Das Einmaleins des ABCs lernen: ABC-Zug Kreis Coesfeld übt für den Ernstfall

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Der ABC-Zug Kreis Coesfeld stehen vor ihrem "Gerätewagen Logistik", den sie vom Land NRW bekommen haben

Kreis Coesfeld. Eine Katastrophe ist geschehen: Schwere Verletzungen zeichnen ein Opfer, das bereits auf einer Krankentrage liegt. Möglicherweise ist die Person mit einem Gefahrenstoff kontaminiert. Spannung liegt in der Luft. Einer von vier Feuerwehrmännern in gelben Schutzanzügen zückt eine Schere. Setzt an. Macht aus der Kleidung der Verletzten Stofffetzen. Geübte Handgriffe. Zum Glück ist alles nur simuliert, Teil einer Übung des ABC-Zugs des Kreises Coesfeld. Und das Opfer ist ein Mitglied der DLRG Dülmen, die in realistischer Unfalldarstellung geübt ist.

Regelmäßig finden Übungen dieser Art auf dem Gelände der früheren St.-Barbara-Kaserne Dülmen statt – dort, wo der Spezialzug der Feuerwehr stationiert ist. Denn im Ernstfall muss jeder Schritt sitzen: „Bei einer Kontaminierung mit einem atomaren, biologischen oder chemischen – kurz ABC – Gefahrenstoff müssen die betroffenen Personen komplett abgeduscht werden“, erklärt Paul van der Burg, Leiter des ABC-Zugs Kreis Coesfeld, unterstützt in der Gefahrenabwehr von Dirk Riches und in der Messtechnik von Simon Wichmann. „Dabei muss zuvor die komplette Kleidung entfernt werden, da sie ebenfalls kontaminiert sein könnte.“

Erst Wundversorgung, dann Dekontaminierung 

Die Einsatzkräfte des ABC-Zugs kümmern sich um die Dekontaminierung der Übungsperson der DLRG. In voller Montur geht es im „Dekon V 50“ um die Reinigung von Gefahrenstoffen.

Bevor es aber zur Dekontaminierung – zum Abduschen – kommen kann, müssen offene Wunden ärztlich versorgt werden; sie werden danach mit Frischhaltefolie wasserdicht abgedeckt. „Das Lösungsmittel könnte zu Infektionen führen, die unbedingt zu vermeiden sind“, so van der Burg.

Nach der ärztlichen Versorgung geht es für das Opfer auf der Trage auf eine Rollbahn in die Waschanlage des „V-Dekon 50“ – ein speziell zur Dekontaminierung ausgerüstetes Fahrzeug. Im Ernstfall arbeiten bis zu 64 Einsatzkräfte am „V-Dekon 50“. Dabei hat der Schutz der Einsatzkräfte große Bedeutung. „Solange der Gefahrenstoff nur auf der Hautoberfläche ist, besteht meist noch keine ernste Gefahr. Schlimm kann es werden, wenn der Stoff in den Organismus gelangt“, klärt Georg Kersting, ehemaliger ABC-Zug-Leiter und Vorgänger von van der Burg, auf. „Selbst fürs An- und Ausziehen des Schutzanzugs gibt’s einiges zu beachten. Daher muss der Umgang und das Arbeiten mit dem Schutzanzug geübt werden.“ All dies – das Anziehen der Schutzkleidung, das Anbringen von wasserdichten Verbänden sowie die Dekontaminierung liegender Personen – wird bei der Übung in der früheren Kasernenhalle gezeigt und anschließend in einer Simulation angewandt.

„Räumlichkeiten einzigartig für einen ABC-Zug“ 

„Unsere Räumlichkeiten hier sind einzigartig für einen ABC-Zug. Normalerweise arbeiten die anderen Kreise in dezentralen Strukturen. Bei uns geht alles von einem Standort aus“, freut sich Georg Kersting über die 2000 Quadratmeter, die dem ABC-Zug Kreis Coesfeld zur Verfügung stehen. Das war aber nicht immer so. Als die Bundesrepublik Deutschland wegen der als Bedrohung empfundenen politischen Lage zwischen dem Westen und den Warschauer-Pakt-Staaten 1980 in allen Kreisen die ABC-Züge etablierte, war der Standort des ABC-Zugs Kreis Coesfeld noch in Dülmen-Mitte. Statt 2000 heute standen dort nur 80 Quadratmeter zur Verfügung.

Name und Aufgabengebiete des Zugs änderten sich

2016 übergab Georg Kersting (rechts) die Leitung des ABC-Zugs Kreis Coesfeld an seinen Kollegen Paul van der Burg.

 Ein ausschlaggebender Grund für die Vergrößerung war später, 1988/89, die Aufhebung der alten Katastrophenschutzvorgaben. Bis dahin waren alle ABC-Züge bundesweit gleich aufgestellt. Durch die Aufgabenvielfalt des Zugs wurde er zu diesem Zeitpunkt zum „Gefahrenstoffzug Kreis Coesfeld“ umbenannt. Zur Bekämpfung von ABC-Gefahrenstoffen hinzu kamen Aufgaben wie Tierseuchenschutz und Messarbeiten.

Seit 2010 wurden die ABC-Einheiten dann in allen Feuerwehren in NRW etabliert, so dass sich der Kreis Coesfeld dazu entschloss, dem Zug den heutigen Namen „ABC-Zug Kreis Coesfeld“ zu geben.

Unter anderem auch, weil der Feuerwehr-Zug im Bereich der ABC-Abwehr so gut aufgestellt ist. „Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir im bundesweiten Vergleich mit am besten aufgestellt sind“, sagt Kreisbrandmeister Christoph Nolte. „Nicht umsonst sind wir einer der ersten Kreise, die einen ,V-Dekon-50’ besitzen“, ergänzt Kersting. Und während die ABC-Züge in den anderen Kreisen in der Regel über drei Fahrzeuge verfügen, sind es im Kreis Coesfeld 14 Fahrzeuge.

Vielfältiges Aufgabenspektrum

 Ein weiteres Argument dafür, dass der ABC-Zug Kreis Coesfeld etwas ganz Besonderes ist, ist der Aufgabenbereich des Zugs: Das Aufspüren und Messen von Gefahrenstoffen, die Dekontaminierung, Tierseuchenmanagement und technische Hilfe bei Hochwasser. Darüber hinaus stemmt der Kreis Coesfeld auch noch logistische Aufgaben – „aufgrund der örtlichen Gegebenheiten und der Gesamtausstattung“, betont Kersting. „So haben wir etwa auch eine Betriebsstoffkomponente.“ Das heißt: Ein vollständig beladenes Hubfahrzeug mit Betriebsmitteln – wie Treibstoff und Öl – steht bereit zum Vor-Ort-Betanken von Einsatzfahrzeugen. „Innerhalb einer Stunde können wir das Fahrzeug für den Waldbrandschutz umrüsten“, erklärt Kersting.

Zuletzt mussten die Männer des ABC-Zugs kürzlich in Senden bei dem Großbrand der Firma Große Holz ausrücken. Für die Brandbekämpfung bei Nacht setzten sie ihr Lichtmastfahrzeug ein, um das Gelände zu beleuchten.

Seit dem ersten Tag des ABC-Zugs ist der DMF bereits im Einsatz. In diesen 39 Jahren hat er 18 000 Kilometer zurückgelegt

Zum ersten Mal ausrücken musste der ABC-Zug 1986 kurz nach der nuklearen Katastrophe in Tschernobyl: Die Polizei hielt in Ascheberg ein Viehtransporter aus der Ukraine fest und gab die Information weiter nach Dülmen. Mit dem Dekontaminations- und Mehrzweckfahrzug (DMF) ging es nach Ascheberg. „Auch heute ist der DMF noch unser Herzstück“, zeigt Kersting auf das 39-jährige Fahrzeug, das bis dato eingesetzt wird.

Erster Einsatz im Zuge der Tschernobyl-Katastrophe

Zunächst wurden die Strahlenwerte gemessen. „Insbesondere die Radkästen waren hochgradig radioaktiv“, erinnert sich der damalige Leiter des ABC-Zugs. „Beim Befahren des kontaminierten Bereichs in Tschernobyl hatte das Fahrzeug radioaktive Stäube aufgenommen. Also mussten wir den gesamten Lkw wie bei einer Autowäsche mit Hochdruckreinigern abspritzen und reinigen. Natürlich mit Atemschutz und Schutzanzügen.“

Zurück im V-Dekon 50: Die verletzte Person ist fertig dekontaminiert. Im Gegensatz zu den Wunden, die wasserdicht verbunden sind, ist sie von Kopf bis Fuß durchnässt. Dafür ist sie sauber. Eine Kollegin von der DLRG trocknet sie ab. Es gibt Applaus: Zuschauende Feuerwehrleute freuen sich mit ihren Kameraden über den gelungenen Übungseinsatz.

Gruppe aus dem Kreis Borken zum Lernen vor Ort

Insbesondere eine Gruppe aus dem Nachbarkreis Borken, die zivil gekommen ist, um die Techniken und Abläufe des ABC-Zugs kennenzulernen.

„Wir geben unser Wissen gerne weiter, damit die Abläufe sitzen, wenn es drauf ankommt“, so Kersting, der sich wie Paul van der Burg darüber freut, dass zusätzlich zu den 45 Feuerwehrleuten aus Dülmen seit ein paar Jahren auch rund zwei Dutzend Feuerwehrleute aus Lüdinghausen und Seppenrade zur Stammbesetzung des Zugs zählt. In Verbindung mit den umliegenden Löschzügen ist der ABC-Zug Kreis Coesfeld für den Ernstfall immer bereit, einen V-Dekon 50 schnellstmöglich zu besetzen.

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