Norbert Lücke lässt weltgrößten straßentauglichen Serienreisebus restaurieren

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Norbert Lücke (links) und Klaus Achterkamp – hier mit einem in limitierter Zahl hergestellten Modell des Busses – freuen sich über die erfolgreiche Restaurierung des Neoplan Jumbocruiser.

Dülmen/Ibbenbüren. 1975 kam der Neoplan Jumbocruiser auf den Markt – der bis heute größte straßentaugliche Serien-Reiseomnibus der Welt. Als doppelstöckiger Gelenkbus mit der seinerzeit maximal erlaubten Länge von 18 Metern konstruiert, bietet der bis 1986 zehn Mal gebaute Jumbocruiser auf seinen rund 90 Quadratmetern Nutzfläche Platz für bis zu 144 Sitzplätze. Künftig ist der letzte noch als Omnibus zugelassene Jumbocruiser in Dülmen stationiert. Für den Dülmener Busunternehmer Norbert Lücke, der den Jumbocruiser Nr. 3 aktuell in Ibbenbüren restaurieren lässt, geht damit ein Traum in Erfüllung.

Norbert Lücke erinnert sich noch gut an den Tag, als er genau diesen Jumbocruiser Nr. 3 zum ersten Mal zu Gesicht bekam: „Ich war 13 Jahre alt und sah den Bus beim Trabrennen in Recklinghausen. Ich fragte: ,Herr Ziolkowsky, darf ich mir den Bus einmal von innen anschauen?’.“ Die Antwort: „,Ja, Junge, mach dir aber die Schuhe sauber!’“ Alfons Ziolkowsky, das war der Inhaber des Essener Busunternehmens Hallo-Reisen International. Und für Norbert Lücke kein Unbekannter. „Mein Vater Otto hatte 1966 in Capelle ein Busunternehmen gegründet – da hatte ich schon eine Menge mit Bussen zu tun“, so Norbert Lücke, der selber dann 1992 in Dülmen ein eigenes Busunternehmen ins Leben rief. Beide Unternehmen zusammen haben aktuell über 100 Busse im Einsatz.

Bar und Küche im Nachläufer

Die Begutachtung des Jumbocruisers Nr. 3 wirkte nachhaltig – zusätzlich zu den 101 Sitzplätzen hatte der Bus eine Bar und eine kleine Küche im Erdgeschoss des Nachläufers untergebracht. Wo gab es das sonst in den 1970er Jahren? Vor ein paar Jahren sah Norbert Lücke dann im Internet ein Foto von Jumbocruiser Nr. 3. „Auf der Windschutzscheibe stand ,Zu verkaufen’ und eine Handynummer. Ich rief da an und bin am nächsten Tag losgefahren und habe den Bus gekauft“, schildert der 55-Jährige.

Es war klar, dass an dem Bus einiges instand zu setzen war. Norbert Lücke vergab diesen Auftrag an die auf Busse spezialisierte Werkstatt Achterkamp und Heger in Ibbenbüren, die über acht Bus-Werkstattplätze verfügt und ein 22-köpfiges Team aufbieten kann.

„Ende November 2015 sind wir mit den Arbeiten angefangen – in den ersten anderthalb Jahren waren wir aber mehr sporadisch dran. In den letzten anderthalb Jahren dann intensiver – durchschnittlich mit vier Mann“, berichtet Klaus Achterkamp. So kamen am Jumbocruiser im Laufe der Monate und Jahre bis jetzt 3 100 Arbeitsstunden zusammen.

Es war einiges zu tun – nicht zuletzt bei der Karosserie: „Als wir die Außenbleche abnahmen, zeigte sich, dass der Rost in den fast 40 Jahren ganze Arbeit geleistet hatte. Wir mussten vor allem die tragenden Holme und etliche weitere Quadrat- und Rechteckrohre ersetzen. Das war schon ziemlich krass. Zusammengerechnet haben wir rund eine Tonne Stahl verbaut – Rohre, Profile und Bleche“, so Klaus Achterkamp.

Wie neu: die Sessel im Jumbocruiser Nr. 3.

Auch im Innenraum war einiges zu tun: „Die Sitzgestelle haben wir repariert. Die Polster waren allesamt – das muss man sagen, Hut ab – noch wirklich gut, so dass wir sie nur intensiv gereinigt haben. Die Innenverkleidungen haben wir ganz neu gemacht, und auch der Teppichboden ist nagelneu.“ Hier half die Dülmener Teppich-Design-Fachfirma Thomas Mewes, die seit Jahren umfangreiche Erfahrung unter anderem mit der Ausstattung exklusiver Hochseeyachten hat.

Ebenfalls die Elektrik zeigte eine Menge Handlungsbedarf: „Im Nachläufer haben wir die komplette elektrische Anlage neu gemacht. Die Kunststoffisolierungen waren so brüchig, dass die Kabel, wenn man sie anfasste, schnell blank lagen.“ Im Vorderwagen war die Verkabelung noch in gutem Zustand. „Vor allem die Karosserie wieder auf Vordermann zu bringen war eine Herausforderung, und ich bin auch persönlich froh, dass uns alles so gut gelungen ist“, fasst Klaus Achterkamp zusammen. Aufgehalten hat vor allem der Ersatz der oberen Windschutzscheibe, die Opfer von Steinschlag geworden war. „Die gab’s nirgendwo mehr neu oder gebraucht, so dass eine neue hergestellt werden musste. In Finnland hat sich dann eine Firma drangemacht. Bis die Scheibe dann hier eintraf, verging über ein Jahr“, berichtet Klaus Achterkamp.

Generalüberholt wurde auch der Motor, ein V10-Sauger-Diesel von

Die Auspuffanlage wurde neu in Edelstahl gefertigt.

Mercedes-Benz mit 320 PS Leistung. „Das hab ich hier in Dülmen gemacht“, so Norbert Lücke. Ganz neu in Ibbenbüren angefertigt wurde der Auspuff aus Edelstahl.

„Im März soll der Jumbo spätestens hier raus. Dann muss nur noch der Unterboden lackiert und konserviert werden und die Außenlackierung drauf. Bis dahin sind noch Leisten anzubringen und zu verlegen und noch etliche Kleinigkeiten zu erledigen“, blickt Klaus Achterkamp nach vorne, den es auch persönlich „sehr freut“, dass das Projekt so gut und erfolgreich verlaufen ist. So unter anderem auch die Anbringung des eigens dafür angefertigten Wellen-Edelstahlblechs am Oberdeck mittels Nieten.

Nach Restaurierung Aussehen wie am ersten Tag

Wenn alles fertig ist, soll der Jumbocruiser Nr. 3 genau so aussehen, wie er ursprünglich vor 43 Jahren ausgeliefert worden war – und wie Norbert Lücke ihn im Alter von 13 Jahren erlebt hat. Mit kleinen Aschenbechern und kleinen funktionierenden Lämpchen an den Tischchen der Vis-à-vis-Bestuhlung und mit funktionierender Technik in der Bar. Und vor allem mit der Aufschrift Hallo-Reisen International und der originalen Chrom-Stoßstangen-Partie von 1976. „Wenn der Vorbesitzer die nicht mehr gehabt hätte, hätte ich den Bus nicht gekauft“, erklärt Norbert Lücke, der den Bus mit schwarzer Außenlackierung erstand. „Mit Besitzerwechsel wurde der Bus vor Jahrzehnten auch außen umgestaltet – mit anderer Farbe und mit einer anderen Frontpartie“, so Norbert Lücke.

Die endgültige Lackierung nach der Restaurierung erfolgt nun in drei Wochen bei Lücke-Reisen in Capelle.

Lob vom Vorreiter der Omnibus-Entwicklung: Neoplan-Ex-Geschäftsführer begeistert

„Davor kann man nur allen Respekt haben – denn was da gemacht wurde und wird, ist einmalig!“ Mit diesen Worten lobt Konrad Auwärter das Projekt von Norbert Lücke, den einzigen noch als Omnibus zugelassenen Neoplan Jumbocruiser einer Kernsanierung zu unterziehen und zukunftsfit zu machen.

Konrad Auwärter, früherer Geschäftsführer der Firma Auwärter, dem Hersteller des Neoplan Jumbocruiser, im Jahr 2010 in St. Petersburg. Das Bus-Foto stammt von seiner Diplom-Arbeit 1965 zum Thema Doppeldecker-Busbau.

Konrad Auwärter – das ist nicht „irgendjemand“. Vielmehr ist der 79-Jährige der letzte Geschäftsführer der süddeutschen Firma Auwärter, die über Jahrzehnte erfolgreich und höchst innovativ Busse der Marke Neoplan herstellte. 2000 verkaufte die Familie das Unternehmen, das zum Schluss mit 2 500 Mitarbeitern pro Jahr 2 000 Busse herstellte, an den MAN-Konzern. Heute betreibt Konrad Auwärter unter anderem ein Museum, in dem 25 Oldtimer-Busse und 25 Oldtimer-Pkw gezeigt werden. Dazu dient auch die Auwärter-Stiftung.

Der Neoplan Jumbocruiser, der 1975 auf der IAA vorgestellt wurde, ist nur eines der epochalen Entwicklungen des Unternehmens Auwärter. So war die Firma Auwärter es, die Anfang der 1960er Jahre den Wunsch von Touristikunternehmen in Berlin nach Bussen aufgriffen, die Sitze auf so hoher Position haben, dass die Passagiere über die 1961 errichtete Berliner Mauer schauen konnten. Mit dem Typ „Do-Lux“ lieferte Auwärter 1965 einen doppelstöckigen Bus mit diesen Eigenschaften. Daraus entwickelt wurde dann der 1967 vorgestellte „Skyliner“ – ein 12 Meter langer Doppelstock-Bus mit 67 Plätzen. 16 Jahre lang baute kein anderer Bushersteller Doppelstock-Reisebusse. Inzwischen sind sie alltäglich. Anhand dieses Doppelstock-Reisebustyps zeichnete Bob Lee, Chefdesigner der Firma Auwärter, bereits 1967 einen Doppelstock-Gelenkbus, wie er 1975 dann mit dem Neoplan Jumbocruiser verwirklicht wurde.

1971 kamen die Betreiber der doppelstöckigen Stadtrundfahrtenbusse (Do-Lux) in Berlin auf Auwärter zu, ob er nicht einen Normaldeckerbus bauen kann, bei dem man aber auch so hoch sitzt, dass man über die Mauer schauen kann. Auwärter konstruierte dann solche hoch gebauten Eindecker-Stadtrundfahrtenbusse. Daraus abgeleitet wurde der Reisehochdecker „Cityliner“ – das Vorbild für die bis heute bestehende Bauart der Fernreisebusse mit großen Kofferräumen und Unterflurtoilette.

Der Zeit voraus war die Firma Auwärter auch mit der Konstruktion eines Niederflur-Stadtbusses, dessen Boden durchgängig war und dem Fahrgast einen Einstieg von gerade einmal 30 Zentimeter Höhe zumutete. 1977 entstand der Prototyp dazu. Weitflächig auf dem Markt durchsetzen konnte sich dieser Niederflur-Bustyp freilich erst einige Jahre später.

Das Niederflur-Prinzip möglich gemacht hatte die Konstruktion der Vorderachse in U-Form – eine Bauweise, die Konrad Auwärter in seiner Diplom-Arbeit 1965 in die Welt brachte. „Mit dieser Achskonstruktion konnten auch für die Berliner Bedürfnisse Linien-Doppeldeckerbusse gebaut werden, die nicht höher als vier Meter sind und von daher keine Ausnahmegenehmigung benötigten“, so Konrad Auwärter.

Wenn er sich den aktuellen Bushersteller-Markt anschaut, stellt er fest: „Früher haben wir als mittelständisches Unternehmen einfach konstruiert und gebaut. In der heutigen industriellen Busherstellung legen die Controller häufig schnell ein Veto gegen Neuentwicklungen ein.“

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Neoplan Jumbocruiser

Das ist ein Neoplan Jumbocruiser von damals.

Die Bustouristik boomte Mitte der 1970er Jahre, als mit dem Neoplan Jumbocruiser der laut Guinness-Buch der Rekorde größte straßentaugliche Reiseomnibus auf den Markt kam. Im Einsatz war er unter anderem bei Urlaubstransfers nach Spanien, bis 1980 Frankreich und andere Länder für Gelenkbusse die Durchfahrt verboten, womit die Destination Spanien für die Jumbocruiser ausfiel. Yugoslawien und Italien waren weitere Ziele der Jumbocruiser, die neu 500 000 DM kosteten. Inzwischen ist nur noch Nr. 3 als Omnibus zugelassen. Nr. 1 ist mittlerweile ein Wohnmobil (www.derbus.de), Nr. 4 diente über Jahre der Sozialarbeit-Initiative „Treberhilfe Dresden“, Nr. 6 war sofort als rollendes Hotel für acht Personen ausgestattet worden und ist nun in den USA, Nr. 5 steht jetzt im U-Boot-Museum Peenemünde, Nr. 9 war nach Japan ausgeliefert worden, und Nr. 10 ist inzwischen ein Eventbus.

Tourbus der Kelly-Family

Erst als Bus gebaut und genutzt, ging Nr. 2 an die Kelly Family, die den Bus mit 28 Schlafkojen ausstatten ließ und damit in den 1990ern auf Tournee war. Heute nutzt ihn Joey Kelly, wie die Sendung „Diesel im Blut – Trucker zwischen Abschlepphof und Rennpiste“ (ZDF-Internet-Mediathek, bis 5. April 2019 online), Minute 33:45 bis 37:37, zeigt. Weitere Infos zum Jumbocruiser auf www.wikipedia.de.

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