Hineinhören in die estnische Seele

Maria und Heinz Wansing erlebten in Tallinn das  große Jubiläums-Liederfest

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Schon mehrere Male sind Maria (von links) und Heinz Wansing aus Dülmen nach Estland gereist – der Heimat ihrer Schwiegertochter Ann. Im Juli besuchten beide das große, alle fünf Jahre stattfindende Liederfest in der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Dülmen/Tallinn. 1020 Gruppen mit über 32000 Sängerinnen und Sängern machten im Juli das alle fünf Jahre stattfindende Sängerfest in der estnischen 400000-Einwohner-Hauptstadt Tallinn zu einem der größten Gesangsveranstaltungen weltweit. 

Unter den geschätzt rund 90000 Besuchern des Festes waren auch Maria und Heinz Wansing aus Dülmen. „Es war ein einzigartiges Erlebnis – sagenhaft“, sagen die beiden im Rückblick auf die Veranstaltung, die auf eine große Tradition blickt: Vor 150 Jahren, 1869, fand das erste große Sängerfest in Estland statt.

Das Liederfest ist Teil einer viertägigen Großveranstaltung. „Am ersten Tag fand ein großes Tanzfestival statt, bei dem rund 700 Tanzgruppen in regionalen Trachten auftraten. Auch viele junge Leute waren da zu erleben – beeindruckend“, meint Maria Wansing, die als Leiterin von Tanzgruppen die Tanzdarbietungen nicht nur mit einem „laienhaften“ Blick verfolgte. Am zweiten Tag schlängelte sich ein großer Trachtenumzug durch Tallinn. „Mit einer ungeheuren Vielfalt an unterschiedlichen traditionellen Trachten.“

Hunderte Tänzerinnen und Tänzer – auch ganz viele junge – wirkten bei dem Tanzfestival mit.

Am dritten Tag dann versammelten sich die Zehntausenden Sänger und Besucher auf dem großen Gesangsfeld. Von 14 bis nach 21 Uhr erstreckte sich diese Veranstaltung, bei der nicht nur die Gruppen auf der Bühne sangen, sondern auch viele Besucherinnen und Besucher gegenüber der Bühne vielfach mit einstimmten. Große Lautsprecheranlagen verbreiteten den vollen Klang aus der mächtigen Musikmuschel über das große Areal.

So stellte sich für Maria und Heinz Wansing beim großen Liederfest in Tallinn der Blick auf die mächtige Musikmuschel dar (das Weiße im Bild ist die meterhohe Dirigenten-Kanzel) ...

„Für uns war es natürlich kaum möglich, bei den estnischen Liedern mitzusingen – die Sprache ist einfach zu schwer“, schmunzeln Maria und Heinz Wansing. Aber allein das Zuhören und Erleben waren von ganz besonderer Art. Gut nachvollziehbar, dass die Unesco die baltischen Sängerfeste – auch in Litauen und Lettland gibt es ähnliche Gesangsgroßveranstaltungen – vor 16 Jahren als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt und 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit überführt hat.

... und so der Blick nach hinten auf die Tausenden Besucher.

Vielen der rund 1,4 Millionen Estländer sind zahlreiche der Lieder gut geläufig. Nicht von ungefähr, denn in ihnen spiegelt sich ein großes Stück der kulturellen Identität der Balten, und viele der Lieder haben Texte, in denen von der Liebe zum Vaterland die Rede ist. „In Brüssel leben mehrere hundert Menschen mit estnischen Wurzeln. Viele von ihnen proben die Lieder aus ihrer Heimat, vor allem vor den großen Sängerfesten. Dann kommt ein Chorleiter aus Estland eigens nach Brüssel geflogen, um dort estnisches Liedgut mit den Landsleuten in Brüssel einzustudieren“, berichten Maria und Heinz Wansing.

An verschiedensten Stellen in Tallinn begegneten Maria und Heinz Wansing während des Liederfestes Esten in Trachten.

Sie wissen das, weil Sohn Ansgar zusammen mit seiner aus Estland stammenden Frau Ann und den gemeinsamen vier Söhnen in Brüssel wohnt. „Teilweise nehmen unsere Brüsseler Enkel im Sommer an Feriencamps in Estland teil. Und im Treppenhaus bei Ansgar und Ann ist eine Tapete an der Wand mit einem Streifenmuster, wie es auf Trachtenröcken in Estland üblich ist“, so Maria und Heinz Wansing. Jedes Dorf in Estland hat ein eigenes Streifenmuster. Für Maria und Heinz Wansing, die im Mai noch zu einer Geburtstagsfeier in Brüssel weilten, war es von daher ein bekanntes Bild, als sie beim Sängerfest in Tallinn die verschiedensten Streifen-Trachtenröcke erlebten.

Und auch die estnische Gesangskultur war ihnen bereits bekannt. „Als Ansgar und Ann im Sommer 2005 in Estland geheiratet haben, wurde auch viel gesungen. Teilweise mit estnischen Texten auf Melodien, wie wir sie auch in Deutschland kennen – etwa ,In München steht ein Hofbräuhaus’“, erinnern sich Maria und Heinz Wansing.

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Singende Revolution

Um für die Unabhängigkeit der baltischen Staaten zu demonstrieren, bildeten vor 30 Jahren, am 23. August 1989, rund zwei Millionen Menschen eine 600 Kilometer lange Menschenkette von Tallinn (Estland) über Riga (Lettland) nach Vilnius (Litauen) und sangen. Bereits ein Jahr zuvor, 1988, hatten Tausende Menschen in Estland in Straßen und Parks die seitens der UdSSR verbotene estnische Nationalhymne gesungen – eine markante Station der „Singenden Revolution“. 1991 erkannte Russland die Unabhängigkeit der baltischen Staaten an, die 2004 Mitglied der Europäischen Union und der NATO wurden.

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