Zukunft der evangelischen Kirche 

Evangelischer Superintendent Joachim Anicker benannte Zahlen und Entwicklungen

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Als kleines Dankeschön überreichte Pfarrer Peter Zarmann (rechts) eine Kerze an Superintendent Joachim Anicker dafür, dass er sich die Zeit für den Termin genommen hatte.

Dülmen/Kreis Coesfeld. Welche Zukunft hat die evangelische Kirche? Wie sehen Visionen für die Kirche von morgen und übermorgen aus? Diese Fragen standen über dem jüngsten Termin vom „Treffpunkt Gemeindezentrum“ – ein Veranstaltungsformat der Evangelischen Kirchengemeinde Dülmen, das sich seit 22 Jahren mit gesellschaftlichen Fragen, mit den Weltreligionen und manchem mehr beschäftigt, wo aber auch schon mal Eis- oder Pizza-Essen auf dem Plan steht.

Am 29. Oktober hieß Pfarrer Peter Zarmann als Referenten Joachim Anicker, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken, willkommen – und auch Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Coesfeld, mit der seit einiger Zeit eine Gemeindekooperation besteht. „2005, als ich Superintendent wurde, gab es bei der Landeskirche einen Schock: Das finanzielle Loch war so groß, dass der Grund nicht mehr zu sehen war. Es stellte sich heraus, dass bei der Landeskirche von Westfalen 430 Theologen über den Bedarf eingestellt worden waren.“ Wobei Bedarf stets in Verbindung mit den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln zu sehen ist.

So betrugen die Gesamtkosten einer Pfarrstelle vor 15 Jahren noch rund 80 000 Euro. „Heute rechnen wir mit 110 000 Euro pro Stelle, und pro Jahr erhöht sich der Betrag um 3 000 bis 4 000 Euro. Das ist nicht nur das Gehalt – in diese Berechnung fließen vielmehr auch Aufwendungen für Pensionen und Altersvorsorge und Krankheitskosten hinein“, so Joachim Anicker.

Angesichts dieser Kostenentwicklung und der prognostizierten Kirchensteuereinnahmen werde sich der Zuweisungsschlüssel in der Landeskirche ändern: Von – vor 15 Jahren – noch 2 100 auf aktuell 3 000 Kirchenmitgliedern pro Pfarrerstelle werde sich dies auf 3 800 Mitglieder pro Pfarrerstelle im Jahr 2030 weiterentwickeln.

Pfarrer Peter Zarmann illustrierte das am Beispiel Dülmen: „2004 waren wir dabei, den Antrag für eine vierte Pfarrerstelle zu verfassen. Mittlerweile haben wir 2,0 Pfarrerstellen hier in Dülmen besetzt – verteilt auf drei Personen“, so Peter Zarmann.

Mit Blick auf die Finanzen werde sich die Zahl der Pfarrerstellen bis 2030 auf die Hälfte des Stands von 2013 reduzieren. Das bedeute für den Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken einen Bestand von rund 20 Pfarrerstellen 2030.

Ab da werde sich ein trete dann noch ein anderer Effekt ein: „Selbst die Pfarrerstellen, die wir dann noch werden finanzieren können, werden wir nicht mehr besetzen könne, weil nicht genügend junge Leute evangelische Theologie studieren und sich zu Pfarrer ausbilden lassen“, so Joachim Anicker. Vom Studienbeginn bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Theologe eine Pfarrerstelle übernehmen könne, vergingen zehn Jahre.

Wie darauf reagieren? Joachim Anicker nannte drei Wege: Zum einen Hauptamtliche stärken mit Fortbildungen, auch im Bereich Gemeindemanagement. Zum anderen Nachwuchs werben – also junge Menschen, die evangelische Theologie studieren. Und drittens stärker als bisher Ehrenamtliche bei der Gemeindearbeit integrieren und Prädikanten – Personen, die im Predigtdienst mitwirken und Gottesdienste mitgestalten – gewinnen. „Aktuell haben wir 40 Prädikanten im Kirchenkreis. Mein Ziel ist, dass wir künftig pro Gemeinde zwei Prädikanten haben“, so Joachim Anicker. Ein Jahr dauere die Schulung zum Prädikanten; die Prädikanten-Ausbildungs-Kapazitäten seien zuletzt verdoppelt worden.

„Ich staune über die Motivation der Prädikanten und derjenigen, die es werden möchten“, so Joachim Anicker, der vor seiner Wahl zum Superintendenten von 1987 bis 2005 Pfarrer in Rhede gewesen war.

Es gehe in Zukunft auch darum zu schauen, in welchen kirchlichen Bereichen unbedingt Pfarrer tätig sein müssten. „Es gibt Aufgaben, die sehr gut auch von Seiteneinsteigern, die dann begleitet werden, übernommen werden können“, so Anicker.

Wie es gelingen könne, Menschen, die tief regligiös sind, aber keinen Bezug mehr zur Kirche haben, für eine Mitwirkung in den Gemeinden zu gewinnen – „da bin ich auch ratlos“, räumte Anicker ein.

Gut seien neuartige Veranstaltungen wie etwa die „Nacht der Kirchen“, bei denen Kirche mal etwas anders als üblich erlebt werden kann. Aber auch andere Formate, an denen Gemeinschaft gelebt werden kann. „Wir müssen Räume eröffnen zum Austausch, das passiert in der Tat zu wenig“, so Anicker, der Kirche auch als „Tankstelle“ sieht: „Wir kriegen hier etwas – das gute Wort Gottes, sein Zuspruch.“ „Wir müssen uns gegenseitig mehr vertrauen und zutrauen und im Glauben sprachfähig werden“, meint Pfarrer Peter Zarmann, der eine zweigeteilte Entwicklung ausmacht: „Auf der einen Seite verzeichnen wir in Dülmen bei unseren rund 7 000 Gemeindemitgliedern in diesem Jahr mit bisher 68 Kirchenaustritten einen Rekord – und gleichzeitig steigt die Zahl unserer sonntäglichen Gottesdienstbesucher. Sie liegt bei rund 130 bis 140.“

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