Dr. Jürgen Holtkamp schreibt über das Erziehungschaos in Familien

„Noch nie war Erziehung so schwierig wie heute“

Dr. Jürgen Holtkamp mit seinen beiden Büchern, die sich mit dem Thema Erziehung beschäftigen.

Dülmen. „Erziehung war nie eine einfache Sache“, erklärt Dr.

Jürgen Holtkamp im Gespräch mit den Streiflichtern. Der dreifache Familienvater, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Bistum Münster und Publizist, geht in seinem aktuellen Buch (Das Erziehungschaos) der Frage nach, was Kinder heute brauchen. In einem weiteren Buch aus der Reihe „Familie ist lebenswert“ gibt er Tipps, wie Eltern ihren Kindern den richtigen Umgang mit Medien erklären.

„Ich wollte keinen weiteren Erziehungsratgeber schreiben und Tipps geben, wie Kinder durchschlafen oder wie sie zum Überflieger in der Schule werden, davon gibt es ja nun reichlich.“ Der promovierte Erziehungswissenschaftler richtet seinen Blick auf die Eltern – wissend, dass die Eltern selbst uneins hinsichtlich Werte, Normen und ihrer Erziehung sind.

Beschäftigung mit

Sinus-Studie und -Modell

Seit Jahren setzt sich Holtkamp mit dem vom Sinus-Institut in Heidelberg entwickelten Sinusmodell auseinander. Das Modell beschreibt die Gesellschaft nach Einkommen, Bildung und Grundorientierung, eben den Werten, nach denen Menschen handeln und sich verhalten. „Es gibt Eltern, die sind sehr streng mit ihren Kindern, da müssen die Kinder erst Schulaufgaben machen und dürften dann vielleicht eine halbe Stunde fernsehen. Andere Eltern greifen weniger in die Erziehung der Kinder ein, da dürfen schon Siebenjährige den rasanten Actionfilm ansehen und bestimmen selber, wann sie schlafen gehen“, erklärt Holtkamp.

Das Sinus-Institut lokalisiert in Deutschland zehn Milieus. Es gibt Menschen, denen ist Pflicht und Ordnung wichtig, sie finden es anstößig, wenn im Fernsehen laufend Menschen nackt gezeigt werden, andere können darüber nur schmunzeln, finden den harten Actionknaller oder den Erotikfilm am späten Abend super.

Menschen in den Milieus unterscheiden sich nicht nur in der Art und Weise, wie sie das Wohnzimmer einrichten, wo und wie sie den Urlaub verbringen, sondern auch darin, welche Medien sie nutzen.

Dr. Holtkamp zeigt, wie unterschiedlich Eltern in den Milieus ihre Kinder erziehen und das mit weitreichenden Folgen: „Wenn Kinder morgens ohne Frühstück zur Schule kommen, weil die Eltern noch im Bett liegen, dann hat das massive Auswirkungen nicht nur hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit. Andere Eltern würden es nie zulassen, wenn ihre Kinder Sendungen wie das Dschungelcamp oder Big Brother ansehen.“

Das Problem bestehe darin, dass es zwei Milieus (Hedonisten und Prekäre) gibt, in denen die Eltern eher mit der Erziehung überfordert sind. „Besonders Kinder aus dem Milieu der Hedonisten spielen überdurchschnittlich Ballerspiele (Ego-Shooter) oder sind überproportional ohne Schulabschluss“, referiert Holtkamp die Sinus-Studie.

Abhilfe kann nur ein „Masterplan Bildung“ geben, so der Autor. So fordert er Kindergärten und Schulen auf, sich mehr als bisher mit den „hedonistischen Kindern“ auseinanderzusetzen.

„Bereits im Kindergarten fallen diese Kinder auf. Die Verhaltensweisen und Regeln in ihrem Elternhaus sind andere als im Kindergarten, das verunsichert diese Kinder massiv, reagieren häufiger aggressiv. Erschwerend kommt hinzu, dass die Eltern aus dem Milieu der bürgerlichen Mitte diese Kinder in der Regel nicht als Spielkameraden für ihre eigenen Kinder wünschen, sie orientieren sich lieber an den sozial höheren Milieus, der Tochter des Bankdirektors oder dem Sohn des Arztes.“

Die Gefahr, die er sicht, besteht darin, dass diese Kinder zusehends ausgegrenzt werden. Doch wer glaubt, nur die „Unterschicht“ habe Erziehungsprobleme, dem erteilt Holtkamp eine klare Absage. „Es gibt in allen Milieus Erziehungsprobleme, auch bei finanziell betuchten Eltern, nur fallen diese bei den Jugendämtern in der Regel nicht auf“, erklärt der Experte. Wer mit dem Autor Kontakt aufnehmen möchte, kann das auf der eigens dazu eingerichteten Facebookseite (Erziehung + Medien) tun.

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