Militärgeschichte in Dülmen

Britische Geschichte der Tower Barracks recherchiert

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Links: Die britischen Teilnehmer bei den Münsterlandmärschen wurden durch den damaligen Vorsitzenden der RK Dülmen Klaus-Dieter Löhnert geehrt. Mitte: Jürgen Dreifke erstellte eine Chronik der britischen Geschichte der Tower Barracks. Rechts: Die britischen Soldaten, die Ende der 1980er-Jahre an den Münsterlandmärschen teilnahmen, wurden von dem damaligen Vorsitzenden der RK Dülmen, Klaus-Dieter Löhnert geehrt.

Dülmen. Bis zu 650 Soldaten und zivile Angestellte waren bei den Tower Barracks in Dülmen beschäftigt. Die Aufgabe des Depots: die Versorgung mit Ersatzteilen und Ausrüstung. Wie sich der Standort mit der Zeit entwickelte, ist ein Thema, das Jürgen Dreifke von der Reservistenkameradschaft Dülmen (RK) seit Längerem interessiert. Im vergangenen Jahr begann er damit, seine persönlichen Archive und das Internet zu durchstöbern, um eine Chronik des britischen Depots in Dülmen zu verfassen. Dafür knüpfte er Kontakt mit dem britischen Militär und schickte seine ersten Ergebnisse an das National Army Museum in London zur Überprüfung.

Pläne für das Gelände des ehemaligen Treibstofflagers der Wehrmacht gab es bereits in den 1950er Jahren. Die NATO wollte dort ein Lager einrichten. Zunächst war angedacht, dass die neu gegründete Deutsche Bundeswehr dort ein Depot einrichten sollte, letztendlich ging der Standort dann aber an die Briten. Ab 1945 gab es britische Streitkräfte zwischen dem Rhein und der dänischen Grenze. Mit dem Eintritt der BRD in die NATO änderten sich die Verteidigungspläne. „Es sollte eine Versorgungskette von Großbritannien über Belgien in den britischen Verteidigungssektor im Großraum Hannover aufgebaut werden“, erläutert Dreifke. „Dülmen war da ein passender Standort.“ 

Kontakt zwischen Britischer Armee und RK 

Die Arbeiten dazu begannen 1964, mit sechs großen Hallen auf 7 200 Quadratmetern sowie weiteren Räumlichkeiten wie Werkstätten und Unterkünften. 1974 war der Standort betriebsfähig. Gelagert wurden dort Ersatzteile und Material für militärische Übungen, zum Beispiel Zelte. Schnell entstanden Kontakte zu der Reservistenkameradschaft vor Ort. „1976 wurde eine Partnerschaft zwischen der 15. Ordnance Group und den Reservisten Coesfeld-Borken unterzeichnet“, erklärt Dreifke. „Die Kontakte sollten dadurch noch verstärkt werden. Außerdem war es wichtig, die britischen Soldaten in das Dülmener Leben zu integrieren.“ 

In den folgenden Jahren nahm die militärische Gemeinschaft an vielen Märschen und Wettbewerben der RK Dülmen statt. Auch zu gemeinschaftlichen Treffen und öffentlichen Aktivitäten wurde eingeladen. Doch auch für Kontroverse sorgten die Tower Barracks. Als die Dülmener Stadt 1983 den britischen Soldaten die sogenannte „Freedom of the City“ verlieh, mit der die Soldaten die Erlaubnis bekamen, die Stadt mit Waffen zu betreten, protestierten Friedensaktivisten. Die Zurschaustellung von Waffen und Schwertern bei Zeremonien stieß auf Ablehnung. Zu der Zeit gab es ohnehin viel Widerstand gegen die NATO-Politik und die nukleare Aufrüstung. Der Kalte Krieg war in vollem Gange. „Es ging damals darum, kämpfen zu können, aber nicht kämpfen zu müssen. Militärisch musste geplant werden, wenn auch nur zur Abschreckung“, berichtet Dreifke, der Sicherheitspolitischer Beauftragter der Reservisten der Kreisgruppe Münster ist. 

Im Prozess der Abrüstung, der zu Beginn der 90er Jahre begann, veränderten sich auch die Tower Barracks mehrfach. Die Lager, Reparatur und Versorgungsleistungen des Dülmener Depots blieben – wenn auch mit weniger Kräften vor Ort – jedoch noch länger bestehen. Auch am Dülmener Leben nahmen die Soldaten weiterhin teil. Zusammen mit den Dülmener Schützenvereinen wurden Schießwettbewerbe veranstaltet. Ein weiteres Highlight waren die Weihnachtslieder präsentiert von lokalen Chören und der „RLC Army Band“. Die Bürger konnten an den traditionellen Freudenfeuern am Guy Fawkes Day teilnehmen. Im Gegenzug kamen die Britischen Soldaten zu den jährlichen Münsterlandmärschen der RK Dülmen. Jürgen Dreifkes selbst lernte Lieutenant Colonel Frere kennen, zu dem der Kontakt während seiner Zeit in Dülmen stets gut war. Umstrukturiert wurde in der Folgezeit jedoch weiterhin. 

2011 waren nur noch 20 Personen des britischen Militärs vor Ort. „Defence Equipment und Support (DE&S)“ hatte die Truppe ersetzt. 2016 übergab die Britische Armee dann die volle Verantwortlichkeit der Tower Barracks an die Amerikanische Armee. „Mittlerweile wird die Materialversorgung im britischen Militär über ein ziviles Unternehmen geregelt“, weiß Dreifke, der an solchen Unterschieden zur Bundeswehr interessiert ist. 

Dülmen von historischem Interesse 

Neugier an der lokalen Historie hat der ehemalige Geschichtslehrer auch darüber hinaus. Die Recherche über die Tower Barracks begann für ihn über Umwegen mit dem Projekt „Fremder Nachbar“, ein Projekt der Universität Münster, bei dem die Bürgerwissenschaft gestärkt werden und Wissenslücken geschlossen werden sollen. Im Rahmen des Projekts besichtigte die Gruppe Garnisonen in Münster und Dreifke lernte Officer Hugh Pierson von der britischen Armee kennen, der sich als Legacy Officer mit der Historie der Briten in Deutschland beschäftigte. „Daraufhin begann ich zum einen mit der Recherche für die Preston Barracks in Recklinghausen, in der Nähe meiner ehemaligen Schule und mit denen zu den Tower Barracks“, beschreibt der Dülmener. Abgeschlossen sei die Recherche allerdings noch nicht. Und auch sonst gibt es viele weitere Themen aus Dülmens vielseitiger Militärgeschichte: Die Tiberstadt hatte als Garnisonsstadt stets einen militärischen Wert.

Reservistenkameradschaft

Gegründet wurde die Reservistenkameradschaft Dülmen 1969. Langjähriger RK-Vorsitzender seit den 1970er Jahren war Klaus-Dieter Löhnert aus dem Gründungsvorstand. Aktuell ist Michael Hoffmann der Vorstandsvorsitzende. Derzeit sind 102 Reservisten Teil der Gruppe. Sie sollen Bindeglied zwischen Gesellschaft und Streitkräften sein und militärisches Know-how pflegen.

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