Rainer und Andrea Betz pilgerten 800 Kilometer nach Santiago de Compostela

Pilgern Santiago de Compostela Andrea Rainer Betz
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Rainer Betz und seine Frau Andrea wanderten  gut 800 Kilometer – entlang vieler Hinweisgeber.

Dülmen. Jeder, der mal nach Santiago de Compostela gepilgert ist, hat seine eigenen Erfahrungen dabei gemacht und seine eigene Geschichte davon zu erzählen. Auch Rainer und Andrea Betz.

Sie gingen gemeinsam den „Camino Francés“, die bekannteste der Pilgerstrecken – und von rund zwei Dritteln der Pilger genutzt. 800 Kilometer lang, umfasst der Camino Francés 32 Etappen. Und so waren auch die beiden Dülmener fünf Wochen – von Ende Juni 2017 ab an – unterwegs. Vom 16. April bis 30. Juni dieses Jahres wird eine kleine Auswahl großformatiger Fotos der Tour im Foyer des Dülmener Rathauses zu sehen sein.

„Unabhängig, wie gläubig man ist oder welche Ziele man sich mit der Pilgerreise gesetzt hat – man kann sich vor einer gewissen Spiritualität nicht verschließen“, räumt Rainer Betz ein.

Vor allem ein ganz bestimmtes Erlebnis hat er da vor Augen: „Am ersten Tag unserer Tour starteten wir um 6 Uhr morgens in Saint-Jean-Piet-de-Port in Frankreich. Der Anstieg war gleich zu Beginn sehr heftig und sollte sich die nächsten zwölf Kilometer auch nicht wirklich deutlich verbessern. Der starke Nebel verhinderte jeglichen Blick auf die Landschaft und machte es schwer, dem Weg zu folgen. Erst als wir am Bergrücken ankamen, lichtete sich der Nebel, und wir wurden mit einem herrlichen Panorama belohnt. Die Wolken schmiegten sich an die sonnenüberfluteten Berghänge und bewegten sich wellengleich langsam hin und her. Balsam für das Herz und die schon leicht angeschlagenen Knochen und ein unvergesslicher Moment. Es war eine gewisse Parallele zum geschäftlichen Leben zu erkennen. Oft ist der Weg anstrengend und nicht deutlich sichtbar. Erreicht man jedoch sein Ziel, wird vieles klarer und man kann erkennen, was man geschafft hat.

Unternehmensverkauf machte Auszeit möglich

Durch den Verkauf unseres Unternehmens Ende 2016 war es uns nun möglich, uns für eine längere Phase auszuklinken. Fünf Wochen Auszeit am Stück hätten wir uns vorher gar nicht erlauben können. Die Idee, den Jakobsweg zu gehen, hatte jedoch schon länger auf unserer Agenda gestanden“, so Betz.

Dass beide die Tour körperlich schaffen würden, hatten sie in bis zu 30 Kilometer langen Wanderungen ausprobiert. Aber – die Füße hatten so ihr Eigenleben: „Ab dem sechsten Tag hatten wir Blasen – kein Zeh am Ende, der keine Blase hatte“, schmunzelt Rainer Betz. „Aber man bekommt an allen Ecken Blasenpflaster, und wenn man abends wunderbar erschöpft und zufrieden am Etappenziel ankommt, ist man zufrieden – auch wenn man exorbitant Schmerzen hat.“

Im Internet über die Tour kundig gemacht

Ansonsten war die Tour problemlos. „Wir hatten uns auf www.jakobsweg.de über die einzelnen Etappen kundig gemacht. Ein Freund, der den Jakobsweg bereits gegangen ist, hat uns einen Reiseführer empfohlen, von daher waren wir bestens informiert. Fast überall auf dem Weg hatten wir LTE-Handyempfang und in den allen Unterkünften und Bars freies WLAN. So konnten wir jeden Abend übers Internet unsere Bleibe für den nächsten Abend buchen.“ Das war stets ein Herbergs- oder Hotel-Doppelzimmer. „Mit einem großen Schlafsaal konnte ich mich nicht anfreunden“, so Betz. An Unterkünften gab’s keinen Mangel. „Spätestens nach Hape Kerkelings Buch ,Ich bin dann mal weg’ und der Verfilmung passierte einiges in Sachen Infrastruktur – einiges wird inzwischen sogar wieder zurückgebaut“, schildert Rainer Betz. Auch Einkaufsmöglichkeiten gab’s genügend: „Jede Menge Tante-Emma-Läden.“

2 600-Kilometer-Pilgerer aus München kennengelernt

Eine Herausforderung und körperlich anstrengend war die Tour gleichwohl. „Die körperliche Erschöpfung bei fast täglich über 30 Grad im Schatten machte sich nach etwa 200 Kilometer deutlich. So unterblieb die Erkundung der Städte, durch die man kam. Interessante Gespräche mit anderen Pilgern auf dem Weg machten die Reise jedoch zu einem unvergesslichen Erlebnis. So lernten wir beispielsweise einen jungen Mann kennen, der zu Fuß von München aus gepilgert kam und 100 Tage unterwegs war. Immerhin sind es knapp 2 600 Kilometer von München, wo ich selber aufgewachsen bin, bis nach Santiago de Compostela. Respekt!“ Ebenso gut in Erinnerung bleibt der Pilgergottesdienst in Santiago de Compostela. „Es war ein surrealer Moment, als wir auf den Eingangsstufen innerhalb der Kathedrale saßen und das fröhliche bunte Treiben beobachteten. Glückliche und nachdenkliche Menschen, wohin man blickte. Selbst kann ich meine eigenen Gefühle nicht so richtig ordnen, aber langsam wird es real.

Nach fünf Wochen und über 800 Kilometer auf dem Jakobsweg sind wir in Santiago de Compostela angekommen. Ich kann dieses kraftvolle Gefühl nicht beschreiben, weiß aber, dass es mich den Rest meines Lebens positiv begleiten wird. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen und frage mich beim Betrachten des schwingenden Weihrauchkessels: Bin ich am Ziel angekommen oder ist es der Beginn einer neuen wunderbaren Reise? Ich habe nichts gesucht und doch so viel gefunden“, so Betz. Das Ziel, den Kopf durch die Wanderreise frei zu bekommen, hat geklappt. Gleichwohl umfasst das Tagebuch 150 Seiten – und die Zahl der Fotos, die Rainer Betz allein mit seiner Spiegelreflexkamera gemacht hat, liegt weit jenseits der 2 000. Wobei einige wenige auch bei der 36-stündigen Rücktour nach Deutschland mit dem Bus entstanden.

Als nächstes steht der Küstenpilgerweg an

Einige Motive landeten in einem Fotobuch, einige werden bei der Ausstellung im Dülmener Rathaus zu sehen sein. Sie wird vielleicht auch andere dazu bewegen, mal nach Santiago zu pilgern beziehungsweise zu wandern. Bei Rainer Betz ist jedenfalls auf der Rückfahrt mit dem Bus entlang der Küste bereits der Wunsch entstanden, erneut nach Santiago zu gehen – über den anspruchsvollen Küstenpilgerweg. „Irgendwann, in ein paar Jahren“, so Rainer Betz.

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