Heißes Eisen und eine Teigkugel

Gelebte Tradition aus dem Münsterland: „Piepkuchenbacken“

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Erinnerungsfoto an einen schönen Abend am heißen Herdfeuer: Von links Andrea, Niklas und Georg Schulze Bremer, Kornelia Pölling, Rilana Brocks, Rainer Pölling, Thomas und Yvonne Springeneer (vorne) und Gisbert Pölling (hinten). Es fehlt auf dem Foto Marco Brocks.

Dülmen. Tradition kann auch schon mal schweißtreibend sein. Vor allem, wenn sie mit offenem Feuer zu tun hat. Wie beim ganz klassischen „Piepkuchenbacken“, das es seit Jahrhunderten auf Bauernhöfen im Münsterland gibt und den Namen daher hat, dass durch austretenden Dampf manchmal beim Backen ein „Piepen“ zu hören ist. Wie das „Piepkuchenbacken“ vonstatten geht, das erlebten Dülmener und Roruper jetzt bei Thomas und Yvonne Springeneer in Welte.

Die beiden hatten rund um Weihnachten 2018 „Piepkuchen“ gebacken und die Waffeln dann an einige Verwandte, Freunde und Bekannte verschenkt. „Wir hatten das Piepkuchen-Eisen hier oben auf dem Balken gefunden, uns ein Rezept für den Teig besorgt und dann bei uns am Herdfeuer gebacken – eine ziemlich schweißtreibende Sache“, berichtet Thomas Springeneer. „Wenn man das 20 Minuten gemacht hat, muss man erstmal Pause machen – die Hitze des Feuers ist einfach ziemlich groß.“

Treffen entstand aus einer Wette heraus

Wie groß, das erlebten einige Dülmener und Roruper jetzt im Januar bei einem gemeinsamen Abend rund ums Herdfeuer des 1931 errichteten Bauernhauses. „Wir kennen uns vom Glasfaser-Projekt hier“, so Thomas Springeneer. Bei einem Treffen ergab ein Wort das andere – und schon war eine Wette rund um den Fahrplan der Deutschen Bahn mit Fokus auf die Verbindungen von hier nach Stuttgart geboren. „Die Wette habe ich gegen Rainer Pölling verloren“, schmunzelt Thomas Springeneer, der beruflich beim Landeskontrollverband Nordrhein-Westfalen e.V. tätig ist und in mehreren Orten des Kreises Coesfeld regelmäßig die Leistung von Milchkühen überprüft. Wettschulden sind Ehrenschulden – und so ergab sich, dass Thomas Springeneer zu sich zum „Piepkuchenbacken“ einlud.

Teig muss für Formbarkeit gekühlt werden

„Es gibt verschiedene Teigrezepte – auch unter anderem mit Anis. Unser Teig heute aber nicht. Darin sind Zucker, Butter, Milch, Mehl, Zimt, Koriander, Nelke und Muskat“, erklärt Yvonne Springeneer. Damit der Teig formbar ist, kam er für ein paar Stunden in den Kühlschrank, so dass er in walnussgroße Kugeln gedreht werden konnte.

Eingefettet wird ab und an mit einer Speckschwarte

Als die Gäste da sind, demonstriert Thomas Springeneer, wie das mit dem „Piepkuchenbacken“ funktioniert: Erst wird das Eisen zum Backen ins Herdfeuer gehalten, damit es auf Temperatur kommt. Nach ein paar Momenten werden die Backflächen – wie immer mal wieder im Verlauf des Abends – mit einer Speckschwarte eingefettet, und eine Teigkugel wird auf eine Fläche des Piepkuchen-Eisens gelegt. Die Backzange wird geschlossen, und dann heißt es, die Zange für eine Zeitlang ins Feuer zu halten. „Etwa 20 Sekunden – dann ist der Piepkuchen fertig“, nennt Thomas Springeneer eine Faustformel. Weil die Griffe der Piepkuchen-Backzange aus Metall sind und gut Temperatur annehmen, geht kein Weg an gefütterten Lederhandschuhen vorbei. Außerdem sind lange Arme nützlich – umso mehr Entfernung vom Feuer ist möglich. Das ist gut, denn auch die Schienbeine nehmen ziemlich gut wahr, welche Hitze vom Herdfeuer ausstrahlt.

Variante „Backeisen in die Glut“

„Es gibt Herdfeuer, bei denen sich unten ein Rost befindet. Bei diesen Herdfeuern kann man das Kucheneisen in die Glut stecken“, erklärt Thomas Springeneer. „Bei uns haben wir so einen Rost nicht – daher halten wir das Eisen direkt ins Feuer.“ Eine kleine Erleichterung gibt es aber – ein Stahlgehänge am Feuer, in das die Zangenseite des Backeisens eingehängt werden kann. Und so schaffen es an dem Abend mehrere, eine ganze Reihe „Piepkuchen“ lang nacheinander die Backzange zu bedienen. Nach und nach füllen sich die Teller mit den Piepkuchen-Waffeln, und gerne wird auch verkostet. Zur Stärkung gibt’s diverse Getränke und mit Käse überbackene Brötchenhälften mit Gehacktem.

Es gibt auch Backeisen mit Familienwappen

„Unser Piepkuchen-Eisen hat eine ganz normale Waffelprägung. Anderswo gibt es Waffeleisen mit ganz individuellen Motiven, beispielsweise mit Familienwappen. Oder es werden Kindernamen mit Geburtsdaten in die Backflächen eingearbeitet“, so Thomas Springeneer. Im Kreis Steinfurt sei das Piepkuchenbacken recht stark verbreitet. „Auf dem ein oder anderen Hof brennt um Neujahr herum das Herdfeuer von morgens bis nachts. Etliche Verwandte kommen, bringen eigenen Teig mit und backen im Feuer ihre Neujahrskuchen, um sie dann dann mit nach Hause zu nehmen.“ Gelesen hat er das vor kurzem im „Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben“. „Da war auch davon die Rede, dass der Heimatverein Burgsteinfurt allein in Burgsteinfurt und den zugehörigen Bauerschaften über tausend solcher Kucheneisen verzeichnet hat“, so Thomas Springeneer. Willkommenes Geschenk zu Hochzeiten „Das älteste Kucheneisen dort stammt aus dem Jahr 1662 – mit einem Blumenmotiv auf der einen Zangenseite und auf der anderen Zangenseite den Namen des Hochzeitspaares, das das Eisen wohl als Geschenk bekommen hat.“ Da solche Kucheneisen ein willkommenes Hochzeitsgeschenk gewesen seien, habe sich auf Höfen mitunter eine ganze Reihe solcher Kuchenzangen angesammelt.

Feuer unterm Wappen von Croÿ

Ein Wappen zeigt das Kucheneisen auf dem Hof Springeneer nicht – dafür gibt es eine gusseiserne Platte über dem Herdfeuer mit einem Wappen. „Das herzogliche Wappen von Croÿ. In der Region Dülmen gibt es vielleicht mehrere dieser croÿ’schen Herdfeuer-Gussplatten“, erklärt Thomas Springeneer. Denn der landwirtschaftliche Betrieb gehörte bis vor einiger Zeit zum herzoglichen Eigentum. „Mein Papa bewirtschaftete den 25-Hektar-Pachthof. Später konnten wir dann die Hofstelle käuflich erwerben“, so Thomas Springeneer. Der Abend mit traditionellem Piepkuchenback-Brauch und ein wenig Heimatkunde – bis in die frühen Morgenstunden geht’s am Herdfeuer gemütlich zu. „Es hat Spaß gemacht“, ist Thomas Springeneer gar nicht so unglücklich darüber, was sich aus seiner verlorenen Wette so entwickelt hat.

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