das Lagerhaus der früheren Mühle Brüggemann genutzt werden – und damit der historische Luftschutzraum erhalten.

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