„Heimat und Flucht“ hautnah

Theater im Annette-Gymnasium thematisiert auch 9. Oktober in Leipzig

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Christian Stock (von links) und Susanne Burkamp aus der Lehrer-Fachschaft Geschichte des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums freuten sich, dass Stefan Querl vom Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster die Aufführung des zweiteiligen Theaterstücks „Heimat und Flucht – Flucht und Heimat“ am Annette-Gymnasium ermöglicht hat.

Dülmen. Der 9. November 1989 – er ist ein einzigartiger Tag in der deutschen Geschichte: Der Tag des DDR-Mauerfalls. Am 9. Oktober 1989 jedoch war die eigentliche Wende, sagt Jörg Adler, lange Jahre Direktor des Zoos in Münster, war die eigentliche Kapitulation des DDR-Regimes vor dem Freiheitswillen der DDR-Bürger.

Dies griffen Mohanad Jackmoor, Philip Grüneberg und Tashina Mende auf und gestalteten ein ganz besonderes, zweigeteiltes Theaterstück für „24 Stunden Münster“ im Jahr 2018. Vermittelt durch den Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, führten sie das Werk „Heimat und Flucht – Flucht und Heimat“ vergangene Woche, am Mittwoch, 9. Oktober, erstmals vor Schülern auf. Zwei Geschichts-Oberstufenkurse des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums waren dabei zwei Stunden wie gebannt.

Es gab einen Schießbefehl für den 9. Oktober

Im ersten Teil des Stücks ist Jörg Adler, der vielen als Zoodirektor in Münster bekannt ist, in einem aufgezeichneten Interview zu hören. Sein Vater ist Leiter des Zoos in Leipzig, Jörg Adler wächst im Zoo auf. Später wird er selber leitender Mitarbeiter im Leipziger Zoo, hat berufliche Reiseerlaubnis, ein Auto. „Aber wir hatten keine Freiheit“, sagt er im Interview. Er ist mit seiner Familie kirchlich aktiv, außerdem hat er einen Ausbürgerungsantrag gestellt. Daher darf seine Tochter nicht studieren. Beide nehmen daher in Leipzig an den Montagsgebeten in der Nikolaikirche teil. Kampf um freie Meinungsäußerung, für Freiheit.

Am 9. Oktober spitzt sich die Lage zu. Kasernierte Volkspolizei steht an der Nikolaikirche. Die Intensivabteilungen der Krankenhäuser sind frei geräumt, Blutkonserven in großen Mengen herbeigeschafft – es werden für abends viele Verletzte erwartet. Ein Schießbefehl ist ausgegeben.

Mohanad Jackmoor, Tashina Mende (als DDR-Bürgerin zu Zeiten der Wende) und Philip Grüneberg (von links) führten das zweigeteilte Theaterstück „Heimat und Flucht – Flucht und Heimat“ in Dülmen auf.


Dieser wird zum Glück unterlaufen beziehungsweise zurückgezogen, so Jörg Adler, der am 9. Oktober 1989 schon nachmittags in der Nikolaikirche sitzt. Um ihn herum alle Bänke voll mit SED- und Stasileuten. Er hat sich dazwischengesetzt. Nach langer Zeit kommt Adler mit Banknachbarn ins Gespräch, erklärt, dass die, die für Freiheit demonstrieren, keine Chaoten sind, wie in der Staatspresse zu lesen ist.

Familie Adler erfährt viel Hilfe in Westdeutschland

Der Tag geht glimpflich aus. Adler, der Monate zuvor einen Ausbürgerungsantrag gestellt hat, kann mit seiner fünfköpfigen Familie am 19. Dezember 1989 in den Westen, kommt über Gießen nach Schöppingen und Münster an den Niederrhein. „Dort erfuhren wir vielfältig Hilfe, so dass wir uns zurechtfinden konnten“, ist Jörg Adler dankbar.

Erschütternde Schicksale syrischer Menschen

Diese deutsch-deutsche Fluchtgeschichte ist der eine Teil des Theaterstücks. Der andere Part sind erschütternde Diskriminierungs- und Flucht- und Heimatverlust-Schicksale zweier Menschen, die aus Syrien geflohen sind. Die eine ist die des Regisseurs Mohanad Jackmoor, der Mittwoch mitspielt. Aber auch die andere geht den Schülern – nicht zuletzt aufgrund eindringlicher theaterlicher Darstellung – unter die Haut. Es wird deutlich, welch allgemeine Dimensionen Fluchtursachen, Flucht und Heimatverlust haben können.

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