Hans Neteler schildert die politischen Entwicklungen seiner Zeit

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Hans Neteler mit seinem Buch, in dem er seine Lebensgeschichte vor dem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund schildert.

Dülmen/Kreis Coesfeld. Wie war das, als von Galen zum Kardinal ernannt wurde – wie ging seine Reise nach Rom, wie danach nach Merfeld? Hans Neteler beschreibt es in seinem zweiten Buch, das er unter dem Titel „Eine Episode 1930-2015“ herausgebracht hat. Untertitel: „Die geschichtliche Entwicklung, meine Betrachtungen und Erlebnisse in einer bewegten Zeit“. Auf 112 Seiten schildert der Wahl-Lüdinghauser darin seinen Lebenslauf und nimmt den Leser dabei mit in seine Heimat in Südoldenburg – nach Dinklage im Kreis Vechta, wo auch Kardinal von Galen geboren wurde und damit einer der bekanntesten Widersacher der Nationalsozialisten. Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass so jemand wie Hitler an die Macht kam?

Diese Frage vor Augen, zeichnet Hans Neteler in seinen Lebenserinnerungen die politische Situation in Deutschland vor, zu und nach dem Ersten Weltkrieg nach und auch die Zeit der Nationalsozialisten – und kommt im Laufe des Buches zu der Feststellung, dass es keine Kollektivschuld der Deutschen gebe.

Wohl aber viel individuelle Schuld. Und: Angesichts von dreißig (!) Prozent Arbeitslosigkeit im Jahr 1932 – absolut: 6,2 Millionen Menschen – „habe ich Verständnis dafür, dass etwa ein Familienvater, arbeitslos, mit hungernden Kindern und ohne Perspektive auf bessere Zeiten, die Braunen wählte. Er kannte wohl nicht ,Mein Kampf’“, schreibt Hans Netelerer – und hebt hervor: Im katholischen Dinklage und Südoldenburg hatte die NSDAP bei den demokratischen Wahlen nie mehr als 13 Prozent der Stimmen. „Die Not der Deutschen hat das Volk in die Arme von Hitler getrieben, nicht zuletzt durch den Versailler Vertrag. In der Zeit vor 1929, als es Deutschland wirtschaftlich einigermaßen gut ging, hatten weniger als drei Prozent die Hitlerpartei gewählt.“

Er betrachtet die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte und die Katastrophe der Naziherrschaft für Deutschland und speziell die kirchlichen Gruppen und Strukturen wie etwa die Orden aus der Sicht eines im Glauben verwurzelten Christen. Das „katholische Milieu“, wie Soziologen sagen, ist ganz deutlich die Herkunft von Hans Neteler. Er wächst als jüngstes von sechs Kindern auf einem zehn Hektar großen Pachthof mit Pferden, Kühen, Schweinen, Hühnern und Gänsen auf; sein Vater verdient Geld hinzu, indem er Milch von den Bauern in Milchkannen zur Molkerei fährt.

Seine Jugend schildert Hans Neteler anschaulich, das Leben auf dem Hof und in der Familie, wie Zwangsarbeiter behandelt wurden, wie er dazu kam, eine Molkereiausbildung zu machen – die er in der Spät- und Nachkriegszeit erlebt. „Mein Lehrherr verlor in den letzten vier Monaten des Krieges drei seiner Söhne“, schreibt Hans Neteler – und berichtet davon, dass den Nazis missliebige Zeitgenossen, sofern sie Soldat waren, an die vorderste Front und damit oft direkt in den Tod kommandiert wurden. „Auch so konnte man sich der Widersacher entledigen.“ Er schildert, wie sein Vater mit einem Kartoffelsack an der Straße stand und handvollweise Kartoffeln an die Hamsterer verteilte. „Ich danke meinen Eltern für das Vorleben sozialen Lebens – und dass sie mir die Augen dafür geöffnet haben.“

Nach seiner Ausbildung und zweijähriger Handelsschule sammelt Hans Neteler in verschiedenen Molkereien berufliche Erfahrungen: ein Jahr lang in der Molkerei Peheim, dann 1952 ein Jahr in der Molkerei Lüdinghausen, wo die Junggesellen Unterkunft und Verpflegung in der Molkerei hatten. 1953 wechselte er zur Molkerei in Beverungen im Kreis Höxter, später nach Bielefeld. 1956 absolvierte er die Meisterprüfung.

Hans Neteler heiratete „erst spät“, wie er schreibt, mit 31 Jahren und wohnte erst in Datteln, dann seit 1974 in Lüdinghausen. In all den Jahren als Junggeselle waren ihm die Kolpingsfamilien in den verschiedenen Orten eine Heimat – und er schildert auch, was das Leben in den Kolpingsfamilien prägte und ausmachte. Dort entwickelte er auch sein politisches Denken und sein politisches Engagement.

So konnte er später nicht anders, als 1985 Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle einen Brief zu schreiben und ihn mit der massenhaften Überproduktion von Milch, Butter und Milchpulver zu konfrontieren. Nach seiner Molkereikarriere war Hans Neteler nämlich zum Bundesamt für Ernährung und Forstwirtschaft mit Sitz in Frankfurt/Main gegangen und war über lange Jahre im Außendienst tätig – also hautnah dran an den Folgen der Landwirtschaftspolitik in Deutschland und Europa. Vor Gericht kämpfte er auch für bessere Arbeits- und Gehaltsbedingungen – wovon neben ihm selber auch eine Reihe seiner Kollegen dann profitierten.

Wer eine aufschlussreiche Lebensgeschichte nachvollziehen möchte (seine Kindheit hat Hans Neteler im Buch „Mein Elternhaus ,Antken’“ geschildert) und an Details der vergangenen Jahrzehnte Interesse hat, Dinge und Sachverhalte erfahren möchte, die man häufig nicht „auf dem Schirm“ hat, wird in Hans Netelers Buch fündig. Seine Beurteilungen sind stets sachlich unterfüttert, und bei der Lektüre atmet man die Atmosphäre der jeweiligen Epoche. Sein Buch gibt es im örtlichen Buchhandel – auch in Dülmen.

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