Erste Dülmener Realschulabsolventen:  Treffen nach 50 Jahren am 25. Mai

+
Die ersten Absolventen der Jungen-Realschule Dülmen am Tag ihres Schulabschlusses: untere Reihe von links Stefan Wewers, Dieter Könning, Dieter Busch, Norbert Winkler, Werner Brockmeier, Bernd Laube und Manfred Fischer. Mittlere Reihe von links Norbert Müther, Bernhard Suttrup, Bernhard Vasmer, Bernhard Beerhorst, Helmuth Koch, Wilfried Niklasch und Robert Kleine. Hinten von links zu sehen sind Hubert Balster, Hans-Dieter Höltker, Josef Wesselmann, Heinz Hoppe, Peter Coo, Hermann-Josef Brosthaus, Franz Korte, Heinz Kerner, Erich Mischer und Eckhard Löbbert.

Dülmen. 50 Jahre nach ihrer Entlassung aus der Dülmener Jungen-Realschule kommen 17 der damals 24 ersten Absolventen der Schule am Samstag, 25. Mai, zum ersten Mal seit ihrem Schulabschluss zu einem großen Wiedersehen zusammen. „Zusammen mit Mitschülern, die nicht mit uns Abschluss hatten, werden wir 20 Personen sein und im Haus Sternemann sicher ein paar schöne Stunden verleben“, sagen Helmuth Koch und Norbert Winkler, die dieses Treffen organisiert haben.

Nach einer Suppe geht es zunächst mit einem Bus durch Dülmen zu den verschiedenen Schulstandorten, in denen die Schüler in den 1960er Jahren unterrichtet wurden. „Wir hatten damals kein eigenes Schulgebäude und sind gewandert: Erst hatten wir zwei Jahre im Keller der Kardinal-von-Galen-Schule – im Werkraum – Unterricht, später dann von 1966 bis 1969 im Lehrerzimmer der neu gebauten Augustinus-Schule. Dort bekamen wir auch unsere Abschlusszeugnisse“, so Helmuth Koch und Norbert Winkler.

„Aus uns allen ist etwas geworden – trotz der widrigen Umstände“, meint Norbert Winkler, der nach einer Ausbildung bei der Baufirma Kirschner an der Fachhochschule Architektur studierte und bis heute – wenn auch nicht mehr vollzeit – als selbstständiger Architekt arbeitet. Helmuth Koch, der mit ihm zusammen das Wiedersehen organisierte, wurde Sparkassenbetriebswirt und ist inzwischen im Ruhestand. Andere Mitschüler wurden beispielsweise Stadtarchivar, Meteorologe, Verwaltungs-Amtsleiter, Prokurist großer Geldinstitute oder Schulleiter.

Helmuth Koch (links) und Norbert Winkler (rechts) zählten zum ersten Jungen-Realschuljahrgang in Dülmen. Die beiden Dülmener haben jetzt ihre früheren Mitschüler eingeladen zu einem ersten großen Wiedersehen An dem Treffen nimmt auch Georg Meyer (Mitte) teil, der den Jahrgang ab 1965 in Deutsch und Geschichte unterrichtete und später die Leitung der Schule übernahm.

„Wirklich unglaublich, was aus den Leuten geworden ist. Ich bin stolz auf meine ehemaligen Schüler“, sagt Georg Meyer, der ab 1965 die Jungenrealschüler in den Fächern Deutsch und Geschichte unterrichtete und sich gut erinnert: „Es war ein Wunder: Ich kam aus Oberhausen, wo ich in einer Realschule mit Mädchen- und Jungenklassen gearbeitet habe – und jetzt war ich in Dülmen und erlebte, dass die Schüler auch wirklich machen, was man sagt“, lacht der 87-Jährige im Rückblick. „Es war – bis auf zwei, drei Schüler – eine brave Klasse.“

Eine Klasse, die es so nicht gegeben hätte, wenn die Bundeswehr nicht nach Dülmen gekommen wäre. „Es gab damals in Dülmen Volksschulen, das Gymnasium und die Mädchenrealschule in kirchlicher Trägerschaft. Um den Kindern der Soldaten schulische Möglichkeiten zu eröffnen, forderte die Bundeswehr, dass es auch eine Jungenrealschule geben müsse, erklärte mir vorige Tage noch Dr. Hans Lemmen, unser früherer Stadtdirektor“, so Georg Meyer.

Die Kirchengemeinde St. Viktor erklärte sich zur Trägerschaft einer Jungenrealschule bereit, und so startete die Schule 1964. Ein paar Jahre später schloss die Kirchengemeinde St. Viktor die Schule – die Schüler wurden in die neu gegründete Städtische Realschule übernommen; Georg Meyer übernahm die Leitung der Realschule.

„Es war schulisch eine bewegte Zeit“, so Georg Meyer, der für die Jubiläumsschrift zum 25-jährigen Bestehen der Hermann-Leeser-Schule 1998 einen längeren Beitrag verfasst hatte, der auch auf www.streiflichter.com nachzulesen ist.

Auch vor dem Hintergrund, dass die Bundeswehr die Gründung einer zweiten Realschule in Dülmen nötig machte, werden die Ex-Realschüler am 25. Mai auch die frühere St.-Barbara-Kaserne besuchen, aber auch den Gecko der Automanufaktur Wiesmann. „Das Wetter wird bestimmt gut – es ist ja Wildpferdefang, also Herzogswetter“, schmunzelt Helmuth Koch.

_____________

Georg Meyer hat die Geschichte der zweiten Realschule in Dülmen in einem Beitrag dargelegt, der 1998 in der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Hermann-Leeser-Realschule erschienen ist. Im Folgenden die wörtliche Wiedergabe des Textes von Georg Meyer: 

Aus der Schule geplaudert 

Erinnerungen des ersten Schulleiters der Hermann-Leeser-Realschule 

Ich wurde gebeten, für eine Festschrift zum Jubiläum der Hermann-Leeser-Schule die Geschichte der Anfänge dieser Schule niederzuschreiben. 

Wie kann ich als einer, der nicht nur am Rande die Geschichte der Hermann-Leeser-Schule erlebt und beobachtet hat, die Geschichte dieser Schule schreiben? Ich habe schließlich einmal Geschichte studiert und unterrichtet, und ich weiß und habe es auch zu vermitteln gesucht: Wer mitten im Geschehen steht, kann keine objektive Sicht haben, keine gesicherte Darstellung der Wirklichkeit geben. 

Aber er muß nicht schweigen. Im Gegenteil, seine Sicht der Dinge ist wichtig, manchmal sogar notwendig, sonst würde ein ganz falsches Bild entstehen. Ich will versuchen, die Erinnerung an die ersten zwei Jahrzehnte der Geschichte der Hermann-Leeser-Schule festzuhalten, wie ich sie im Gedächtnis behalten habe, wie sie in Akten der Schule, des Stadtarchivs, des Verwaltungsarchivs, besonders aber des Schulverwaltungsamtes nachprüfbar festgelegt sind, soweit sie vermutlich von Interesse sind. 

Bevor ich zur Geschichte der Schule komme, ist noch eine kurze Vorgeschichte festzuhalten, denn die Schule, die vor 25 Jahren ihre Arbeit aufnahm, hatte eine Vorläuferin: die Private Realschule für Jungen. Diese Private Realschule für Jungen war ein Ableger oder auch gleichsam ein Gegenstück der Marienschule, die damals eine Realschule für Mädchen war. Träger dieser Privaten Realschule für Jungen war die Kirchengemeinde St. Viktor, sie wurde 1964 gegründet. 

Diese Schule litt unter einem Mangel: Sie hatte kein eigenes Schulgebäude. Sie war in den ersten zwei Jahren als Gast untergebracht in der Kardinal-von-Galen-Schule, später in der Augustinus-Schule; als auch dort der Platz knapp wurde, in Pavillons auf dem Schulhof. Der kirchliche Träger beabsichtigte, das freiwerdende Gebäude des Gymnasiums von der Stadt Dülmen zu kaufen, um die Schule hier unterzubringen, denn das Clemens-Brentano-Gymnasium zog 1973 in das neuerbaute Schulzentrum um. 

Die Stadt Dülmen und das Bistum Münster waren sich einig, der Kaufpreis war schon festgelegt. Aber der damalige Schulleiter wehrte sich heftig gegen diese Regelung, niemals werde die Realschule in das alte Gymnasium ziehen. 

Wer den damaligen Zustand des Hauses noch in Erinnerung hat, dem ist eine solche Einstellung nicht ganz unverständlich. 

An dieser Stelle muß eine kurze Geschichte des Schulgebäudes eingeschoben werden. 

Zur Geschichte einer Schule gehört nach meiner Auffassung auch die Geschichte des Schulgebäudes. Das Leben der Schule wird auch vom Hause der Schule geprägt. Und dieses Gebäude, das für viele Dülmener immer noch das "Alte Gymnasium" ist, hat eine höchst interessante Geschichte. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Dülmen ein Landstädtchen, aber eine blühende Textilindustrie und Handel und Handwerk neben der Landwirtschaft haben in dem lange armen Städtchen eine Schicht wohlhabender Bürger entstehen lassen, die für ihre Kinder eine "standesgemäße" Schule fordern. Der preußische Staat hält das für unnötig, die Dülmener in guter westfälischer Nun-erst-recht-Tradition beschließen, auch ohne Unterstützung des Staates die Schule zu gründen und auf eigene Kosten zunächst ein Schulgebäude zu errichten. Man hat ja gerade erstmals - gemeinsam und geteilt mit Coesfeld - einen Städtischen Baurat angestellt, den in Weimars Bauakademie, der damals wohl modernsten Architektenschule, ausgebildeten Hermann Wolters, der also als Schüler des berühmten Henry van de Velde gelten muß. 

Und Hermann Wolters entwirft ein Haus, das selbst nach allen Zerstörungen und Umbauten, Renovierungen und Änderungen als städte- und schulbauliche Kostbarkeit Anerkennung verdient. Es steht vor den Toren der Stadt, seine Fassade mit dem markanten Turm zeigt der Stadt selbstbewußt: Hier ist ein Bauwerk, das - wie Kirchen und Rathaus - wichtig ist, Gewicht hat. Es zeigt den Bürgern täglich: Bildung ist wichtig! 

Und man darf an dieser Stelle sicher einmal anmerken: In Dülmen haben die Bürger diese Botschaft verstanden - die meisten jedenfalls. 1912 war der Entwurf des Baus fertig. 1914 war der Bau fast fertig, als der Erste Weltkrieg begann. Und was nicht begann, war Schule. 

Die erste Nutzung des Schulgebäudes: Unterkunft für neu aufgestellte militärische Truppen. 

Die zweite Nutzung: Immer noch nicht Schule, sondern Kriegsgefangenenlager, und zwar ein Nebenlager des zwischen Hausdülmen und Sythen errichteten Lagers, dessen Insassen in der WASAG in Sythen Sprengstoff und Munition für den Krieg produzieren mußten. 

Das waren Russen, die in der Schlacht bei Tannenberg aufgrund unglaublicher Unfähigkeit der Generäle des Zaren in die Falle marschierten. Im Nebenlager in diesem Schulneubau lagen 400 Franzosen. Ihnen verdankt Dülmen etwas, was wohl kaum jemand weiß: Den Bau der ersten Kanalisation. Also: Wenn hier etwas den Bach herunter geht, dann hat das auch mit dieser Schule zu tun. 

Immerhin: 1916 zogen die ersten Klassen des Dülmener Gymnasiums in dieses Haus ein. Der Bau wurde erst später vollendet, die Schule hatte eine sehr bewegte Geschichte, die Stadt hatte große Probleme mit der Finanzierung, damals war sie verantwortlich für die Gehälter der Lehrer. Ein Kuriosum zeigt das: Die Schule hatte einen mächtigen Uhrenturm, aber die Zeit für eine Uhr war noch nicht gekommen, es fehlte das Geld. Das Jahr 1933 - Hitler wird Reichskanzler und die NSDAP die einzige Partei - war zunächst kein Problem, aber 1934 wird Herr OStD Vornefeld, ein Zentrumsmann, eines Morgens von der Behörde in Münster angerufen: Er sei als Schulleiter abberufen. Herr Vornefeld rief das Kollegium in der Pause zusammen, legte seine Schlüssel auf den Tisch und ging. Das muß Eindruck gemacht haben. 

Sein von den Nazis eingesetzter Nachfolger hat offenbar so heftigen Widerstand des Kollegiums erfahren, daß er nach einigen Wochen abberufen werden mußte. Sein Nachfolger wurde Dr. Dietrich, von dem alle Zeitzeugen und Akten aussagen, daß er Schaden von der Schule habe abwenden können, indem er den Ballanceakt zwischen Partei und pädagogischer Verantwortung ohne Tadel bewältigt habe. 

Und Schaden nahm die Schule dann doch: Die Bomben, die im März 1945 das Landstädtchen Dülmen in Trümmer verwandelten, haben auch dieses Haus fast völlig zerstört, aber der Turm blieb stehen und der Nord-Ost-Flügel, die Aula. 

Die erste Nutzung des Gebäudes 1945? Hier sammelten sich polnische Menschen, die als Zwangsarbeiter nach 1939 nach Deutschland gebracht worden waren und die in der Landwirtschaft, in der Industrie, vor allem der Rüstungsindustrie hatten arbeiten müssen und die nun frei geworden waren. An dem Fahnenmast über der Schule, an dem die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreiches, die schwarz-rot goldene der Weimarer Republik, dann die Hakenkreuzfahne der Hitlerzeit gehangen hatte, hing 1945 die weiß-rote polnische Fahne. 

Die Polen verließen Dülmen, die meisten kehrten in ihre Heimat zurück, sehr viele gingen nach Amerika, Kanada oder Australien. An Schule war hier zunächst noch nicht zu denken. Unterricht des Gymnasiums begann erst später in Baracken auf dem Overbergplatz. 

In einem notdürftig hergerichteten Teil dieses Hauses, da, wo jetzt Schulleitung und Sekretariat ihre Arbeit tun, richtete sich die Stadtsparkasse ein. Erst in den Jahren 1950 - 1952 wurde das Haus wiederaufgebaut, recht schlicht und vereinfacht, Südost- und Nordostflügel sind deutliche Zeugen der Zeit: Wir bauen wieder auf, aber ohne irgendwelche Verzierungen, bescheiden. 

Man hat später diese Zeit verächtlich gemacht als Zeit der Adenauer-Ära, als Zeit der Restauration, ja, der Reaktion. 

Nein, der Geist der Zeit war ganz anders, jedenfalls wie ich, der ich damals als Abiturient und Student es wahrgenommen habe: Der Größenwahn der Kaiserzeit und seine Steigerung in der Nazizeit haben unser Land in Not und Elend gebracht. Wir müssen bescheiden werden. Aber wir brauchen doch auch Fundamente, wir können doch keine Luftschlösser bauen. 

Für mich ist, wenn ich das Haus vom Nonnenwall aus anschaue, ein Zeitzeichen: Links der Turm, das schöne Portal aus der "guten alten Zeit", rechts das etwas karge Ergebnis der Geschichte, aber doch auf altem Fundament. Ja, nichts ist gegenwärtiger als unsere Vergangenheit. Und der mächtige Uhrenturm hat seine Bestimmung wieder nicht erreicht, die "Zeit für eine Uhr war noch nicht gekommen, es fehlte das Geld. 

Das Schulgebäude war für ein einzügiges Gymnasium geplant und errichtet worden, also für neun Klassen, auch beim Wiederaufbau 1950 - 52 dachte man keineswegs an eine größere Schule. Erst um 1960 mußten zwei Eingangsklassen aufgenommen werden, das Gymnasium wuchs danach sehr rasch, und in Dülmen setzte man auf das damals hochgelobte Pferd "Schulzentrum". 

Und das "Alte Gymnasium", wie es nun plötzlich hieß? Was sollte damit geschehen? 

Zunächst geschah gar nichts, d.h. es wurde für die Instandsetzung und Instandhaltung nichts mehr ausgegeben, und man kann sich vorstellen, wie schnell ein Haus, das täglich von vielen hundert vom Schulfrust geplagten Jungen und Mädchen belebt wird, zu einer Beinahe-Ruine verkommt. 

Verkaufen! 

Ein Kaufinteressent war tatsächlich da. Die Weichen waren gestellt, aber der Zug ist nie in die vorgesehene Richtung abgefahren. Wie schon gesagt, der damalige Schulleiter wehrte sich vehement gegen den Umzug der Privaten Realschule für Jungen in dieses Haus. Wo jetzt der moderne Anbau steht, war damals eine Turnhalle, der ich, wenn ich noch einmal eine Note festlegen darf, eine glatte 6, ungenügend, gebe. Und daneben noch ein Bauwerk mit dem schönen Namen "Pavillon", in Wirklichkeit eine scheußliche Baracke mit acht Klassenräumen. Zwischen Turnhalle und Pavillon ein schmaler Weg, der einzige Zugang zum Schulhof, der von einem hohen Zaun umgeben war. Ein weiterer Pavillon mit sechs Klassenräumen versperrte dem Schüler jede Fluchtmöglichkeit in Richtung Ludwig-Wiesmann-Straße oder Elsa-Brandström-Straße. Ich werde nie vergessen, wie einmal eine temperamentvolle Schülersprecherin (Ulrike Weischer) in einer SV-Sitzung platzte: "Das ist doch kein Schulhof, das ist ein Gefängnishof!" Ich war empört, aber sie hatte recht. Die Aula, heute sicher der schönste profane größere Raum weit und breit, war düster, grau und dunkelbraun, mit einer Festbestuhlung, die schrecklich knarrte, wenn sich jemand bewegte. Ich habe hier manche Minute des Wartens verbracht, bis alle Anwesenden geruhten, ruhig zu sitzen. 

Den Zustand der naturwissenschaftlichen Fachunterrichtsräume z.B. oder der Toiletten für Schülerinnen und für Schüler und der für Lehrerinnen und Lehrer - da gab es nämlich nur eine für alle -, möchte ich hier nicht beschreiben, kein Mensch würde mir glauben, und ich möchte meine Glaubwürdigkeit nicht unnötig aufs Spiel setzen. 

Die Hauptpersonen der Auseinandersetzungen oder Verhandlungen damals waren der Stadtdirektor Dr. Lemmen, der Dechant Dr. Spital von St. Viktor, später Generalvikar in Münster, heute Bischof von Trier, und der damalige Schulleiter. Eine unerwartete Änderung in der allgemeinen Auffassung von dem, was Schule, ob öffentlich oder privat, zu leisten habe, verschob plötzlich die Fronten. Was heute - im Jahre 1998 - aus vielen Gründen wieder in Frage gestellt wird, war anfangs der siebziger Jahre ein Zauberwort, ein Dogma: Koedukation. Und da die katholische Kirche hier schon zwei Realschulen hatte, je eine für Mädchen und Jungen, und da die privaten Schulen ja nur ein Angebot neben dem staatlichen Schulmonopol sein wollten, lag die Lösung nahe: Die Marienschule nimmt auch Jungen auf, die Stadt Dülmen gründet parallel dazu eine Realschule für Jungen und Mädchen. 

Die Akten enthalten einen Vermerk vom Herbst 1972 mit dem lapidaren Inhalt: Die Kirchengemeinde St. Viktor teilt der Stadt Dülmen mit, daß sie die Private Realschule für Jungen aus finanziellen Gründen nicht auf Dauer weiterführen kann. Am 23.01.1973 beschloß die Stadtverordnetenversammlung, eine Städtische Realschule für Jungen und Mädchen zu gründen und diese im Gebäude des Gymnasiums unterzubringen. In einer Urkunde des Kultusministers vom 30.04.73 wurde die Genehmigung ausgesprochen. Und da eine Schule einen Leiter braucht, und ich so leichtsinnig gewesen war, mich zu bewerben, war ich - noch ziemlich jung und unerfahren -plötzlich in einer nicht ganz einfachen Hauptrolle. Wer ins Wasser springt, muß schwimmen ... 

Als es vor 25 Jahren hier anfing, war eine Erfolgsgeschichte nicht vorprogrammiert. Nur wenige Lehrkräfte der Privaten Realschule konnten oder wollten übernommen werden, damals herrschte in vielen Fächern noch großer Lehrermangel. Das Team war sehr jung, ich war mit 41 Jahren der älteste. Die Private Realschule hatte zuletzt 12 Klassen, die Städtische Realschule für Jungen und Mädchen fing am 19. September 1973 mit 13 Klassen an. Ich wage es nicht, das Durcheinander der ersten Zeit zu beschreiben, aber irgendwie war Aufbruchstimmung, herrschte Optimismus, die "alten" und die "neuen" Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen - zuerst nur ganz wenige - und Schüler, aber auch die Eltern waren nicht nur bereit, die Anlaufschwierigkeiten hinzunehmen, sie halfen in außerordentlich hohem Maße mit, sie zu überwinden. 

Der für uns zuständige Dezernent beim Regierungspräsidenten in Münster, Oberschulrat Julius, half, wo er konnte, zum Beispiel auch dadurch, daß er schon mal ein Auge zudrückte oder einem noch unerfahrenen Schulleiter den Rat gab, auch schon mal ein Auge zuzudrücken. (Ich frage mich an dieser Stelle: Warum - zum- Teufel - heißen die Schulaufsichtsbeamten nicht mehr Oberschulrat, sondern Regierungsschuldirektor?) 

Das Schulgebäude war zu groß und war zu klein: Die schaurige Turnhalle war noch lange vom Gymnasium mitbelegt, die Hallen im Schulzentrum waren noch nicht fertig. Das führte zu Nachmittagsunterricht und anderen Querelen: Wo sind unsere neuen Volleybälle geblieben, wer hat den Barren beschädigt? Und zu groß, unsere 13 Klassen konnten die Räume, in denen zuletzt 28 Klassen des Gymnasiums untergebracht waren, nicht füllen. 

Als bei Grundschulen Raummangel herrschte, wurden Klassen zu uns ausgelagert. Es war schrecklich, es war herrlich! Und es sollte noch besser kommen! 

Der Zustand der Räumlichkeiten ließ sich natürlich nicht von heute auf morgen grundlegend verändern. Wenn am Ende dieses Problem wirklich in überaus guter Weise gelöst wurde, soll nicht verheimlicht werden, daß der Weg dahin nicht frei von Irrwegen und Durststrecken war. Das Labyrinth der Schulbaurichtlinien und Schulbauförderungsmittelrichtlinien, die notwendigen Abstimmungen zwischen Schulträger Stadt Dülmen, zwischen Geldgeber Regierungspräsident Münster und der Schule - Lehrer, Eltern, Schüler, Schulleitung - war manchmal frustrierend. 

Drei Dinge waren für die Schule absolut notwendig: Neubau einer Mehrfachsporthalle, Sanierung des Altbaus  (Klassenräume, Lehrerbereich, Räume für Schulleitung und Sekretariat) und völlige Modernisierung bzw. Neuerrichtung der Fachunterrichtsräume. 

Da die alte Turnhalle völlig unbrauchbar war, mußte hier angefangen werden. Grundstückserwerb, Planung, Genehmigungsverfahren und Finanzierung, das brauchte Zeit, immerhin begannen im August die Bauarbeiten. Der Architekt Hajo Eschen mußte, da das Gelände eine aufgefüllte Bauschuttgrube mit mächtigen Fundamentresten einer ehemaligen Textilfabrik war, eine ungewöhnliche Lösung suchen. Die ganze Halle wurde drei Meter unter Normalniveau errichtet. 

Es gab verschiedene technische Schwierigkeiten, aber 1982 war der erste große Schritt getan, am 29.10.83 wurde die große Dreifachsporthalle mit einem fröhlichen Fest eingeweiht. Die Sportlehrer waren zufrieden, die Kollegen der anderen Fächer waren es überhaupt nicht, denn es rührte sich lange nichts. Da gab es über Jahre hin Pläne, das Gebäude mit der Pestalozzischule, der früheren Kreuzschule, zu tauschen, was erfreulicherweise am Widerstand der Pestalozzischule scheiterte. Dann wurde ein Architektenwettbewerb beschlossen, den ein Professor Plückebaum aus Münster gewann. Sein Entwurf war in jeder Hinsicht gut, aber so aufwendig und teuer, daß, als keine Aussicht bestand, dafür Fördermittel vom Land zu bekommen, Rat und Verwaltung der Stadt Dülmen einen Ausweg suchen mußten. Man beschloß, dem damals neuen Leiter des Hochbauamtes Wolfgang Fischer den Auftrag zu erteilen, eine "sparsame" Lösung mit der Schule zu erarbeiten und vorzulegen. 

Herr Fischer ist, so darf man ohne Einschränkung sagen, derjenige, der aus einem ziemlich trostlos heruntergekommenen Schulgebäude etwas geschaffen hat, von dem ich, der ich weit mehr als hundert Schulbauten in der Umgebung und im ganzen Land kenne, immer behauptet habe: Dies hier ist schönste Schule. Ich wiederhole das hier, bisher hat mich noch niemand vom Gegenteil überzeugen können. Und daß das gelungen ist, dafür bin ich dankbar, und daß ich daran mit wirken konnte, darauf bin ich ein wenig stolz. Die Zusammenarbeit mit Herrn Fischer und mit Herrn Rottbeck war so gut, für mich zwar nicht immer ganz reibungslos. 

Zuerst plante Herr Fischer nämlich folgendes: Die alte Turnhalle sollte stehenbleiben, eine Zwischendecke sollte eingezogen werden, hier sollten die Naturwissenschaften ihren Platz finden, die fehlenden Klassenräume sollten in einem turmartigen Anbau an der Südostseite untergebracht werden. 

Vielleicht war es unsere Abneigung gegen die alte Turnhalle, wahrscheinlich aber hatten wir recht, daß es kaum möglich war, in das alte Gemäuer Unterrichts-, Sammlungs- und Vorbereitungsräume in ausreichender Größe und sinnvoller Zuordnung hineinzupacken. 

Das Hin und Her der - natürlich schriftlichen - Auseinander-setzungen hat Herrn Fischer schließlich so genervt, daß er vorschlug, in einem kleinen Kreise nach einer Lösung zu suchen. Aus der Niederschrift eines Gesprächs am 27.1.83, an dem Herr Fischer, Herr Bockey, zeitweise Herr Suttrup - Leiter der Stadtkämmerei - und ich teilgenommen haben, läßt sich nachweisen, daß hier der "Durchbruch" gelang. 

In dieser Besprechung stellte Herr Fischer seinen Plan, die alte Turnhalle umzubauen, vorläufig zurück, es konnte endlich nach einer neuen Lösung gesucht werden: Fachunterrichts- und Nebenräume für Physik, Chemie, Biologie, Textilgestaltung und Werken sowie drei Klassenräume in einem Neubau an der Stelle der alten Turnhalle, auf Stelzen, so daß sich Raum für Fahrräder und/oder Pausenhalle ergab. 

Am 7.2. legte Herr Fischer eine Planskizze auf den Tisch, die alle Ergebnisse des Gesprächs enthielt und die erstaunlich genau das enthielt, was dann gebaut wurde. Und alle Gremien stimmten zu: Bauausschuß und Rat, Lehrer- und Schulkonferenz. Auch der Regierungspräsident. Der hatte aber leider gerade kein Geld aus Düsseldorf für Schulbau zu verteilen, aber unsere gewaltigen Probleme und der wunderschöne Plan zur Lösung der Probleme haben ihn dann doch bewogen, im April 1984 einen Zuschuß der Landes in Höhe von 1,8 Millionen zu bewilligen, etwa ein Drittel der Kosten. 

Neben diesem erfreulichen Kapitel lief ein weniger Erfreuliches ab. Wegen und während der Umbaumaßnahmen - die Schule war inzwischen gewaltig gewachsen - mußten Klassen ausgelagert werden. Die alte Overbergschule stand frei, 500 Meter entfernt. Daß die Lehrer in den Pausen eine Dienstreise machen mußten, war sicher eine Zumutung. Aber die Kollegen nahmen das in Kauf. Zwei Dienstfahrräder wurden bereitgestellt, über deren weiteren Verbleib keine Klarheit bestand, als das CBG Jahre später auch Auslagerung in die alte Overbergschule hinnehmen mußte. 

Die wirklichen Probleme tauchen immer da auf, wo man sie nicht vermutet. 

Die Stadtverwaltung fragte an, ob - da man für die Räume in der alten Overbergschule ein sehr gutes und sehr gut gefördertes Projekt der Landesregierung vorliege - man nicht die ausgelagerten Klassen kurzfristig in die freien Räume in der Pestalozzischule verlagern könne. Diese Räume lagen direkt neben unserem Schulgelände, kein Dienstfahrrad war nötig, kein Klassenwechselstreß. Also signalisierte ich Zustimmung. Unglücklicherweise lag dieser Vorgang kurz vor Ende des Schuljahres, so daß Eltern und Schüler erst kurz vorher informiert werden konnten. Und was dann geschah, ist einer der Punkte, die ich als einen wenigen wirklich unerfreulichen in Erinnerung habe. Eine Welle der Empörung, die mir nach wie vor nicht ganz erklärlich ist, brach hervor und wurde von Leuten, die ich bisher als recht vernünftig und kooperativ erlebt hatte, auf solche Höhen hochgeschaukelt, daß ich bis heute nur noch staunen kann. Da fielen Parolen wie: "Mein Kind kommt nicht in die Idiotenschule!" Mir wurde klar, daß das "politisch korrekte" Eis der allgemeinen Zustimmung für ein Zusammenleben mit Behinderten sehr, sehr dünn ist. 

In der Öffentlichkeit wird es keiner von uns wagen, selbst wenn er aufgrund eigener Erfahrung oder guter Argumente Zweifel an der sogenannten "Integration" hat, sich als "behindertenfeindlich" zu "outen". 

Einige Eltern beschwerten sich beim Regierungspräsidenten über den bösen Schulleiter, der ihren armen Kindern Schreckliches antun wollte, der Streit zog sich sehr lange hin, inzwischen ging der Bau zügig voran, die ausgelagerten Klassen fühlten sich in der benachbarten Pestalozzischule offenbar wohl. 

Mit Beginn des Schuljahres 1987/88 konnten wir das erweiterte, umgestaltete und renovierte Schulhaus beziehen, am 18. September 1987 feierliche Übergabe des Gebäudes, der Schulleiter dankte im Namen der Lehrer und Schüler und versprach, das Haus intensiv, aber pfleglich zu nutzen. Wie denn auch geschehen! 

Übrigens: Mehr als 70 Jahre lang waren die drei großen kreisförmigen Flächen am mächtigen Uhrenturm leer, ohne Sinn und Funktion, seitdem sagen leuchtende Zeiger und Ziffern an, was die Stunde geschlagen hat, jedenfalls, wenn man die Zeichen der Zeit lesen kann. 

Im Jahre 1987 beschloß der Rat der Stadt Dülmen, allen Dülmener Schulen einen Namen zu geben, für diese Schule wurde der Name "Anne-Frank-Schule" vorgeschlagen. Zunächst fanden wir den Vorschlag richtig, es ist sicher sinnvoll, eine Schule nach einem jüdischen Mädchen zu benennen, das mit seiner Familie aus Frankfurt nach Holland floh, nach dem Überfall der Deutschen in Amsterdam untertauchte und im Versteck ein Tagebuch schrieb, das dieses Mädchen Anne Frank unsterblich gemacht hat, auch wenn es im Amsterdamer Versteck entdeckt und dann in Bergen-Belsen ermordet wurde. 

Aber da kam mir eine Idee, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Solche Ideen kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern keimen, ruhen oft über lange Zeiten, erhalten dann einen neuen Impuls, ruhen wieder und sind dann plötzlich so stark, daß man sie nicht mehr für sich behalten kann, sondern andere für diese Idee gewinnen will, gewinnen muß. 

Ich hatte, als ich 1965 nach Dülmen gezogen war, mich mit dieser Stadt und ihrer Umgebung vertraut gemacht, auf zwei Wegen. Auf Fahrradwegen und, weil ich eben auch Geschichtslehrer war, indem ich alles, was ich in der Stadtbücherei vorfand über Dülmen und seine Geschichte, las. 

Dabei stieß ich natürlich auch auf die unglaublichen Ereignisse des November 1938. 

In diesem November wurde in Dülmen durch Clemens-August von Galen, Bischof von Münster, die Kreuzkirche eingeweiht. Wenige Tage vorher, in der sogenannten "Reichskristallnacht", hatten Dülmener Nationalsozialisten jüdische Geschäfte oder solche, die sie für solche hielten, demoliert, die Synagoge angezündet, wobei der Bürgermeister höchstpersönlich der anrückenden Feuerwehr verbot, ihre Arbeit zu tun. Und dann holten die Nazis einen Mann aus seinem Haus an der Lüdinghauser Straße, direkt gegenüber der Viktorkirche, trieben ihn, der unter normalen Umständen als einer der angesehensten Bürger der Stadt gegolten hätte, unter schlimmsten Beschimpfungen durch die Stadt zum Polizeigefängnis hinter dem Amtsgericht, wo er drei Tage später aus dem Leben schied. Der Mann hieß Hermann Leeser. 

Anfang der 80er Jahre wurde unsere Sporthalle gebaut. Die Bagger stießen beim Ausschachten auf gewaltige Fundamente. Was hatte hier denn einmal gestanden? Es stellte sich heraus: Eine Textilfabrik, deren Maschinen von einer großen Dampfmaschine angetrieben wurden, daher die mächtigen Fundamente. Und welche Textilfabrik war das? Die Leinenweberei H. & S. Leeser. 

Der nächste Anstoß kam während einer Projektwoche. Da hatte sich eine Gruppe unter Leitung von Christa Witte und Dietmar Fleischhacker das Ziel gesetzt, die Geschichte Dülmens in der Zeit des Nationalsozialismus näher kennenzulernen. Dabei besuchten sie einen alten Dülmener, der anfangs der 30er Jahre als Sozialdemokrat gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen versucht hatte. Vergeblich, aber die Nazis sperrten ihn für einige Zeit in ein Konzentrationslager. Er wurde übrigens nach 1945 von den Engländern als erster Nachkriegsbürgermeister Dülmens eingesetzt. Und dieser Herr Brocher zeigte unseren Schülern einiges, z.B. seinen Eßnapf aus dem KZ, aber auch ein bislang unbekanntes Dokument: den Bericht, den der Ortsgruppenleiter der NSDAP über die Ereignisse in der "Reichskristallnacht" an seine vorgesetzte Parteiorganisation geschickt hatte. 

Da war kein Name genannt, aber ich kannte die Zusammenhänge. Da rühmte sich der oberste Nazi Dülmens der Brandstiftung und der unmenschlichen Behandlung eines Fabrikanten, den er einen "sogenannten anständigen Juden" nennt, der sogar angeblich Offizier im Weltkrieg gewesen sei und der sich unter dem Ausruf "Heil Moskau!" selbst "geschächtet" habe. 

Herr Brocher hatte vor 1933 in der Firma Leeser gearbeitet, er hat auch nach 1945 im Auftrag von Frau Lea Leeser, der Witwe von Hermann Leeser, versucht, die im Kriege sehr stark beschädigte Leinenweberei wieder in Gang zu bringen - vergeblich. Das Fabrikgebäude wurde abgerissen, das Gelände eingeebnet, ein Kinderspielplatz und Kleingärten entstanden, es schien, als solle Gras über der Geschichte wachsen. Und manche wollten es zu gern wachsen lassen. 

Und dann der letzte Impuls: Die Stadt Dülmen wollte der Schule den Namen Anne-Frank-Schule geben. Ich sprach darüber mit Herrn Brathe, dem besten Kenner der Dülmener Stadtgeschichte, und fragte ihn nach Einzelheiten zu den Ereignissen um den Tod Hermann Leesers. Da erst erfuhr ich von ihm, daß die Frau Hermann Leesers und die beiden Töchter die deutsche Okkupation der Niederlande in einem Versteck überlebt hatten und das eine der Töchter, Helga, häufiger nach Dülmen komme. 

Das fand ich aufregend: Da gibt es eine Anne Frank, die aus Dülmen stammt, die aber, anders als die Anne Frank aus Frankfurt, glücklicherweise überlebt hat. Ihr Vater besaß eine Textilfabrik, die dort stand, wo heute unsere schöne Sporthalle steht und wo unsere Schüler ihre Fahrräder und die Lehrer ihre Wagen abstellen. Für mich stand fest: Diese Schule kann nur Hermann-Leeser-Schule heißen. 

Ich sprach zunächst nur mit meiner Frau darüber, sie bestärkte mich, dann auch enge Freunde. Daraufhin rief ich - mit einigem Herzklopfen - bei Helga Becker-Leeser in Arnhem an, die zunächst sehr überrascht war, aber dann meinen Plänen positiv gegenüberstand. In dieser Zeit bin ich dann irgendwann vom Evangelischen Friedhof aus über den Zaun gestiegen auf den Judenfriedhof: In der letzten Reihe das letzte Grab dieses Friedhofs - ein schlichter Stein: Hermann Leeser. 

Ich habe damals meine Gedanken in einem Schreiben zusammengefaßt für die Gremien der Schule. Das Lehrerkollegium, die Elternvertretung und die Schülervertretung waren einstimmig für den Namen Hermann-Leeser-Schule. Und auch die Familie Leeser stimmte zu. Es hätte ja durchaus möglich sein können, daß man dort gesagt hätte: Nein, das schreckliche Ende der langen Tradition der Leesers in Dülmen soll die Zukunft nicht mehr belasten. 

Aber trotzdem gab es noch Ärger: 

aus traditionell-katholischer Ecke: Muß man denn eine Schule ausgerechnet nach einem Juden benennen, es gibt doch so viele Heilige und Verehrungswürdige in der Kirche? 

aus der Ecke, die gerne die Opfer zu Tätern macht: Muß man denn eine Schule nach einem Selbstmörder benennen? 

aus der Ecke der Geschichtsflüchtigen: Muß man denn immer wieder die alten Geschichten aufrühren, kann man nicht einfach Gras wachsen lassen über diesen Geschichten, über der Geschichte? 

Und dann gab es noch etwas Amüsantes: Ich hatte mein Schreiben, nachdem alle Schulgremien sich für meinen Vorschlag ausgesprochen hatten, allen Fraktionen des Stadtrates zugeschickt. Einige Tage darauf las ich zu meinem Entzücken in der Dülmener Zeitung, daß eine Fraktion des Rates den Antrag stellen werde, die Städtische Realschule in "Hermann-Leeser-Schule" umzubenennen. Das wurde ausführlich begründet, und zwar just mit dem Wortlaut meiner Begründung, natürlich ohne Quellenangabe. 

Da die ganze Sache in meinem Sinne lief, habe ich damals beschlossen, diese Einzelheit als amüsantes Detail zu betrachten und zu schweigen, aber jetzt mußte ich es doch einmal zum Besten geben. 

Die Sache lief, der Rat stimmte ohne Gegenstimme für den Vorschlag der Schule. Bevor es dann zur offiziellen Namensgebung kam, sind meine Frau und ich nach Arnhem gefahren, um die Tochter von Hermann Leeser, eine "Anne Frank" aus Dülmen, und ihre Familie persönlich kennenzulernen. 

Die ganze Geschichte hatte mich schon seit langer Zeit bewegt, ich war aufgeregt wie lange nicht mehr. Es hätte ja sein können, daß Hermann Leesers Tochter aus verständlichen oder irgendwelchen anderen Gründen eine schwierige, ja, eine "unmögliche" Person ist. 

Das Gegenteil war der Fall: Wir lernten eine Frau kennen, die wir seitdem nicht nur hoch achten wegen ihrer Kraft - sie ist trotz der sicher traumatischen Erinnerungen an Dülmen immer gern in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um z.B. eine inzwischen verstorbene Freundin aus der Grundschulzeit zu besuchen oder ihrem Sohn Joost bei der Materialsuche für seine Examensarbeit über die Münsterländische Textilindustrie zu helfen (im Archiv, daß sich genau unter meinem Dienstzimmer befand und befindet) oder um Material über eine große Familienchronik der Leesers in Westfalen zu sammeln. (Vor einigen Tagen hat sie mir bekannt, daß ein ganz wichtiger Grund für sie, nach Dülmen zu kommen, sei: Schwarzbrot aus der Bäckerei Grote.) 

Helga Becker-Leeser ist eine bewundernswerte, eine liebenswerte, eine starke Frau. Ich muß immer denken: Eine Anne Frank, die in Dülmen aufwuchs, die überlebt hat, die als Kind oft ihren Vater Hermann Leeser in seinem Büro im Betrieb besucht hat und auch noch Erinnerung an die riesige Dampfmaschine unter dem Webmaschinenraum hat, die bis zum November 1938 ganz normal zur Schule ging und detaillierte Erinnerung an den (katholischen) Religionsunterricht hat. 

Natürlich lag es nahe, den 50. Jahrestag der schrecklichen "Reichskristallnacht", der überall als Gedenktag gestaltet wurde, zum Tag der offiziellen Namensgebung mit einem Festakt zu gestalten. Es war ein denkwürdiges Ereignis im Leben dieser Schule, es hat auf alle, die dabei waren, einen tiefen Eindruck hinterlassen. 

Da wurden Reden gehalten, vom Schulleiter, vom Bürgermeister Ridder, vom Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Münster, vom Regierungsschulrat Disselkamp. Und einige hundert Schülerinnen und Schüler saßen ganz still auf ihren Plätzen, so daß wir gar nicht merkten, daß die Lautsprecheranlage nur die Hälfte der Halle erreichte. Und als dann die Tochter Hermann Leesers an das Rednerpult trat und zu uns sprach und von ihrer Kindheit in Dülmen und von den Ereignissen im November 1938 erzählte, vom Tod ihres Vaters, durch den ihr Entkommen erst möglich wurde, vom jahrelangen Leben im Versteck, herrschte atemlose Stille in der großen Halle. 

Ganz ruhig sprach sie, als sei das alles ganz normal, vielleicht wurde gerade dadurch uns allen das Ungeheuerliche der Geschichte, ihrer Geschichte, deutlich. Nach zehn Jahren Abstand stelle ich mit Erleichterung und Befriedigung fest: Es war richtig, dieser Schule diesen Namen zu geben, er ist ein Programm gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, er ist ein Signal: Auch in unserer schönen Stadt Dülmen ist Schreckliches geschehen, kann Schreckliches geschehen. 

Man sollte meinen, daß die Schule, die jetzt seit 25 Jahren besteht, in ihrem Bestand gesichert ist und auch immer gesichert war. Aber daß das nicht so ist und war, muß der Vollständigkeit halber heute auch erwähnt werden, denn was war, kann sich wiederholen. 

Dreimal wurde versucht, hier in Dülmen eine Gesamtschule zu gründen, dreimal wurden Eltern von Grundschulkindern befragt und aufgefordert, ihr Kind für eine zu gründende Gesamtschule anzumelden. 

Beim ersten Mal wurde die erforderliche Zahl bei weitem nicht erreicht, angeblich, weil die Eltern nicht ausreichend informiert waren. Das ließ die Befürworter der Gesamtschule nicht ruhen, zwei Jahre später starteten sie einen zweiten Versuch, der besser vorbereitet wurde, das Ergebnis war noch schwächer. Und noch ein dritter Versuch wurde unternommen und scheiterte völlig. 

Jetzt hätte man meinen sollen, daß damit das Kapitel "Gesamtschule in Dülmen" beendet sei. Weit gefehlt: Nach erstaunlich kurzer Zeit stellte eine damals wie heute nicht unbedeutende Fraktion in der Dülmener Stadtverordnetenversammlung einen Antrag zur Änderung des Schulentwicklungsplanes mit folgendem Inhalt: Zur Vervollständigung des Schulangebotes der Stadt Dülmen wird eine Gesamtschule gegründet. Die Hermann-Leeser-Realschule läuft aus. So einfach geht so etwas! 

Mir war damals nicht klar, und ich habe es bis heute nicht begriffen, wie Frauen und Männer eine Partei, die bei mir wegen ihrer großen demokratischen Tradition immer hoch im Ansehen stand, Elternrecht hin, Elternwille her, einen solchen Antrag stellen konnte. 

Nun hat diese Schule die ersten 25 Jahre heil überstanden und steht gut und erfolgreich da. Ich hoffe und wünsche, daß sie weiter wachse, blühe und gedeihe, daß hier weiterhin engagierte Lehrerinnen und Lehrer ihren oft nicht leichten Dienst erfolgreich leisten und Freude an ihrem schönen Beruf haben. 

An dieser Stelle sei zweier verstorbener Pädagogen gedacht, die an dieser Schule vorbildlich gearbeitet haben: Elisabeth Beckmann und Heinrich Büke. Und auch der Schulsekretärin Ursula Freitag, die 18 Jahre lang der Schulleitung, dem Lehrerkollegium und den Schülerinnen und Schülern, also der ganzen Schule, unauffällig, aber überaus wirksam gedient hat. 

Aber dies ist nicht die Stunde der Wehmut und Trauer, es ist die Stunde der Freude und der Zuversicht: Die Hermann-Leeser-Schule hat ein Schulgebäude, das sehr schön und gleichzeitig zweckmäßig ist. Darin zu arbeiten ist für Lehrer und Schüler eine Freude - fast immer, sie hat ein Kollegium, engagiert, kompetent, - fast immer - gut aufgelegt und in Form, sie hat einen Chef, der - anders als sein Vorgänger - kurze Reden halten kann, aber der alte Chef kommt jetzt auch zum Ende. 

Glück auf! 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare