Dieter Gerding und seine Frau Ingrid leben seit einem halben Jahrhundert in Fortaleza

Dülmener Honorarkonsul in Brasilien

Dieter Gerding und seine Ehefrau Ingrid Reinermann-Gerding bei ihrem Besuch im Medienzentrum am Königswall. Bis 17. April sind sie noch in ihrer alten Heimat, die die beiden Dülmener in den 1960er Jahren verließen. Bis zum Ende des Jahres ist der einstige Schüler des Clemens-Brentano-Gymnasiums noch Honorarkonsul in seiner Wahlheimat Fortaleza. Danach wollen die beiden jeweils ein halbes Jahr in Brasilien und ein halbes Jahr in Deutschland verbringen. Ein großes Fest steht am 12. Oktober an – die Goldene standesamtliche Hochzeit. Foto: Yvonne Reher

Dülmen. Ins Ausland zu gehen, davon träumte Dieter Gerding schon seit Kindheitstagen. „Ich wollte immer einen Beruf haben, der das sicherstellte“, sagt der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann. Gemeinsam mit seiner Frau Ingrid Reinermann-Gerding war er jüngst auf Stippvisite im Medienzentrum am Königswall – frisch aus Fortaleza angekommen.

Dorthin hat es den ältesten Sohn des damaligen Vorsitzenden der Musikkapelle Dülmen, Emil Gerding, verschlagen. Das war im Jahre 1964.

Damals war er gerade 22 Jahre alt und als kaufmännischer Mitarbeiter im Außenhandel bei einer niederländischen Firma in Münster tätig. Klar hat er ja gesagt, als ihn sein Chef fragte, ob er im Ausland für die Firma arbeiten wollte. „Nach Nicaragua sollte ich ursprünglich. Doch dort war Revolution“, erzählt Gerding. Statt Nicaragua ging es für den ehemaligen Pennäler des Clemens-Brentano-Gymnasiums in Dülmen dann nach Brasilien. Dort kümmerte er sich an der Ostküste um den Handel im Bereich Baumwolle, Sisal, Tabak und Pflanzenöl.

Vor seiner Abfahrt fand

die Verlobung statt

„Bevor er nach Brasilien ging, haben wir uns verlobt. Er wollte schließlich zurückkommen“, sagt Ingrid Reinermann-Gerding, die dieselbe Berufsausbildung absolviert hat. Doch der geplante „Urlaub“ von eineinhalb Jahren dehnte sich aus. Kurzerhand entschieden sich die beiden, dass Ingrid Reinermann-Gerding nach Brasilien nachkommen soll.

Sie schickten sich gegenseitig Briefe. „Einmal in der Woche kam Post“, sagt Dieter Gerding. Den Brief seiner Liebsten konnte er im wahrsten Sinne des Wortes riechen. So steckte in jedem ein kleines Tuch mit ihrem Lieblingsparfüm.

Zweieinhalb Wochen mit dem Frachtschiff unterwegs

Zweieinhalb Wochen war Ingrid Reinermann-Gerding mit einem Frachtschiff von Hamburg über Teneriffa bis hin nach São Luís/Bundesstaat Maranhão unterwegs. In dieser Zeit freundete sie sich mit dem Kapitän an. Bis heute ist das Ehepaar Gerding mit dem heute in Castrop-Rauxel lebenden 90-Jährigen befreundet.

Als die 21-jährige Dülmenerin damals über eine Strickleiter von Bord in ein kleines Boot ging, um an Land zu kommen, hatte sie im Gepäck ihr Hochzeitskleid dabei. Am Kai stand Dieter Gerding – Fingernägel kauend und nicht sicher, ob seine Verlobte tatsächlich kommt.

Sie kam!

Während er dann noch arbeiten musste, zeigte ein Freund von ihm ihr die Stadt. „Ich wäre am liebsten umgekehrt“, sagt Ingrid Reinermann-Gerding rückblickend auf die Geier, Esel und Müllhaufen, die sie dort gesehen hat. Und nicht zuletzt die Boa constrictor in der Nähe der Straßenbahn und die Äußerung ihres Stadtführers, dass es in Fortaleza, wo sie künftig leben sollte, nicht ganz so schlimm sei.

Auf ersten Blick

verliebt in die Stadt Fortaleza

Mit einem viermotorigen Flugzeug ging es dann am 8. Oktober 1965 – nicht ohne Zwischenfall: defekter Motor – nach Fortaleza. In der Dunkelheit kamen sie an. „Als ich das Lichtermeer gesehen habe, habe ich mich in die Stadt verliebt“, erinnert sich Ingrid Reinermann-Gerding.

Am 12. Oktober haben sie standesamtlich geheiratet. „Ich habe kein Wort verstanden“, sagt sie. Ihr Mann drückte ihre Hand, als sie „Si“ sagen sollte. Bei der kirchlichen Trauung in der Krypta der Kathedrale in Fortaleza war es besser, obwohl der deutsche Pater kaum noch Deutsch sprach.

Frachtschiff-Kapitän

bei Hochzeit Hochzeitsvater

Verwandte der beiden Dülmener waren damals nicht vor Ort. In die Rolle des Hochzeitsvaters schlüpfte damals der Kapitän des Frachtschiffes, mit dem sie gekommen war.

Ein Jahr nach der Hochzeit kam ihr Sohn Wolf-Rüdiger zur Welt. Die Rückkehr nach Deutschland war geplant. Doch dann wurde verlängert. Im Jahre 1970 wurde ihre Tochter Dagmar geboren.

Die Aufteilung im Hause Gerding war klar. Familie und Haushalt waren Aufgaben von Donna Ingrid – in Brasilien werden nur die Vornamen genannt –, und Senior Dieter war beruflich im Land unterwegs.

Klare landestypische Regeln gab es in Gesellschaften. „Bei einer internationalen Gesellschaft habe ich mich mit zwei Männern unterhalten. Ich wurde direkt von der Gastgeberin aus der Runde komplementiert, dass sich das nicht gehöre“, erinnert sich Ingrid Reinermann-Gerding. Eine Erfahrung, mit der sie schwer umgehen konnte.

So schlug sie gemeinsam mit ihrem Mann damals auch das Angebot aus, in einer Bank zu arbeiten.

„Man geht nicht

zurück als Verlierer“

Mitte der siebziger Jahre war die geschäftliche Situation ihres Mannes so schlecht, dass er wieder nach Deutschland gehen wollte. „Man geht nicht zurück als Verlierer“, war damals der Gedanke seiner Frau. Sie blieben. Ein Jahr später liefen die Geschäfte so gut, dass sie sich ein Haus mit Pool auf einem 1 200 Quadratmeter großen Grundstück samt Angestellten leisten konnten. Doch ihr fehlte die berufliche Erfüllung.

Im Jahre 1980 eröffnete sie in einem Anbau, der von ihrer Tante samt Equipment finanziert worden war, ihr eigenes Kosmetikstudio. Dafür hat sie in einem viermonatigen Crash-Kurs ihre Ausbildung als Kosmetikerin gemacht.

Acht Jahre später – genau am 8. August 1988 – eröffnete die heute 71-Jährige einen 300 Quadratmeter großen Salon in der Stadt. Ihrem Mann war der Kundenstrom auf dem Privatgrundstück zu viel geworden.

Seit 15 Jahren ist Dieter

Gerding Honorarkonsul

Im Anbau hat Dieter Gerding übrigens seit 15 Jahren sein Büro als Honorarkonsul. Die deutsche Botschaft in Brasilien hatte ihn gefragt, ob er das Ehrenamt annehmen würde. Durch seine Nomadentätigkeit, wie Gerding seine berufliche Tätigkeit bezeichnet, hat er viele Menschen kennengelernt. Während der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr war er auch im Einsatz.

Klar hat sich Familie Gerding auch das Fußballspiel Deutschland gegen Ghana in ihrer Wahlheimat Fortaleza angeschaut. Die brasilianischen Deutschen lieben ihre Stadt – trotz der großen Kriminalität. „Ein Gespräch auf dem Bürgersteig ist nicht möglich“, sagt Gerding.

Ende des Jahres scheidet

er als Honorarkonsul aus

Alles in Brasilien angeschaut hat sich das Ehepaar, das inzwischen zwei Enkelkinder hat, noch nicht. Die Liste sei lang, die in Deutschland jedoch noch viel länger.

„Die heimatlichen Wurzeln verlangen nach Bewässerung. Es wird langsam eng“, betont Gerding mit Blick auf ihr Alter. Ende des Jahres scheidet er als Honorarkonsul aus.

Dann wollen sie ein Zugvogeldasein – ein halbes Jahr in Brasilien, das andere halbe Jahr in Deutschland – genießen. Freunde haben sie, die sich immer noch als Dülmener und Westfalen fühlen, viele. Einige werden sie in den nächsten Tagen noch besuchen, bevor sie am 17. April von Frankfurt neun Stunden lang in Richtung Brasilien fliegen. Dabei werden sie auch der Opfer des Flugzeugabsturzes über den französischen Alpen gedenken. 

SL-Ausgabe vom 8.4.2015

​Von Yvonne Reher

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