Eindringlicher Zeitzeugenbesuch von Hartmut Topf im AvDHG

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Rund 100 Schüler und Lehrer vom AvDHG verfolgten interessiert die Darstellungen von Hartmut Topf zu der Firma „J.A. Topf & Söhne“, die Öfen für Vernichtungslager lieferte.

Dülmen. 2007 erhielt Hartmut Topf in Anerkennung seines Engagements für die Aufarbeitung der Historie der Erfurter Firma J.A. Topf & Söhne das Bundesverdienstkreuz. Von dieser Aufarbeitung berichtete der Berliner am Montag im Bendix-Forum vor Schülern der Jahrgangsstufe 9 des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums (AvDHG) im Rahmen des Unterrichtsprojekts „Begegnung mit dem Nationalsozialismus aus Opfer- und Täterperspektive“.

„Die Wege meines Großvaters und meines Großonkels trennten sich 1903“, sagte Hartmut Topf. „Aber ich war stolz, Abkömmling dieser weltbekannten Firma zu sein, bis ich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Wochenschau Bilder von KZ-Verbrennungsöfen mit Firmenschildern von ,Topf & Söhne’ sah“, so der heute 84-Jährige, der mit 16 Jahren aus der DDR nach Westdeutschland kam. Nach der Wende 1989 setzte Hartmut Topf die Aufarbeitung der Firmenhistorie in Gang; Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der Montag gezeigt wurde, ein Erinnerungsort auf dem früheren Firmengelände in Erfurt, eine Wanderausstellung sowie Bücher und Veröffentlichungen.

1869 gegründet, fertigte die Firma Feuerungsanlagen und war später Weltmarktführer für Brau- und Mälzereitechnik; 1914 hatte sie 517 Mitarbeiter. Für öffentliche Auftraggeber entwickelte sie Öfen für Feuerbestattungen, bei denen heiße Luft für die Verbrennung sorgt; 1937 waren über 70 Krematoriumsöfen in Deutschland und weltweit verkauft. Nach der Weltwirtschaftskrise sank der Firmenumsatz um drei Viertel – Ludwig und Ernst Wolfgang Topf traten in die NSdAP ein, die Firma erhielt Bauaufträge für große Getreidesilos.

Als im September 1939 in dem 1937 errichteten KZ Buchenwald bei Erfurt rund 1 000 ausländische Häftlinge bei einer Ruhrepidemie starben, bestellte die SS bei Topf & Söhne erste Verbrennungsöfen; später kamen Aufträge für Großkrematorien in den KZ-Vernichtungslagern, außerdem lieferte die Firma Be- und Entlüftungsanlagen für die Gaskammern der Vernichtungslager. 1 150 Mitarbeiter zählte Topf & Söhne in der Spitze.

„Meine Verwandten – sie wurden von stinknormalen Unternehmern zu Handlangern der Nazis, zu Hoflieferanten für den Massenmord. Moralisch spreche ich ihnen Schuld zu. Der technische Ehrgeiz und die Gier bei ihnen waren schrecklich“, sagte Hartmut Topf. Zweifel und Hinterfragen „sind für mich eine Tugend, nicht Gehorsam. Fragen, fragen, fragen ist das Beste, was man machen kann“, gab er seinen Zuhörern mit auf den Weg.

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