DGB-Kreisverband kritisiert Arbeitsbedingungen in der Kaserne der US-Armee in Dülmen

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DGB-Kreisvorsitzender Ortwin Bickhove-Swiderski bei der Pressekonferenz am 13. Juli, an der von Seiten der Friedensfreunde Dülmen e.V. auch Siegfried Zeller, Dr. Penelope Glenn, Dr. Michael Stiels-Glenn, Gerd Jungmann und Klaus Stegemann teilnahmen (von rechts).

Dülmen/Kreis Coesfeld. Der Kreisverband Coesfeld des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) kritisiert mit deutlichen Worten die Arbeitsbedingungen in den Tower Barracks in Dülmen. In dieser Kaserne betreibt die US-Armee seit 2017 ein Material- und Fahrzeugdepot. 

In einer Pressekonferenz am Freitag, 13. Juli 2018, an der auch Mitglieder der Friedensfreunde Dülmen e.V. teilnahmen, sprach Ortwin Bickhove-Swiderski von unzumutbaren Zuständen in den Tower Barracks - sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Umwelt. Die Streiflichter dokumentieren die Ausführungen des DGB-Kreisvorsitzenden, der nach eigenen Angaben 20 000 Mitglieder von DGB-Gewerkschaften im Kreis Coesfeld vertritt, im Wortlaut:  

„Der DGB kritisiert die unzumutbaren Arbeitsbedingungen in den Tower Barracks. Uns liegen mehrere verbindliche Aussagen von Beschäftigten und ehemaligen Beschäftigten in den Tower Barracks vor. Im Tenor sind die Aussagen deckungsgleich; es geht um schwere Verstöße gegen den Arbeitsschutz. Konkret wird dies vorgetragen: 

** Die Arbeitsbedingungen seien sehr schlecht. Vorgeschrieben sei es, dass nach zwei Stunden Schleifen eine Pause zu erfolgen hat. In den Tower Baracks hätten die Beschäftigten bis zu 11 Stunden durcharbeiten müssen.

** In dieser Zeit seien keine Ventilatoren in den Einrichtungen angeschlossen gewesen. 

** Der Arbeitgeber habe Schutzanzüge mit einer einfachen Mundmaske mit C02-Filter und einem Vorfolter von 3M verteilt. 

** Der vor einem Arbeitsgericht klagende Vorarbeiter David Wright Paterson habe mehrmals ohne Schutzkleidung in den Lackierzelten Tätigkeiten verrichten müssen; auf seinen mehrmaligen Protest hin sei ihm Einmalmundschutz wie bei einer Grippewelle ausgehändigt worden. Sein Arbeitsgerichtsverfahren ist am 25. September vor dem Arbeitsgericht Bocholt, Gerichtstag Coesfeld. 

** Da keine ordnungsgemäße Absauganlage installiert sei, seien viele Feinpartikel nach draußen in die Luft gelangt. 

** Der TÜV habe eine Anlage abgenommen, obwohl zu diesem Zeitpunkt der Motor der Anlage nicht vorhanden gewesen sei. 

** Insgesamt seien 18 Kollegen beim Ausladen von Holzkisten mit elektrischen Verteilerkästen über vier Wochen sechs bis sieben Stunden täglich mit Cadmiumdioxid kontaminiert worden. Der Chef habe erklärt, sie (die Beschäftigten) sollten sich nicht so anstellen, schließlich hätten sie nicht in dem Zeug gebadet. Von den 18 sind bereits 11 wegen der miserablen Arbeitsbedingungen weggegangen, also zu anderen Arbeitgebern. 

** Die Kisten seien draußen auf dem Gelände gelagert worden, ohne Dekontamination. Das Cadmium sei somit in die Luft und in das Dülmener Grundwasser eingedrungen. Es fehle an Abscheidevorrichtungen; diese gebe es nur an den Tankstellen und in einigen Werkstätten. 

**Es habe sich zwei Tage vorher ein Inspekteur angekündigt. Die Arbeitnehmer haben die verseuchten Kisten auseinanderschlagen und in das Gebäude Nr. 31 bringen müssen. Dem Inspekteur sei ein poliertes Gerät vorgeführt worden, er sei dann abgezogen. Dieses Gebäude 31 sei von außen nicht zugänglich. Es sei aber nach oben nicht gesichert; somit habe Sonne, Wind und Regen an das Cadmium gekonnt. 

** In den Tower Baracks seien ungereinigte Fahrzeuge aus Afghanistan, Kuweit und anderen Einsatzgebieten angeliefert worden. In den Fahrzeugen habe es eine weiße Staubschicht gegeben. Was diese Staubschicht sei, sei den Beschäftigten nicht bekannt. 

** Vor vier Wochen sei die gesamte Fahrzeugreinigung, das Abschleifen und die Lackierung in das Depot Mannheim verlegt worden. 

** Es werde von den Beschäftigten eine regelmäßige Kontrolluntersuchung vermisst. 

** Es herrsche ein Klima der Angst, der Unzufriedenheit, auch bedingt durch Tätigkeiten für Subunternehmen. Alle hätten Angst um ihren Arbeitsplatz. Zum Hintergrund: In den Niederlanden hat sich eine Initiative von ehemaligen Beschäftigten gegründet, die gegen die US-Army gerichtlich vorgeht. Diese seien durch Tätigkeiten mit Chrom6 schwer erkrankt, und ca. 100 ehemalige Beschäftigte seien an den Spätfolgen bereits verstorben, so die Initiative. Cadmium verursacht bei Einatmung Reizungen und Schäden der oberen Luftwege sowie Lungenentzündungen, aber auch Nieren- und Leberschäden bis hin zu Karzinomen.

Von Seiten des DGB erwarten wir, dass öffentliche Stellen wie die Politik in Dülmen und die Stadt Dülmen vor diesem Hintergrund aktiv werden. 

Als Pauschalausrede wird gerne vorgetragen ,Wir sind für das US-Waffendepot nicht zuständig.‘ Wenn aber giftige Stoffe wie Cadmiumdioxid in die Dülmener Umwelt gelangen, hat die öffentliche Hand vor Ort zu handeln. Wir fordern die US-Army auf, zu diesen schweren Vorwürfen Stellung zu beziehen. 

Noch am 16. Januar 2017 hatte Colonel Rodney H. Honeycott vollmundig gegenüber der Lokalpresse verkündet: ,Wir haben nichts zu verbergen.‘ Die schweren Vorwürfe sind durch den Ex-Vorarbeiter Paterson bekannt gemacht worden, jetzt schweigt der Colonel schmallippig. 

Ein weiteres Problem für Gewerkschaften ist die unübersichtliche Lage von Subunternehmen (URS, AE.Com, M+E, Pecom GmbH, Nolte, Ponds usw.). 

Die Beschwerdeführer bemängeln, dass sie mit der Army genau genommen wenig zu tun hätten. Der Stress werde ihnen von den zivilen Generalmanagern gemacht. 

Der US-Army scheint dieses System ganz recht zu sein, weil man dann durch die Vielzahl der Firmen solche Arbeitsbedingungen vor Außenstehenden vertuschen kann. Dadurch wird auch jede Organisation der Arbeitnehmer erschwert bzw. unmöglich gemacht.

Der DGB Kreisverband Coesfeld fordert: Das Amt für Arbeitsschutz muss tätig werden - in Deutschland und auf deutschem Boden gilt deutsches Arbeitsrecht und deutscher Gesundheitsschutz (Germany First!). Und wir fordern den Landesarbeitsminister Laumann auf, dem Vorgang nachzugehen. Auch die Bezirksregierung muss jetzt tätig werden.

Eine sofortige medizinische Untersuchung muss bei allen Beschäftigten, sowohl zivilen als auch militärischen, durchgeführt werden. Es muss eine strenge Kontrolle der Tower Barracks auf Einhaltung von Gesundheitsschutz, Arbeitsschutz und Umweltschutz erfolgen - zum Wohle der dortigen Beschäftigten, aber auch der Dülmener Bevölkerung. Auch eine sofortige Überprüfung der Einrichtung in Mannheim muss erfolgen. Die Inspektionsberichte müssen dann der Bevölkerung öffentlich gemacht werden. 

Der DGB wird alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen. Sollten die Verantwortlichen nicht reagieren, werden wir uns nicht scheuen, weitere staatliche Stellen einzuschalten. Dazu würde dann die Staatsanwaltschaft gehören, aber auch der Petitionsausschuss im Düsseldorfer Landtag, ebenso der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages.

Wir wollen Transparenz über diese Vorgänge auf Dülmener Boden. Es geht hier um Arbeitnehmerrecht. Jeder Verstoß ist einer zu viel. 

Neben diesen Missständen bei den Arbeitsbedingungen kritisieren wir von Seiten des DGB auch weiteres Verhalten der US-Army, die hier in Dülmen einfach nur geschmacklos ist - die Verantwortlichen verfügen offensichtlich über kein geschichtliches Grundwissen. 

Am Tag der Bombardierung von Nagasaki (zweiter Abwurf einer Atombombe) am 9.8.1945, also am Jahrestag 9.8.2018, soll in den Dülmener Tower Barracks für geladene und ausgewählte Gäste ein BBQ stattfinden. In Hiroshima und Nagasaki werden an diesem Tag die Friedensglocken erklingen. 

Wir fordern die geladenen Ehrengäste auf, der Veranstaltung möglichst fern zu bleiben. Sollte der Hunger nach BBQ dennoch so groß sein, dann sollte jeder Ehrengast die Verantwortlichen auf die Verstöße beim Arbeitsschutz ansprechen und dies den ganzen Tag über zum Thema zu machen.“

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